Der MTK-Naturschutzbeirat im ausgetrockneten Liederbach: Reinhold Habicht, Klemens Fischer, Hans-Joachim Menius (v. l.).
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Der MTK-Naturschutzbeirat im ausgetrockneten Liederbach: Reinhold Habicht, Klemens Fischer, Hans-Joachim Menius (v. l.).

Gewässerschutz:

Liederbach: Bald im Fluss? Den Liederbach im "Wilde-Bäche"-Programm "umbauen"

  • Frank Weiner
    vonFrank Weiner
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Naturschutzbeirat fordert zum Mitmachen und zu Maßnahmen auf.

Liederbach. Hans-Joachim Menius, Reinhold Habicht und Klemens Fischer vom Naturschutzbeirat des Main-Taunus-Kreises stehen mitten im Liederbach. Aber tatsächlich spazieren sie in Niederhofheim durch ein Geröllfeld mit riesigen Basaltsteinen. Denn der Bach ist trocken. "Die gehören hier weg", sagt Menius über die dicken Wacker. Das Trio möchte nach der Trockenheit und dem Hochwasser auch in der Gemeinde Liederbach Veränderungen bei der Bach-Planung und -Gestaltung erreichen.

Bis zu 95 Prozent Landesförderung

Dazu haben sie das Landesprogramm "100 wilde Bäche" im Blick. Für dieses Jahr wurden im MTK der Liederbach und der Weilbach als Projekte auserkoren. Es sieht vor, dass die Finanzierung der Renaturierung bis zu 95 Prozent durch das Land und nur 5 Prozent durch die jeweilige Kommune gestemmt werden. Ein Glücksfall, findet das Trio. Doch noch machen nicht alle Kommunen an den Flüsschen mit. Königstein und Kelkheim sind am Liederbach im Boot, Frankfurt solle sich als Unterlieger beteiligen, Bad Soden sei auf einem guten Weg, sagt Fischer. In Liederbach zeigt Bürgermeisterin Eva Söllner schon Interesse am Programm (Text rechts). Personell sei das leistbar, betont Fischer, der sich in Bad Soden auch für den Naturschutzbund engagiert. Denn die Hessische Landgesellschaft übernehme die Abwicklung, die Kommunen müssten nur beitreten.

"Die Angebote sind da, das Wissen ist da, es fehlt an der Umsetzung", ist Habicht mit der Entwicklung noch nicht zufrieden. Dabei gebe die Wasserrahmenrichtlinie vor, dass die Gewässer einen guten ökologischen Zustand haben müssen. Der Diplom-Wasserbauingenieur führt mehrere Probleme an: Einmal die heißen Sommer, weshalb die Bäche trocken sind. Dann habe es vor Jahren mal ein kleines Klärwerk bei Schneidhain gegeben. Das sei aufgegeben worden, seitdem werde das Wasser in Rohren zum Teil parallel zum Liederbach zur großen Kläranlage in Sindlingen geleitet, so Habicht. Dabei könnte das gut gereinigte Nass sehr gut das Rinnsal speisen. Beim Sodener Sauerbornsbach mit einer Kläranlage davor in Kronberg funktioniere das auch, der führe mehr Wasser, ergänzt Fischer.

Der Naturschutzbeirat regt zudem eine andere Bach-Gestaltung an. Zumindest außerhalb der Ortslagen sollte die Sohle des Gewässers angehoben und durchlässiger ohne die dicken Basaltsteine angelegt werden, so das Trio aus dem MTK-Naturschutzbeirat. Dann könne der Bach "viel früher ausufern", weiß Habicht. Die Wiesen außen würden feuchter und nach und nach den Bach wieder speisen. "Das ist ein Effekt für die Niedrigwasserführung", erklärt der Fachmann.

Sohle erhöhen und mehr Retentionsraum

Zudem sollte am Bachrand mehr Retentionsraum bleiben, betont Menius und zeigt eine Stelle am Rand der "Grünen Mitte" in Liederbach. Dort sei der Weg direkt am Gewässer angelegt worden, dabei müssten auf 10 bis 20 Metern möglichst Wiesen sein. Für die Bebauung gebe es überall Flächen, "aber fürs Gewässer nicht", ärgert sich Habicht und weiß: "Heute sagt man: Man gibt dem Bach Raum, und er weiß schon, was er macht." Genau das sei oft nicht möglich, weil er wie in einem Kanal fließe, was die Hochwassergefahr erhöhe, kein natürliches Gewässer sei, das sich durch die Landschaft schlängele.

Dass wie an der Hattersheimer Ölmühle "jeder Quadratmeter zugebaut", werde, kritisieren Menius und Co. ebenfalls. Immerhin: Am Weilbach sei es etwas besser, hier sei die Stadt Flörsheim bei "100 wilde Bäche" mit im Boot. Wild ist der Liederbach indes nur selten. Zuletzt allerdings beim großen Hochwasser vor fast vier Wochen. "Es wird immer Hochwasser geben", betont Habicht. Hier gebe es kein Patentrezept. Aber neue Häuser, wie an der Brücke in Alt Niederhofheim, direkt an den Bach zu bauen, sei keine gute Lösung, findet er.

Beim wilden Bewuchs an den Bächen könne sicher noch etwas mehr gemacht werden, findet das Trio. Und es plädiert bei den Rückhalteflächen nicht nur auf große Lösungen etwa mit einem Wall, was oft von Bürgern abgelehnt wird. Sondern für einen regelmäßigen Retentionsraum außerhalb der Bebauung, der dem Wasser auch bei Starkregen ausreichend Platz lässt. "Es ist höchste Zeit, dass da mal etwas gemacht wird", fasst Habicht zusammen und ist überzeugt: "Es ist zehn nach zwölf, nicht fünf vor zwölf."

Bereits im Bauausschuss hatte Bürgermeisterin Eva Söllner auf Nachfrage der Grünen erklärt, das Programm "100 wilde Bäche" sei zwar auf dem Schirm, aber damals aus Personalgründen nicht anvisiert worden. "Da hatte ich keine Bauamtsbesetzung", bestätigt sie nun. "Aber natürlich sind wir schon bereit, daran teilzunehmen und uns Vorschläge unterbreiten zu lassen." Allerdings wolle sie als Bürgermeisterin auch wissen, welche Kosten genau auf die Gemeinde zukommen. Denn eine Förderung von bis zu 95 Prozent sei ja schön, nicht selten gebe es aber einiges Geld weniger, weiß Eva Söllner. Zudem müssten die Folgekosten bestimmter Maßnahmen beachtet werden. Söllner will eine fachliche Begleitung mit dem nun wieder vollzähligen Bauamt. Sie hätte sich allerdings gewünscht, dass bei der Liederbach-Begehung durch den Naturschutzbeirat auch die Gemeinde informiert worden wäre, um gemeinsam Problemstellen anzuschauen .

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