Die Weltkugel an der Halle ist ein passendes Motiv für Lisa Leismann und Johann Haider, die im Ausländerbeirat aktiv waren.
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Die Weltkugel an der Halle ist ein passendes Motiv für Lisa Leismann und Johann Haider, die im Ausländerbeirat aktiv waren.

Ausländerbeirat:

Liederbach: 50 Jahre Engagement für Nachbarn aus der Fremde

  • Frank Weiner
    vonFrank Weiner
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Zwei treue Mitstreiter bedauern das Aus für das Gremium und ziehen positive Bilanz der Arbeit.

Liederbach. Zwar wurde in Hessen der erste Ausländerbeirat bereits 1972 in Wiesbaden gewählt. Doch erst 1992 wurde die Hessische Gemeindeordnung so geändert, dass in Kommunen mit mehr als 1000 ausländischen Einwohnern das Gremium Pflicht ist. So wurde der erste Beirat in Liederbach am 19. Februar 1995 gewählt - bei einer Wahlbeteiligung von knapp 19 Prozent. In das Gremium zogen Bürger ein, die heute im Ort längst bekannt sind: der amtierende SPD-Fraktionschef Julio Martinez de Una, der Ex-Vorsitzende Emile Ndiaye, nun Gemeindevertreter der Grünen, der Betriebsratsvorsitzende von Coca-Cola, Imdat Erkan, sowie Lisa Leismann und Ünal Boynuuzun.

Nun, 26 Jahre später, gibt es den Liederbacher Ausländerbeirat nicht mehr. Erstmals wurde die Stimmabgabe mit der Kommunalwahl am 14. März zusammengelegt - doch im Vorfeld fanden sich nicht genug Kandidaten für eine Liste. Einzig Lisa Leismann, Vorsitzende Ewa Hisztin-Kasper und Johann Haider hätten sich wieder zur Wahl gestellt. Mit Haider und Leismann trifft sich diese Zeitung nach dem Aus für den Beirat. Denn beide zusammen kommen auf fast fünf Jahrzehnte Erfahrung in dem Gremium. Die US-Amerikanerin hat mal vier Jahre Pause gemacht, der Österreicher rückte 1997 nach und war seitdem ununterbrochen dabei.

"Ich bedauere es sehr", sagt Haider. "Es ist schade, dass wir keine Mitstreiter gefunden haben." Aber letztlich müssten alle Kandidaten auf einer Liste "auch gewillt sein, diese Arbeit tragen zu wollen", betont der 69-Jährige, dessen Vater Österreicher ist und der auch diese Staatsbürgerschaft behalten hat. Nun muss die Gemeinde eine Integrationskommission einrichten und sucht dafür Mitstreiter.

Ob Haider und Leismann dabei sind, lassen sie offen. Das sei "Neuland" ohne Erfahrungswerte, weiß der ehemalige Bankkaufmann, der mal Vorsitzender der Bürgerstiftung war und nun bei der SPD im Hintergrund mitmacht. In jedem Fall verlieren "die Ausländerbeiräte an Bedeutung". Die Kommission werde benannt, der Beirat von den Bürgern gewählt. Die Arbeitsgemeinschaft der Ausländerbeiräte in Hessen (AGAH), in der Haider für Liederbach mitgewirkt hat, halte diese neue Regelung für ebenfalls nicht gut, weiß er.

Zufrieden mit der kunterbunten Bilanz

Für Leismann, die aus Los Angeles stammt und mit ihrem Mann, einem Deutschen, nach Liederbach kam, ist die Situation "ein komisches Gefühl". Auch ihren Englisch-Stammtisch "LESS" kann sie wegen Corona nicht mehr anbieten, beides "fehlt mir schon ein bisschen", betont die 58-Jährige, die sich im Ort sehr engagiert und noch im Vorstand des Freundeskreises Europäische Partnerschaften ist. Allerdings weiß sie auch: Anfangs habe der Ausländerbeirat den Menschen noch stärker helfen können, inzwischen gebe es durch das Internet ganz andere Möglichkeiten.

"Es hat mir immer Spaß gemacht, wir haben uns gut verstanden", sagt Leismann. "Was wir machen konnten, das haben wir gemacht." Auch Kollege Haider ist "zufrieden mit dem, was wir erreicht haben". Er hat sich die Mühe gemacht, viele Aktivitäten ab 1997 aufzulisten. Da gab es zu Beginn große Infoveranstaltungen: "Türkei stellt sich vor", "Abschied von der D-Mark - Der Euro, Chance oder Abenteuer?", später "Chile stellt sich vor". Es folgten Kinderkulturnachmittage, Kürbisschnitzen, eine Halloween-Disco, das "Musikfest der Nationen", ein interreligiöser Dialog mit Vertretern von Katholiken, Protestanten, Islam, "Mango-Fest", Korea-Fest. Hinzu kamen wichtige Aufgaben wie die Einführung der Kurse "Mama lernt Deutsch", die Forderung der Sprachhilfe für ausländische Kinder in Kitas oder die Teilnahme an Diskussionen über Rechtspopulismus. Bei festen Terminen wie dem Internationalen Straßenfest, dem Weihnachtsmarkt und den Ferienspielen war der Beirat ebenfalls stets präsent - mit Ständen oder Programmpunkten.

Haider weiß noch, dass die Liederbacher Politik den Beirat anfangs zum Teil skeptisch beurteilt habe. Viel Unterstützung habe es aber vom damaligen Parlamentschef Karl. H. Wehrle gegeben. Die Doppelpass-Initiative von Roland Koch habe dem Verhältnis zu den ausländischen Bürgern wieder "geschadet", betont er. MTK-Landrat Jochen Riebel habe sogar die Abschaffung der Beiräte gefordert wegen eines angeblich zu geringen Kosten-Nutzen-Verhältnisses. Daraus wurde nichts. In Liederbach hatte der Beirat lange Bestand und seinen festen Platz. Haider und Leismann heben die gute Unterstützung durch Bürgermeisterin Eva Söllner hervor. Gab es doch Kontroversen, seien diese in Kompromissen gelöst worden, so Haider. Ein wenig Sorge macht dem treuen Duo weiterhin die Situation im Flüchtlingsheim an der Höchster Straße. Die Unterbringung sei nicht optimal, der Ausländerbeirat habe Kontakt gehalten. Was daraus wird, steht in den Sternen.

Einige Aufgaben haben auch die Integrationslotsen übernommen, etwa die Hilfe bei der Arbeitsplatz- und Wohnungssuche. Der Beirat habe bei Problemen aller Art geholfen - sei es in der Familie, mit Sprache, Gesundheit, bei Konflikten, weiß Haider. Und wenn es keine Lösung gab, konnte an die Fachstellen vermittelt werden. "Die Leute werden schon einen Weg finden", hofft Haider, dass die Menschen mit Migrationshintergrund im Ort auch in Zukunft offene Türen finden.

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