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Prozess

Verteidigung und Staatsanwaltschaft haben Revision gegen das Urteil im Thielsch-Prozess eingelegt

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Das Urteil gegen den Mercedes-Fahrer, der vor über drei Jahren am Zebrastreifen an der Hohlmauer Silke Thielsch angefahren und über 440 Meter mitgeschleift hat, ist noch nicht rechtskräftig. Es kann dauern, bis der Bundesgerichtshof seine Entscheidung trifft.

Anfang September standen wieder zahlreiche Lichter an der kleinen grauen Gedenktafel an der Hofheimer Straße. Dort, wo Silke Thielsch zu Tode gekommen ist. Mehr als drei Jahre ist dies nun schon her. Und für viele ist bis heute noch unfassbar, was an dem 6. September 2015 geschah. Die 41 Jahre alte Teammanagerin der Krifteler Handball-Frauen hatte nach dem Besuch eines Festes an dem Zebrastreifen auf der Hohlmauer ihren Lebensgefährten geküsst. Ein 27 Jahre alter Mercedes-Fahrer hatte, als das Pärchen trotz Hupens nicht Platz gemacht hatte, einfach Gas gegeben und war auf den Zebrastreifen zugefahren. Das Auto erfasste die Frau, die etwa 440 Meter mitgeschleift wurde. Erst hinter der Kreuzung der L 3011 endete die grauenvolle Todesfahrt (das Kreisblatt berichtete mehrfach).

Die Ermittlungen hatten sich unter anderem durch fehlerhafte Gutachten in die Länge gezogen, erst im Oktober vergangenen Jahres wurde der Prozess gegen den Mercedes-Fahrer eröffnet. Nach längeren Unterbrechungen, da sich unter anderem der Angeklagte in ärztliche Behandlung begab, hatte Ende Februar dieses Jahres das Frankfurter Landgericht ein Urteil – fünf Jahre und sechs Monate auf Bewährung – verkündet. Doch dieses ist noch nicht rechtskräftig. Und wann das sein wird, ist derzeit noch gar nicht absehbar. Sowohl die Verteidigung des Angeklagten als auch die Staatsanwaltschaft haben Revision gegen das Urteil eingelegt.

„Wegen vorsätzlicher Körperverletzung mit Todesfolge in Tateinheit mit vorsätzlicher Körperverletzung und schwerer Verkehrsgefährdung“ hatte die Große Strafkammer des Frankfurter Landgerichts den damals 27-Jährigen verurteilt. Verärgert über die Situation, wie sie Autofahrer alltäglich im Stau erleben, hätte es für den Angeklagten viele Möglichkeiten gegeben, anders auf das Paar zu reagieren, das sich auf dem Zebrastreifen küsste, so der Vorsitzende Richter bei der Urteilsverkündung. Er hätte drumherumfahren oder hupen können, die Lichthupe einsetzen, das Fenster herunterkurbeln und schimpfen, sogar aussteigen und beleidigen können. Das alles tat er nicht, „sondern fährt stattdessen völlig sinnlos drauflos“, erklärte der Richter Volker Kaiser-Klan das Strafmaß. Eine Bewährungsstrafe, wie sie die Verteidigung gefordert hatte, werde diesem Geschehen nicht gerecht, so der Richter damals. Doch auch so hoch wie die Staatsanwaltschaft, die sechs Jahre und sechs Monate Haft gefordert hatte, ging das Gericht nicht. Zugunsten des Angeklagten wurde gewertet, dass er nicht vorbestraft und weitgehend geständig war.

Sowohl die Verteidigung des Angeklagten als auch die Staatsanwaltschaft haben Revision gegen das Urteil eingelegt, bestätigte auf Anfrage des „Kreisblatts“ die Generalstaatsanwaltschaft in Karlsruhe. Zu den Inhalten schweigt die Pressestelle. Allerdings ist davon auszugehen, dass der Verteidigung die Strafe zu hoch ist, wogegen die Staatsanwaltschaft eine höhere Haftstrafe fordert.

Doch bis hier mit einer Entscheidung zu rechnen ist, ist noch nicht absehbar. Die Unterlagen, in denen die Parteien ihre Revision begründen, sind noch bei der Generalbundesanwaltschaft in Karlsruhe, die sie nach der Sichtung an den Bundesgerichtshof (BGH) , ebenfalls in Karlsruhe, weiterleiten wird. Wann? Auf diese Frage gibt es von der Generalbundesanwaltschaft keine Antwort. Genauso wenig ist abzuschätzen, wie lange der zuständige 2. Senat des Bundesgerichtshofs brauchen wird, um zu einer Entscheidung zu kommen. Bleibt die Revision erfolglos, wird das Urteil des Landgerichts mit der Entscheidung des Revisionsgerichts rechtskräftig. Hat sie zumindest teilweise Erfolg, so trifft das Revisionsgericht meist keine eigene Entscheidung, sondern hebt das angefochtene Urteil auf und verweist die Sache zur neuen Entscheidung an die Instanz zurück, die das angefochtene Urteil gesprochen hat. Das heißt, eine andere Strafkammer des Landgerichts müsste eine neue Entscheidung treffen.

Bis es ein rechtskräftiges Urteil gibt, bleibt der Mercedes-Fahrer weiterhin auf freiem Fuß.

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