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Bald läuft der letzte Kasten vom Band: Blick in die Produktion bei Coca-Cola in Liederbach.

Bürgermeisterin von Werksschließung nicht überrascht

Aus für Coca-Cola in Liederbach: „Ein schwarzer Tag für die Region“

  • vonJulian Dorn
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Die roten Gebäude gehören seit 50 Jahren zum Ortsbild. Doch nun endet die Coca-Cola-Ära in Liederbach: Das Abfüllwerk mit seinen 382 Mitarbeitern schließt im kommenden Jahr. Für die Gemeinde sei es ein herber Schlag, sagt nun die Bürgermeisterin. Doch das Aus war abzusehen.

Liederbach – Nein, wirklich überrascht sei sie nicht gewesen, als ihr der Geschäftsführer des Coca-Cola-Werks die Hiobsbotschaft überbracht hat, sagt Eva Söllner. "In gewisser Weise kann ich die Entscheidung für die Schließung nachvollziehen", räumt die Bürgermeisterin (CDU) ein.

Denn um den Standort sei bereits vor zwölf Jahren gerungen worden. Damals hatte sich der Konzern aber für Liederbach entschieden und ambitionierte Expansions-Pläne: Verdreifachung der Produktionskapazitäten, neues Hochregallager und ein zusätzliches Parkhaus. Liederbach galt als prädestiniert für eine Expansion, weil der Ort verkehrsgünstig gelegen ist mit nahen Autobahnanschlüssen und der Nähe zum Flughafen.

Liederbach: Coca-Cola-Abfüllwerk schließt - Herber Schlag für Gemeinde

Doch aus den Plänen wurde nichts, weil ein Landwirt partout sein angrenzendes Areal nicht verkaufen wollte. Stattdessen plante der Konzern dann 2014, die Produktionsstätte auf dem firmeneigenen Parkplatz zu erweitern. Ersatzstellplätze und das Hochregallager sollten auf einem schon als Gewerbefläche ausgewiesenen Areal gebaut werden. Auch die Gemeinde war für die Alternative. Doch eine Bürgerinitiative lehnte das Vorhaben ab. Das schaffe nur höheres Verkehrsaufkommen und das Hochregallager sei ein "170 Meter hoher Schandfleck", monierten die Kritiker damals. Der Konzern begrub daraufhin die Ausbau-Pläne komplett, auch wegen zu hoher Kosten für den Lärmschutz. Die damalige Geschäftsleiterin des Verkaufsgebietes Südwest, Nina Hermanns, , hatte aber erst 2017 noch vollmundig versichert, dass der Standort dennoch sicher sei. Söllner ahnte aber schon damals, "dass das Werk unter ökonomischen Gesichtspunkten langfristig nicht gesichert sein würde."

Die gescheiterte Expansion vor sechs Jahren scheint nun tatsächlich bereits der Anfang vom Ende gewesen zu sein. "Wir haben diese Entscheidung ausführlich geprüft", sagt der Produktionsdirektor von Coca-Cola Deutschland, Matthias Hickstein. "Wir mussten aber feststellen, dass uns in Liederbach, im Vergleich zu anderen Standorten im Südwesten, die Wachstumsmöglichkeiten fehlen." Coca-Cola verfügt in Südwestdeutschland immer noch über eine sehr hohe Standortdichte. Um in dem harten Wettbewerbsumfeld kostengünstiger produzieren zu können, soll die Getränkeproduktion an weniger, dafür leistungsfähigeren Standorten gebündelt werden, so der Konzern. Vom Sparkurs bei Deutschlands größtem Getränkehersteller mit bundesweit etwa 7500 Mitarbeitern ist nicht nur Liederbach betroffen. Coca-Cola verkleinert oder schließt mehrere Standorte. Dabei sollen insgesamt 485 Jobs gestrichen werden, während an anderer Stelle rund 120 neue Arbeitsplätze entstehen. Im rheinland-pfälzischen Bad Neuenahr wird etwa die Marke Apollinaris auf Gastronomie-Produkte beschränkt. In dem mit Niedrigpreisen umkämpften Einzelhandel soll die bekannte Marke ab März 2021 nicht mehr erhältlich sein. Dafür sollen rund 80 Mitarbeiter gehen.

Mit seinen Restrukturierungsplänen besiegelt Coca-Cola nun das Aus für das Abfüllwerk, das mit seinen roten Gebäuden und dem charakteristischen Coca-Cola-Schriftzug seit 1972 zum Liederbacher Ortsbild dazugehört. Dort wird das Kernsortiment der Erfrischungsgetränke in PET-Flaschen abgefüllt, wobei das Werk etwa acht Prozent des deutschen Produktionsvolumens stemmt. Damit wird eine Region beliefert, die von Bad Kreuznach in Rheinland Pfalz bis nach Aschaffenburg in Unterfranken reicht. Die Produktionslinie für große Einwegpfandflaschen soll nun nach Karlsruhe verlagert werden. Die Logistikaufgaben, das Getränkeautomatengeschäft, der Außendienst sowie der Bereich "Cold Drink Services", zuständig für technische Verkaufsgeräte, wird spätestens zum 15. November 2021 an einem neuen Standort bei Frankfurt angesiedelt.

Aus für Coca-Cola-Werk in Liederbach: Bürgermeisterin: „Ein schwarzer Tag für die Region“

Das Ende für den größten Arbeitgeber in der kleinsten MTK-Gemeinde lässt auch die Bürgermeisterin nicht kalt. "Ein schwarzer Tag für die Region" sei das "und gerade in dieser Zeit sehr, sehr bitter." Auch für den kommunalen Haushalt? "Natürlich verliert die Kommune dadurch Einnahmen, und es wird eine lange Zeit dauern, bis das ausgeglichen werden kann", prognostiziert die Rathauschefin. Die Höhe der Verluste, etwa bei der Gewerbesteuer, seien aber derzeit noch nicht abschätzbar.

Vor allem aber trifft die Schließung die 252 Angestellten des Werks, die von Stellenabbau oder Wechsel des Arbeitsortes betroffen sind. Wütend und enttäuscht sei man über diesen "kompletten Kahlschlag", sagt der Betriebsratsvorsitzende Imdat Erkan dieser Zeitung. "Wir fühlen uns betrogen." Für Erkan und den Südwest-Landesvorsitzenden der Gewerkschaft NGG, Uwe Hildebrandt, ist das Motiv für die Schließung "reine Profitgier." Hildebrandt sagt: "Coca-Cola in Deutschland schreibt nach wie vor schwarze Zahlen." Trotz Gewinne Standorte zu schließen sei kein verantwortungsvolles Handeln gegenüber denjenigen, "die diese Gewinne erwirtschaftet haben." Gewerkschafter Hildebrandt findet es zudem "überaus frech", zwei Wochen nach dem erfolgreichen Tarifabschluss die Beschäftigten derart vor den Kopf zu stoßen und zu verunsichern. Eine Schließung zur Konzernrettung sei es gewiss nicht, meint Betriebsratsvorsitzender Erkan. Es gehe nur um Gewinnmaximierung, so sein Vorwurf. "Wie groß will Coca Cola eigentlich noch werden?"

Wie eine Sprecherin mitteilt, sollen aber insgesamt etwa 210 Stellen in der Region Rhein-Main erhalten bleiben. Dazu kommen 36 neue Stellen in Produktion und Logistik in Karlsruhe. Ziel ist, "durch alternative Stellen oder durch einvernehmliche Lösungen so weit wie möglich auf betriebsbedingte Kündigungen zu verzichten." In den kommenden Wochen stehen in Liederbach und andernorts also viele Gespräche mit den Arbeitnehmervertretern an. Es dürften schwierige Verhandlungen werden. Betriebsratsvorsitzender Erkan kündigte bereits an, dass "wir uns nicht so einfach abspeisen lassen werden." Unterstützung bekommt er von der NGG. Gewerkschaftsfunktionär Hildebrandt versichert: "Wir werden um jeden Arbeitsplatz kämpfen."

Auch Bürgermeisterin Söllner will vermitteln. "Selbstverständlich bleiben wir mit Coca-Cola im Gespräch und können vielleicht erreichen, dass etwa die Büro-Arbeitsplätze bleiben." Mehr nicht? Söllner sagt: "Wir müssen auch in die Zukunft schauen." Die Gemeindeverwaltung werde "natürlich bei der Nachnutzung des Areals unsere Vorstellungen einbringen." Das Gelände am Sindlinger Weg ist 70 000 Quadratmeter groß. Imdat Erkan hat den Standort noch nicht aufgegeben. Für die kommenden Wochen kündigt er Proteste an. (Von Julian Dorn)

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