Nicht jeder Medieninhalt ist für Kinderaugen bestimmt. Doch wie können Minderjährige besser geschützt werden?
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Nicht jeder Medieninhalt ist für Kinderaugen bestimmt. Doch wie können Minderjährige besser geschützt werden?

"Squid Game"

Kriftel: Im Netz lauern Gefahren für die Kleinsten

  • Romina Kunze
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Diplom-Soziologin Lydia Rauh zur Medienwirkung auf Minderjährige - Tipps für Eltern

Kriftel -Facebook, Instragram oder TikTok, Netflix, AmazonPrime oder Disney+ - die Möglichkeiten, sich im Internet die Zeit zu vertreiben, sind groß. Kindgerecht sind sie aber längst nicht immer. Die Gefahren für Minderjährige sind vielfältig im Netz. Häufig bekommen Kinderaugen gewalttätige oder schlichtweg ungeeignete Inhalte zu sehen. Jüngstes Beispiel: Die Netflix-Serie "Squid Game" (zu Deutsch "Tintenfisch Spiel"). Auch auf Krifteler Schulhöfen wurde das schon zum Problem.

Worum geht's: Eine Gruppe hochverschuldeter Menschen kämpft in vermeintlichen Kinderspielen um ein sattes Preisgeld. Der Clou daran: Gewinnen kann nur einer, wer verliert, wird kaltblütig erschossen; und der Zuschauer stets Zeuge der exzessiven und äußerst grafischen Gewaltdarstellung. Für zart Besaitete ist das nichts, erst recht nicht für Kinder und Jugendliche. Und dennoch dringt die südkoreanischen Kultserie bis in die Kinderzimmer und Schulhöfe vor.

Dass das auch in Kriftel der Fall ist, weiß Diplom-Soziologin Lydia Rauh von der mobilen Beratung. Mehrere Lehrer und Pädagogen hätten sie darauf angesprochen. Ihnen sei aufgefallen, dass die Schüler sich über die Serie unterhalten, konkrete Szenen gar nachspielen. Dass es - wie in anderen Kommunen des Kreises - bereits in Kitas thematisiert werden würde, ist Rauh bislang nicht zu Ohren gekommen.

"Diese Serie ist zweifelsfrei nicht für Kinder geeignet", stellt sie unmissverständlich klar. Aber: Kinder seien sich der tieferen und komplexeren Bedeutung des Inhalts nicht immer bewusst, so Rauh. Für manche sei es nur ein Spiel, wie etwa im Sportunterricht. Auch dort könne man schließlich Konkurrenten "aus-machen", wie zum Beispiel durch Abwerfen beim Völkerball.

Eltern und Pädagogen sollten Dialog suchen

Tatsächlich sind die Spiele in "Squid Game" dem kindlichen Bereich entliehen. Die Teilnehmer messen sich etwa im Tauziehen oder müssen in einer Disziplin, das dem deutschen "Donner, Wetter, Blitz"-Spiel ähnelt, ungesehen von der einen Seite des Feldes auf die andere gelangen. Nur dass diese Spiele eben eine perfide Wendung nehmen. Dass in der Serie der tödliche Wettstreit vorrangig der Unterhaltung einiger Reichen dienen soll, verstärkt die groteske und nicht jugendfreie Handlung nur noch.

Umso wichtiger sei es für Eltern und Pädagogen, laut Rauh, sich mit dem Thema Medienkompetenz auseinanderzusetzen und den Dialog zu den Minderjährigen zu suchen. Wie Kinder und Jugendliche auf nicht altersgerechte Medieninhalte reagieren, ist unterschiedlich, "es ist nicht so, dass Gewaltdarstellung unbedingt zu gewalttätigen Verhalten der Kinder führt", erklärt Rauh. Doch könne es bewirken, dass Kinder plötzlich nicht mehr alleine schlafen könnten, Schlafstörungen bekämen oder bestimmte Ängste entwickeln. Das könne allerdings bei allerlei Medieninhalte der Fall sein, betont Rauh.

Dass den Nachwuchs möglicherweise etwas beschäftige, zeigt sich zum Beispiel an der Sprache. Also wenn Kinder auf einmal bestimmte Ausdrücke benutzen, die sie vorher nicht kannten. Auch das generelle Verhalten könnte ein Indiz dafür sein. "Eltern kennen ihre Kinder am besten", sagt Rauh. Wann immer sie das Gefühl hätten, Verhaltensweisen passen nicht oder irritieren sie, sollten Eltern ihre Kinder darauf ansprechen.

Kritisch mit den Inhalten befassen

Zugegeben, neu ist das Problem mit der Medienwirkung auf Minderjährige nicht. "Es war schon immer so, dass Kinder Inhalte konsumiert haben, die nicht geeignet sind", sagt auch Rauh. Doch vor allem durch die Pandemie, als Freizeitmöglichkeiten geschlossen waren, sei die Nutzungszeiten der Heranwachsenden gestiegen.

Erschwerend hinzu kommt, dass Eigenproduktionen der Streaming Dienste, wie "Squid Game" eine ist, nicht der Freiwillige Selbstkontrolle der Filmwirtschaft (FSK) unterliegen. Die Altersfreigabe erfolgt dann nach Ermessen des Anbieters. Deshalb hätten Eltern es mitunter schwer, die Inhalte korrekt einzuschätzen. Das entbinde sie nach Meinung von Rauh aber nicht davon, sich kritisch mit dem Thema zu befassen. Zumal in den letzten Jahren vermehrt gefährliche Trends und Challenges im Internet kursierten.

Was also können Eltern tun? Zum einen technische Mittel, wie bestimmte Filterfunktionen von Anwendungen oder regulierte Bildschirmzeiten für den besseren Schutz der Kinder nutzen. Das seien allerdings nur ergänzende Hilfsmittel. Denn vor allem anderen steht das Interesse für das, was das eigene Kind tut und schaut sowie der Dialog, sagt die Diplom-Soziologin Rauh.

In einem ersten Schritt sollten Eltern sich über das, was die Kinder konsumieren, informieren und ein eigenes Bild machen. Diese Inhalte dann anschließend einordnen: Wie bedenklich ist es für mein Kind? Bei Serien wie "Squid Game" ist es unstrittig. Dann sollten Eltern mit dem Kind ins Gespräch gehen, allerdings stets reden, niemals urteilen, so Rauh. Und Fragen stellen, um Erkenntnisse zu gewinnen: Was schaust du dir an? Und warum?

Letztlich müssten sich Eltern fragen, welche Schlüsse sie daraus ziehen und eventuell strikte Grenzen setzen; auch auf die Gefahr hin, sich bei dem Kind unbeliebt zu machen. "Je jünger die Kinder sind, desto enger müssen ihre Rahmen für den Mediengebrauch sein", setzt Rauh an. Doch in einem Kontrollzwang sollte der Wunsch nach Jugendschutz nicht ausarten. Schließlich müssten die Heranwachsenden irgendwann eigenständig den Umgang mit den Medien lernen.

Extra: Hilfreiche Handy-Einstellungen und Funktionen

Das oberste Gebot für Jugendschutz im Internet heißt nach der Expertin Lydia Rauh: Interesse zeigen. Was schaut sich mein Kind da eigentlich an? Womit beschäftigt es sich? Zudem können Eltern die diversen Apps gemeinsam mit ihren Kindern einrichten und so gewisse Filter- und Schutzfunktionen aktivieren. Das Profil des Kindes sollte auf den Social Media Plattformen immer auf "privat" gesetzt sein. Auf TikTok zum Beispiel, gilt seit vergangenem Jahr für Minderjährige zwar besonderer Jugendschutz. Der greift allerdings nur, wenn das Alter wahrheitsgemäß angegeben wurde. Über den "begleiteten Modus" können Eltern über ihr Handy die TikTok-Nutzung des Kindes begrenzen und eine Nutzungszeit festlegen. Dafür müssen sie die App ebenfalls installieren. Private Nachrichten-Chats des Kindes können zum Schutz dessen Privatsphäre nicht gesehen werden. Eine ähnliche Einstellung gibt es auch für den PlayStore. rku

Lydia Rauh

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