Doppelte Heimat

Ein Leben zwischen zwei Welten

  • Frank Weiner
    VonFrank Weiner
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In der Gemeinde ist sie bekannt als Mitinitiatorin der Frankreich-Partnerschaft, als Lehrerin an der Grundschule und als Sängerin im Kirchenchor. Aktiv ist Dagmar Wengeler auch in ihrem zweiten Leben – auf der Halbinsel Nova Scotia im Osten Kanadas.

Ein schickes Holzhaus am See, der nicht von Touristen überfüllt ist. Angeln, Baden, abends ein Barbecue im Sommer, Schneeschuhwanderungen, Kaminfeuer im Winter: Das ist der Stoff für einen Film, der für Dagmar Wengeler schöne Wirklichkeit geworden ist. Die bekannte Liederbacherin ist mit ihrem Lebensgefährten zur Teilaussteigerin geworden. Etwa die Hälfte des Jahres wohnt sie in jenem idyllischen Holzhaus auf der kanadischen Halbinsel Nova Scotia, die anderen Monate ist sie im Main-Taunus-Kreis zu Hause. Dort hat sie ihre Wohnung zwar nun in Neuenhain, aber „mit dem Herzen“ sei sie Liederbacherin, betont die 70-Jährige.

Aktiv in der Gemeinde

Kein Wunder: Hier hat sie einige Spuren hinterlassen, hier pflegt sie Kontakte, ist aktiv. Im Chor der Evangelischen Kirchengemeinde singt sie, zum Freundeskreis Europäische Partnerschaften hält sie ebenso die Verbindung wie zu ehemaligen Kolleginnen der Liederbachschule. Fast 40 Jahre war sie dort Lehrerin, 2009 ging die Tochter eines Schulleiters, die am Niederrhein aufwuchs, als Konrektorin in den Ruhestand. Schon damals waren die Kanada-Pläne reif – doch Liederbach stets im Kopf. Sie hat die Partnerschaft mit den Franzosen aus Villebon mit initiiert und gepflegt, hat sich politisch zwölf Jahre für die SPD im Parlament engagiert, war Vorsitzende des Bürgervereins und singt im Chor.

Das ist ein Kuriosum von Dagmar Wengelers Leben zwischen zwei Welten: Auch in Kanada ist sie in einem Chor, den „Breton Songbirds“. Dort werde in den sogenannten „Barbershop-Chören“ eine besondere Art der Musik gemacht, stets getrennt nach Frauen und Männern, weiß sie längst. Als das Paar im August 2010 in sein Haus auf Cape Breton Island einzog, dem nördlichen Teil der Insel im Ort Marion Bridge mit etwa 2000 Einwohnern, da war das alles Neuland. Sie hatten über einen Deutschen das Grundstück am Fiddlers Lake gekauft, sich ein Holzhaus bauen lassen. Inzwischen stehen dort in diesem Bereich, der Subdivision, sechs Häuser – allesamt von Deutschen. Ein Nachbar-Paar stammt aus Mörfelden-Walldorf.

„Wir sind da voll integriert“, freut sich Dagmar Wengeler heute. Dafür haben sie auch Einiges getan. Als sie ankam, hatte sie ihr Englisch fast verlernt, mit Französisch sei sie nicht weit gekommen. Also besuchte sie einen Englisch-Kurs. Drei Wochen nach Einzug sagte sie sich: „Wir müssen Leute kennenlernen.“ So gingen sie sonntags in die Kirche. „Die haben alle gestaunt, und ich wurde gefragt, ob ich im Kirchenchor mitsinge.“ Die Stimmung sei entspannt, „vor jedem Gottesdienst erzählt Pfarrerin Nancy einen Witz“. Jeden Sonntag singe der Chor, Klatschen sei gerne gesehen. Für beide Chöre übt sie jeweils mit den Noten im anderen Land. Mittendrin ist Wengeler auch beim Oktoberfest oder beim Kohlrouladen-Fest, wenn an drei Tagen von den Gemeindehelfern über 1300 Cabbage Rolls zubereitet werden.

Tierische Mitbewohner

Wie das Paar dazu kam, sich seinen Traum in Übersee zu verwirklichen? 2004 waren sie im Urlaub in Alaska, die Idee des Auswanderns war geboren – das Ziel aber nicht passend. Als ihnen Freunde einen Film über Nova Scotia zeigten, wurde das Feuer entfacht. Zwei Wochen Rundreise dort folgten 2007 – gleich verbunden mit der Suche nach einem Grundstück. Das wurde bald gekauft – und 2009 begann der Hausbau. Dort haben beide längst alles, was es zu einem traumhaften Leben braucht: ein großes Gästeappartement im Haus, einen Brunnen auf dem Areal, ein Boot zum Angeln, einen Pick-up, ein Quad und ein Schneemobil. Gerade im Winter ist das Mobil wichtig, denn zur Straße ist es ein Kilometer, da ist häufiges Schneeräumen angesagt. Im Sommer sei es mit über 20 Grad ähnlich angenehm wie in Deutschland, sagt Dagmar Wengeler. Deshalb werden sie auch Ende Juni wieder über den Teich fliegen, vermutlich bis Ende Oktober. Und werden wieder auf Mitbewohner auf dem Grundstück treffen – Fledermaus, Bisamratte, Zitronenfalter, die Singvogelart Blue-Jay, auch mal Wildgänse.

„Wir wollten ursprünglich komplett auswandern“, erinnert sich die Liederbacherin. Doch die Kanadier erlauben das vor allem Menschen bis 55. Was sie damals bedauerte, hält sie heute für ein Plus. Denn ihr „Parallel-Leben“ schätzt Wengeler sehr. Kanada sei „ein großes Paradies“, mit der Weite, der Lockerheit und Freundlichkeit der Menschen. In Deutschland habe sie viele Kontakte. „Das sind zwei unterschiedliche Welten. Man hat in beiden Teilen seine Freundschaften, die man pflegen will“, möchte sie keine Heimat missen und schwärmt: „Schön, dass es beides gibt.“

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