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Zeuge spricht im Thielsch-Prozess: „Sie haben diese Frau ermordet“

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Von: Robin Kunze

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Verteidigen den Angeklagten auch physisch: Die Anwälte Thomas Scherzberg (links) und Edgar Fiebig schirmten Hendrik R. schon am zweiten Verhandlungstag im Februar vor Kameras ab.
Verteidigen den Angeklagten auch physisch: Die Anwälte Thomas Scherzberg (links) und Edgar Fiebig schirmten Hendrik R. schon am zweiten Verhandlungstag im Februar vor Kameras ab. © Knapp

Am vierten Verhandlungstag zeigt sich erneut, wie schwer die Wahrheitsfindung siebeneinhalb Jahre nach den Geschehnissen ist.

Kriftel/Frankfurt. Es war am Donnerstag ein langer und zäher Prozesstag im Fall Silke Thielsch, bei dem gleich sieben Zeugen aus der Todesnacht am Landgericht Frankfurt ausgesagt haben. Wirklich Neues kam dabei nicht zutage, doch eine Aussage ließ aufhorchen. „Sie haben diese Frau ermordet“, bestätigte Pawel S. gestern Mittag einen Satz, den er am 6. September 2015 dem Fahrer des silbernen Mercedes, der Silke Thielsch aus dem Leben riss, an den Kopf warf. In Reichelsheim (Odenwald) wohnhaft, befand sich der damals 66-Jährige zusammen mit seiner Ehefrau zu Besuch bei Freunden in Kriftel. Gemeinsam verweilte man auf dem Hoffest des Obsthofes am Berg und war zu später Stunde bereits auf dem Heimweg, als der Wagen in den nahe gelegenen Verkehrskreisel einfuhr.

Erinnerungslücken nach siebeneinhalb Jahren

Personen seien von der Fahrbahn ins Gebüsch gesprungen, dann habe er eine Frau auf der Motorhaube des fahrenden Wagens gesehen. Diese hätte auch der Fahrer wahrnehmen müssen, so der Zeuge, der zunächst von einem „Scherz“ ausging, dann aber schnell gemerkt habe, dass sich die Frau in einer gefährlichen Lage befände. Als diese von der Motorhaube verschwunden, im Kreiselbereich aber nicht auf dem Boden zu sehen gewesen sei, habe er versucht dem Auto hinterher zu laufen. Dieses habe aber zu viel Vorsprung gehabt und dann zudem auch beschleunigt. Erst mehrere hundert Meter weiter, jenseits der Landstraße, sah er das nun zum Stillstand gekommene Fahrzeug wieder. Ein Bein habe aus dem Radkasten herausgeragt, der Fahrer, ein „junger Mann“, habe ruhig neben dem Auto gestanden. Dann sprach Pawel S. ihn an.

Ob er den Fahrer aus jener Nacht wiedererkennen würde, wollte Richter Jörn Immerschmitt wissen, woraufhin er den Angeklagten Hendrik R. bat, die FFP2-Maske, die er während des gesamten Prozesstages trug, kurz zu lüften. Nein, gestand der Zeuge, er könne sich nicht erinnern. Schon bei seiner polizeilichen Vernehmung am 17. September 2015, also nur elf Tage nach den tragischen Geschehnissen, gab er zu Protokoll, den Fahrer vermutlich nicht wiedererkennen zu können. Aussagen wie „das weiß ich nicht mehr“ und „daran kann ich mich nicht erinnern“ bekamen sowohl Richter, Beisitzer, Staatsanwalt, Nebenkläger, Verteidiger und Sachverständiger mehrmals an diesem Prozesstag zu hören. Das sei angesichts einer Zeitspanne von siebeneinhalb Jahren seit der Todesnacht von Silke Thielsch auch nicht ungewöhnlich, wie Immerschmitt den geladenen Zeugen ein ums andere Mal versicherte.

Neben Pawel S. sprachen außerdem jeweils drei Zeugen aus zwei verschiedenen Personengruppen, die die Geschehnisse des 6. September 2015 jeweils aus einem anderen Blickwinkel verfolgt haben wollen. Christine K., Hans R. und Susanne R. standen nach eigenen Aussagen am Kreisel kurz vor der Brücke, die in Richtung Marxheimer Weg führt. Julius G., Dominik P. und Franziska L. befanden sich hingegen auf der anderen Seite des Kreisels und warteten dort auf einem Grünstreifen zwischen der Straße „Auf der Hohlmauer“ und der Einfahrt zur Konrad-Adenauer-Schule. Mit Ausnahme von Franziska L., die sich zunächst mit dem Rücken zum Kreisel befand, gaben alle Befragten am Donnerstag zu Protokoll, sich an eine auf der Motorhaube eines fahrenden Autos sitzende Person erinnern zu können. Anders als Pawel S., der glaubte, die Person befand sich mit dem Gesicht in Richtung Fahrzeuginnenraum, sagten die anderen Zeugen aus, dass die Person mit dem Gesicht in Fahrtrichtung auf der Motorhaube saß.

Im Zuge dieser Schilderung kam es gegen Ende des mehrstündigen Prozesstages zu einem kleinen Wortgefecht zwischen Immerschmitt und Edgar Fiebig, einem der beiden Verteidiger des Angeklagten. Als der Richter eine Zeugenaussage gegenüber der Polizei fälschlicherweise mit „Frau auf einer Motorhaube“ statt „Person auf einer Motorhaube“ wiedergab, wurde er von Fiebig korrigiert. Der Richter rechtfertigte seinen Fauxpas, woraufhin der Verteidiger betonte, er habe seine Korrektur „nicht böse gemeint“. „Ich habe sie aber ein bisschen böse aufgenommen, aber ich bin auch sensibel“, entgegnete Immerschmitt, ehe es weitergehen konnte. Die Anekdote zeigt: Es geht bei dem erneuten Prozess um Details.

„Das dauerte alles nur ein paar Sekunden“

Wie schnell fuhr Hendrik R. beim Einfahren in den Kreisel? Beschleunigte er innerhalb des Kreisels, und wenn ja, wie stark? Und an welcher Stelle? Fuhr er mittig, oder aber doch so weit links oder rechts, als dass das von mehreren Zeugen beschriebene abrupte „Auf und Ab“ seines Fahrzeugs vom Kontakt mit einem Bordstein und nicht vom Überfahren einer Person herrühren könnte? Gab es einen Schrei? Wenn ja, wer schrie? Ging vom Fahrzeug ein Geräusch aus, das auf durchdrehende Räder, einen aufheulenden Motor oder aber doch auf ein Abbremsen hindeutete? Mit jedem Zeugen wurde der lange Fragenkatalog erneut abgearbeitet. Dass jene Nacht bereits siebeneinhalb Jahre her ist, war nicht das einzige Problem. „Das dauerte alles nur ein paar Sekunden“, erklärte Pawel S. die Erinnerungs- und Wahrnehmungslücken.

Fortgesetzt wird der Prozess nächsten Donnerstag, 23. März. Es sollen technische Fragen zum Fahrzeug geklärt werden. Zudem sollen im Verlauf der Verhandlung auch noch weiter Zeugen aussagen.

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