1. Startseite
  2. Region
  3. Main-Taunus
  4. Kriftel

Spielen gegen den Kummer

Erstellt: Aktualisiert:

Von: Romina Kunze

Kommentare

Heitere Runde: Nelli Balota schnappt ihrer Mutter Iryna sowie den "Spiel-Punkt"-Betreibern Detlef Braun und Jago Lehman (von rechts nach links) die Karte vor der Nase weg. Die Ukrainerin hält viel von dem Spiel-Angebot für ihre Landsleute.
Heitere Runde: Nelli Balota schnappt ihrer Mutter Iryna sowie den "Spiel-Punkt"-Betreibern Detlef Braun und Jago Lehman (von rechts nach links) die Karte vor der Nase weg. Die Ukrainerin hält viel von dem Spiel-Angebot für ihre Landsleute. © Kunze

Solidarität der etwas anderen Art mit ukrainischen Flüchtlingen gibt es im Krifteler "Spiel-Punkt".

Kriftel -In einer Zeit, in der ein Krieg in Europa wütet, Geflüchtete zum Spielen zu animieren mag zunächst etwas seltsam klingen. Doch genau das machen Detlef "Charly" Braun und Jago Lehmann vom "Spiel-Punkt", und zwar aus gutem Grund: Dreimal die Woche laden sie geflüchtete Familien aus der Ukraine in ihre "Spiel-Stube" ein, um bei Gesellschafts- und Knobelspielen auf andere Gedanken zu kommen. Zuspruch kommt schon jetzt von einer ukrainischen Familie.

Die Idee: Spielen gegen den Kummer und den Krieg. Brauns Konzept, Jung und Alt seine Ladentür für eine computerfreie Spielrunde zu öffnen, ist an sich nicht neu. Das Angebot läuft unter dem Namen "Spiel-Café", bei dem sieben Tage die Woche eine "kleine Pause von zu Hause" gebucht werden kann. Wichtig ist ihm eine gewisse kognitive Komponente: Gehirn-Jogging steht bei seinen Spielen im Vordergrund. Das Neue daran: Ukrainische Flüchtlingen können nun dieses Angebot der spielerischen Auszeit im Spiel-Punkt nutzen; kostenlos.

"Man denkt ja viel über die Flüchtlinge nach und wie man helfen kann. Und wir können eben spielen", erklärt Braun die Hintergründe der Aktion. Die grausamen Kriegsbilder aus der Ukraine lassen ihn "wütend und hilflos" zurück. Spielen ist seine Art der Solidarität. Mit Mitarbeiter Lehmann besprach er vor zwei Wochen die Idee, tags darauf war der Flyer mit dem Angebot schon im Netz.

Noch sind der Einladung keine ukrainischen Kinder und Erwachsene gefolgt. Eine Gastfamilie aus Hattersheim, die eine ukrainische Frau mit drei Kindern aufgenommen hat, erkundigte sich aber prompt danach. Da die vier Schutzsuchenden weder Deutsch noch Englisch sprechen, kam die Anregung, den Flyer ins Ukrainische übersetzen zu lassen.

Gesagt, getan: Braun bat seine Bekannte Nelli Balota um Unterstützung. Die 38-Jährige ist gebürtige Ukrainerin, lebt und arbeitet seit Jahren in Deutschland. Über ihre Tätigkeit bei der Sportjugend in Zeilsheim kennen sie sich. Mit 23 Jahren kam Balota damals als Au-pair nach Frankfurt und verliebte sich schnell in ihre neue Wahlheimat. Ein Studium an der deutschen Sporthochschule in Köln folgte. Seit rund vier Jahren steht sie nun mit Braun und Lehmann in beruflichem und freundschaftlichem Austausch, holt sich gerne Tipps über Denksport bei den "Spiel-Punkt"-Experten ein.

"Viele sind alleine mit ihren Problemen"

Als Braun mit seinem Anliegen auf sie zukam, zögerte sie nicht lange. "Ich möchte schließlich meinen Beitrag leisten, um den Flüchtlingen hier zu helfen", erklärt sie. Für sie eine Herzens-Angelegenheit: Ihre Eltern sind aus der Ukraine geflohen. Mit Kriegsbeginn Ende Februar entschlossen sie sich, ihre Heimat zu verlassen, packten nur das Nötigste und fuhren los.

Von dem kleinen Dorf in der Region Transkarpatien nahe der ungarischen Grenze brauche man eigentlich nur knapp eine Stunde bis ins Nachbarland. Während der Flucht dauerte es sechsmal so lange, ehe Iryna Balota und ihr Mann die Grenze zum EU-Staat überquerten. Über Ungarn und Prag kamen sie zwei Tage später bei Tochter Nelli in Frankfurt an. Viele Verwandte und Freunde sind noch in der alten Heimat.

Beim Gedanken an sie und den Krieg wird die sonst aufgeweckte Nelli Balota still. "Es zerreißt mir das Herz und die Seele", sagt sie. Auch wenn sie schon lange in Deutschland sei, fühle sie sich mit der Ukraine noch sehr verbunden. Daher sei das Angebot im "Spiel-Punkt" für sie so wichtig: "Man kommt auf andere Gedanken." Sich nur mit dem Krieg zu befassen mache krank, sagt sie. "Dann sitzt man alleine zu Hause mit seinen Problemen."

Das sehen Braun und Lehmann ähnlich. Letztlich hätten sie sich deshalb dagegen entschieden, in die Unterkünfte zu gehen, sondern die Flüchtlinge zu sich einzuladen. "So kommen sie mal raus, treffen andere; im Idealfall fällt ihnen die Eingewöhnung dadurch leichter", sagt Braun. Spielen sei schließlich universell; die Sprache meist zweitrangig. Im "Spiel-Punkt" gäbe es genügend Spiele, bei denen die Verständigung jedenfalls kein Problem sei, versichert Lehmann.

Wie etwa beim Kartenspiel "Dobble". Jeder Spieler bekommt eine der runden Karten, auf denen bunte Symbole prangen. Die restlichen liegen gestapelt in der Mitte. Derjenige, der zuerst das Symbol ausmacht, das sowohl auf seiner Karte als auch auf der obersten in der Mitte ist, darf zugreifen. Wer am Ende die meisten Karten hat, gewinnt.

"Sie können auf das Symbol zeigen oder es nennen", sagt Lehmann. "Auch in der Muttersprache", sagt Braun. Es geht ja um den gemeinsamen Spaß. Und der kenne schließlich keine Sprachbarriere.

Infos zum Angebot gibt es auch auf Ukrainisch

Ab sofort steht der "Spiel-Punkt" (Am Holzweg 26) geflüchteten Familien aus der Ukraine jeden Alters immer dienstags, mittwochs, donnerstags von 10 bis 12 Uhr und von 15 bis 17 Uhr (oder nach Vereinbarung) kostenlos offen. Eine Online-Anmeldung ist erforderlich. Anmeldung, weitere Infos - auch in ukrainischer Sprache - unter: https://www.spiel-punkt.de/ukraine/ rku

Auch interessant

Kommentare