Selbst absichern

Kein Regenrückhaltebecken in Liederbach

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Häuser und Wohnungen wird es nach dem Bürgerentscheid zum Areal „Nördlich Weingärten“ nicht mehr geben. Allerdings auch kein Rückhaltebecken für starke Regengüsse. Bürger müssen sich selbst absichern.

Mehr als ein halbes Jahr ist vergangen. Die Wiesen im Areal „Nördlich Weingärten“ waren zeitweise schon hoch – und auch über den Bürgerentscheid gegen ein Baugebiet ist einiges Gras gewachsen. Es blieb nach der deutlichen Entscheidung, in der 61 Prozent die 12 Häuser und rund 120 Wohnungen ablehnten, sehr ruhig in der Gemeinde. Bürgermeisterin Eva Söllner (CDU) ist daher froh, dass das Votum „auch diesmal nicht einen Keil in die Bevölkerung getrieben hat“. Denn nach 2010 war es schon das zweite Veto gegen eine Wohnbebauung im Gebiet „Nördlich Weingärten“.

Doch die Politiker beschäftigte das Thema zuletzt in der Gemeindevertretung noch einmal für einen kurzen Moment. Sie mussten nämlich beschließen, dass der Bürgerentscheid Gültigkeit hat und am Beschluss nun drei Jahre nicht gerüttelt werden kann – was sie einstimmig taten. Fraktionschef Andreas Müller von den Grünen, die mit den anderen Bebauungsgegnern der SPD zu den politischen Gewinnern zählten, nutzte die Gunst der Stunde aber noch einmal: Dass die Gemeindevertretung den Entscheid einstimmig über ein sogenanntes Vertreterbegehren auf den Weg gebracht hatte, sei vernünftig gewesen. „Das Ergebnis hat uns recht gegeben.“ Das Votum sei ein „Gewinn für die Natur, ein Sieg für die Bürgerschaft“ gewesen. Müller forderte allerdings, dass die Politik dieses Resultat nun endgültig annehmen und das Areal aus dem Regionalen Flächennutzungsplan gestrichen werden müsse. „Dafür werden sich die Grünen 2018 einsetzen“, kündigte er an.

Ob sich die Politik auch für einen weiteren Wunsch vieler Bürger einsetzen wird, ist indes offen: Bei den Diskussionen um „Nördlich Weingärten“ war wegen der schwierigen Entwässerungssituation ein Regenrückhaltebecken ins Spiel gebracht worden. Diese Forderung kam vor allem aus den bestehenen Wohngebieten am „Sonnengarten“. Die Gemeinde sowie der Investor, die Kelkheimer Projektgesellschaft Horn, griffen die Sache auf: Für rund 600 000 Euro wollte das Unternehmen das Becken auf eigene Kosten im Rahmen des Gesamtprojektes bauen lassen. Mit dem Aus für die Häuser war aber auch die Rückhaltefläche für Starkregen vom Tisch.

Bis heute. Eva Söllner wundert sich schon, dass die auch politisch lauten Forderungen nach dem Regenrückhaltebecken so verstummt sind. Sie hätte schon gedacht, es gäbe im Rahmen der Haushaltsberatungen einen Antrag dazu. Und betont: „Ich sehe mich da jetzt nicht in der Pflicht zu handeln.“ Das habe nichts mit Trotz nach dem verlorenen Bürgerentscheid zu tun. Vielmehr müsse eine solche Investition dann ja im Liederbacher Etat abgebildet werden. Und einen vollkommenen Schutz könne das Becken laut Experten auch nicht bieten. Sie sei zwar weiter in Gesprächen etwa mit dem Abwasserverband – „doch jetzt sind die in der Pflicht, die es gefordert haben.“ Und die Bürger, die sich auch selbst entsprechend absichern müssten gegen solche Starkregenereignisse.

Nachkarten will die Bürgermeisterin aber nicht. Das Votum vom 22. Juni gegen eine Bebauung sei „eine demokratische Entscheidung, damit muss man leben“. Mit Blick auf die Wohnungsnot in der Region – speziell bezahlbarer Wohnraum wird gesucht – frage sie sich für Liederbach aber schon: „Wie wird es weitergehen?“

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