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Eine Gedenkstein hängt an der Stelle, wo Silke Thielsch starb.

Prozess

Landgericht gibt heute Urteil im Fall Thielsch bekannt

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Während Staatsanwaltschaft und Nebenkläger für den jungen Mercedesfahrer, der Silke Thielsch anfahren und über 400 Meter mitgeschleift hat, eine mehrjährige Haftstrafe fordern, plädieren die Verteidiger auf eine Bewährungsstrafe.

Update:

Bis auf den letzten Platz besetzt sind jedes Mal die Zuschauerreihen, wenn im Frankfurter Landgericht der Fall um den Todesfahrer der Kriftelerin Silke Thielsch verhandelt wird. Fest im Ortsgeschehen eingebrannt ist die Nacht nach dem fröhlichen Obstfest, als die 41-Jährige aus den Armen ihres Verlobten gerissen und unfassbare 437 Meter weit unter dem Auto mitgeschleift wurde. Eine unbegreifliche Tat mit unglücklichem Verlauf, zu dem es keine Parallelen gibt. So hatte der Sachverständige für sein technisches Gutachten bei seinen deutschen Kollegen vergeblich nach Erklärungen geforscht, wie es sein könne, dass sich ein Bein komplett im Radkasten verhakt.

Nur wenige Sekunden hatte sich die angefahrene Silke Thielsch auf der Motorhaube des Mercedes halten können, bevor ihre Beine wegknickten und sie urplötzlich unter dem Wagen verschwunden war. „Auf einmal war sie weg“, mit diesem Satz beschreiben die vielen Zeugen das schockierende Ereignis, das sich vor ihren Augen am 6. September 2015 abgespielt hatte.

Manchem Obstfestbesucher klingt heute noch das verzweifelte Rufen des Verlobten in den Ohren, der nach seiner Frau sucht. Für die Zuhörer in Saal 9, die die sympathische Handballmanagerin liebten, sind die vielen Details aus den Gutachten nur schwer zu verkraften. Wie der Körper der Freundin über den Boden schleifte, bevor sie durch die Kompression des sich auf- und abhebenden Wagens den Erstickungstod starb, wo genau die Daunenfedern ihrer Weste die Straße säumten, wo Kopfhörer oder eine Schnalle der Tasche gefunden und schließlich Spuren von Haut sichtbar wurden.

Noch schwerer ist es für den Verlobten, der fast alle Verhandlungstage als Nebenkläger verfolgte, dem traumatisierten Bruder fehlt selbst dazu – bis auf den letzten Tag – die Kraft. Die Wut auf den Mann, der Silke aus dem Leben gerissen hat, ist bei vielen spürbar, einige äußern Worte auf dem Gerichtsflur, die ihrerseits Grenzen überschreiten, was von den Juristen immer wieder angemahnt wird.

Denn wie viel Schuld der 27-Jährige tatsächlich auf sich geladen hat, das müssen der Richter, die beiden Beisitzer und die beiden Schöffen entscheiden. Eigentlich nämlich kommt er aus einem geordneten Elternhaus, nur manchmal leicht reizbar, aber nicht so, dass man ihm die Tat hätte zutrauen können, wie der Gutachter in der Bewertung der Persönlichkeit wiedergab. Sich aufregen, wenn es im Verkehr mal nicht so lief, das konnte er wohl, hatten die beiden Beifahrer und – inzwischen ehemaligen – Freunde vor Gericht erzählt. „Mach keinen Mist“, so oder ähnlich hatten sie ihn davon abhalten wollen, auf das sich küssende Paar auf dem Zebrastreifen zuzufahren und wenigstens anzuhalten, als die Frau vom Kühler verschwindet.

Warum stoppt er nicht, warum fährt er das Paar einfach um? Er habe am Navi gespielt, erst spät nennt die Verteidigung diese Begründung. Eine „Schutzbehauptung“ urteilen der Staatsanwalt und seine Kollegin in ihrem Plädoyer. Vielmehr habe er sich wohl geärgert, dass das Paar nicht aus dem Weg ging und durch das drauflos Fahren ihren Tod billigend in Kauf genommen.

Wegen Totschlags fordert die Staatsanwaltschaft sechseinhalb Jahre Freiheitsstrafe, die Nebenklage sogar eine Strafe im zweistelligen Bereich. Dass der Prozess auch für den Angeklagten eine große Belastung ist, streitet keiner ab. Den Blick meist nach unten gewandt, muss er wieder und wieder hören, wie viel Schmerzen er dem Opfer und den Angehörigen zugefügt hat. Zwischenzeitlich wird er wegen eines lebensbedrohlichem Pneumathorax behandelt. Stressbedingt, sagen seine Anwälte.

Er würde alles dafür tun, den Tag ungeschehen zu machen, sagt er. Niemals habe ihr Mandant gedacht, dass die Frau unter sein Auto gelangt sei, sondern geglaubt, sie sei seitlich abgerutscht und im Gebüsch gelandet wie der Verlobte, sagten die Verteidiger. Und so plädieren sie für eine fahrlässige Körperverletzung mit Todesfolge, vor allem aber dafür, dass man einem jungen Mann, der einmal einen schlimmen Fehler begangen habe, durch eine zweijährige Bewährungsstrafe eine Chance gibt. Das Urteil wird die 21. Große Strafkammer heute um 11.30 Uhr, in Gebäude E, Saal 9, bekanntgeben.

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