Seit einigen Monaten erinnert eine Gedenktafel an einer Mauer an der Kapellenstraße an den furchtbaren Tod von Silke Thielsch.
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Seit einigen Monaten erinnert eine Gedenktafel an einer Mauer an der Kapellenstraße an den furchtbaren Tod von Silke Thielsch.

Landgericht Frankfurt

Unfalltod von Silke Thielsch: Endlich Prozess zur Todesfahrt

  • Ulrike Kleinekoenen
    vonUlrike Kleinekoenen
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Der Mercedes-Fahrer, der im September 2015 die Teammanagerin der Handballerinnen der Turn- und Sportgemeinde angefahren und dann mitgeschleift haben soll, muss sich ab Dienstag wegen Totschlags verantworten.

Kerzen stehen auf der Mauer kurz hinter der Einfahrt von der Landstraße L 3011 in die Kapellenstraße. Auch auf dem Fußweg brennen abends Kerzen vor der kleinen, schlichten, grauen Gedenktafel. Darauf der Name „Silke Thielsch“, der allein schon vielen Autofahrern und Kriftelern das Grauen in Erinnerung ruft, das hier vor gut zwei Jahren geschehen ist, als die 41-Jährige auf grausame Weise ums Leben kam. Jetzt, fast 25 Monate später, beginnt der Prozess um den Tod von Silke Thielsch.

Vor dem Landgericht Frankfurt wird ab der kommenden Woche das schreckliche Geschehen der Nacht vom 5. auf den 6. September 2015 juristisch aufgearbeitet. Dabei hatte der Abend des 5. September 2015 so fröhlich auf dem Hoffest auf der Hohlmauer begonnen. Dort hatte die beliebte Team-Managerin der 1. Damen-Handballmannschaft der Turn- und Sportgemeinde Kriftel (TuS) mit Sportlerinnen und Bekannten gefeiert. Kurz nach Mitternacht machte sie sich gut gelaunt mit ihrem Lebensgefährten auf den Heimweg nach Marxheim. Am Zebrastreifen des Kreisels wartete das Pärchen auf ein Taxi. Dann kam der Mercedes-Fahrer.

Als das Pärchen nicht gleich Platz machte, hupte der damals 25 Jahre alte Autofahrer. Dann fuhr er wenige Meter an, stoppte den Wagen wieder und gab dann Gas. Der Lebensgefährte von Silke Thielsch konnte noch zur Seite springen, die 41-Jährige wurde von dem Wagen erfasst und mitgeschleift. Etwa 400 Meter weit. Die Todesfahrt führte um den Kreisel herum und die Straße hinunter, erst hinter der Kreuzung endete sie. Silke Thielsch hatte keine Chance.

Die ermittelnden Beamten der Hofheimer Kriminalpolizei haben damals in den folgenden Wochen akribisch den Unfallhergang rekonstruiert. Hubschrauber waren im Einsatz, der Leiter der Polizeidirektion Main-Taunus, Peter Liebeck, stockte die Ermittlungsgruppe des Verkehrsdienstes mit zusätzlichen Beamten auf. Sie befragten viele Zeugen, die sich nach der Tat bei der Kripo gemeldet hatten und ihre Beobachtungen zu Protokoll gaben. Zudem wurden Gutachten in Auftrag gegeben. Kein Puzzleteil in dem Geschehen sollte übersehen werden, so der damalige Pressesprecher Daniel Kalus-Nitzbon.

Weil sich jedoch später Gutachten verzögerten oder fehlerhafte noch einmal überarbeitet werden mussten, hatte es bis Dezember vergangenen Jahres gedauert, bis die Staatsanwaltschaft Frankfurt schließlich Anklage erhob. Dabei wurde jedoch offenbar die Schwere des Geschehens insoweit gewürdigt, indem sie nicht, wie bei tödlichen Unfällen sonst meist die Regel, Anklage wegen Körperverletzung mit Todesfolge erlassen hat. Der Mercedes-Fahrer muss sich nun wegen Totschlags verantworten, was mit einer Freiheitsstrafe zwischen 5 und 15 Jahren geahndet wird.

In der Begründung der Anklageerhebung erklärt die Staatsanwaltschaft das Geschehen so: „Aus Verärgerung darüber, dass das Pärchen in dem Kreisverkehr auf einem Zebrastreifen der Fahrbahn stand und sich küsste, soll der Angeschuldigte mit seinem Pkw der Marke Mercedes zunächst kurz angefahren und etwa zwei bis drei Meter vor den beiden sofort wieder angehalten haben. Als die beiden sich dennoch nicht von der Straße entfernten, soll er mit seinem Wagen unter billigender Inkaufnahme auch tödlicher Verletzungen unvermittelt auf sie zu gefahren sein.“

Im weiteren führte die Staatsanwaltschaft aus, dass, während der Lebensgefährte nach hinten auf den Rücken gefallen sei, Silke Thielsch erfasst und über die Motorhaube geschleudert und „eingeklemmt“ wurde, während der Unfallfahrer mit „unvermittelter Geschwindigkeit“ weitergefahren sei. Bei dem Mercedes-Fahrer wurde später ein Atem-Alkohol-Wert von 0,82 Promille gemessen. Ob dies bei der Bewertung der Tat für die Juristen eine Rolle spielt, bleibt abzuwarten. Von einer absoluten Fahruntüchtigkeit wegen Alkohols gehen die Fachleute jedoch bei 1,1 Promille Blutalkohol aus.

Das gesamte Geschehen wirft noch einige Fragen auf, auf die sich nicht nur die Angehörigen und Freunde eine Antwort in dem bevorstehenden Prozess erhoffen. Kaum vorstellbar, dass der Autofahrer nicht gemerkt hat, dass er die große sportliche Frau an seinem Wagen mitschleift. In diesem Zusammenhang liegt das Augenmerk der Richter sicherlich auch auf den beiden Männern, die bei der Horrorfahrt mit im Mercedes saßen. Haben sie versucht, den Fahrer zu stoppen? Wenn ja, warum hat er darauf nicht reagiert?

Großes Unverständnis herrscht bei vielen Menschen, die großen Anteil an dem Unfall genommen hatten, warum der Mercedes-Fahrer bis zum Prozessauftakt auf freiem Fuß geblieben ist. Da der junge Mann, der in Sachsenhausen lebt, einen festen Wohnsitz vorweisen kann, gäbe es keine Haftgründe, hatte die Sprecherin der Staatsanwaltschaft, Nadja Niesen, mehrfach betont.

Mit großer Bestürzung war der Tod von Silke Thielsch in der Region aufgenommen worden. In einer bemerkenswerten Trauerfeier hatten in der Großen Schwarzbachhalle Familie, Bekannte, Sportfreunde und Kollegen Abschied von der beliebten Hofheimerin genommen.

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