Ronald Werner in Liederbach am Steuer seines Ro 80-Oldtimers.
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Ronald Werner in Liederbach am Steuer seines Ro 80-Oldtimers.

Automobilgeschichte:

Liederbach: Dieser Oldtimer war der Zeit voraus

  • Frank Weiner
    vonFrank Weiner
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Liederbacher hat vor 40 Jahren eine besondere Ro 80-Initiative ergriffen.

Liederbach. Ronald Werner rollt das Tiefgaragen-Tor hoch und gibt den Blick auf sein Schmuckstück frei: Ein restaurierter Ro 80, der Oldtimer aus der legendären Auto-Schmiede von NSU. "Wir können ja mal eine kleine Runde drehen", sagt der Liederbacher und sitzt schon im Wagen. Er springt beim ersten Mal an, nur die Türen klemmen ein bisschen. Der Reporter nimmt Platz auf dem reichlich federnden, aber doch bequemen Beifahrersitz. Noch die Fenster hochgekurbelt - sie kann losgehen, die Spritztour.

Unterwegs deutet Werner an, dass sein brauner Ro 80 zügig sein kann, als er runterschaltet und kräftig aufs Gas tritt. 180 seien angegeben, das fährt der 75-Jährige nicht mehr gerne. Ein bisschen lauter als in modernen Autos ist es - aber keinesfalls unangenehm. Praktisch sei das Getriebe mit nur drei Gängen, ohne Kupplung - eine vor gut 50 Jahren wegweisende Selektions-Automatik.

Gemütlich am Steuer sitzend, erzählt Werner seine Geschichte. Seit genau 40 Jahren gibt es die Ro 80-Treffen im Rhein-Main-Gebiet. "Ich wollte ja keinen Club gründen", sagt er. Doch als Besitzer eines solchen Autos habe er Gleichgesinnte gesucht und gefunden. Nach dem ersten Treffen die Frage: Machen wir das nächsten Monat wieder? Als NSU einen Ausverkauf für sein Ersatzteilelager hatte, durfte der zusammengewürfelte Haufen um Werner das nicht nutzen. Es müsse schon eine Organisation sein, hieß es. Und so kam es, dass sich Werner in Vereinsrecht und Satzungen einarbeitete, mit Kollegen 1984 den NSU Ro 80-Club gründete.

Ebenso viel Eigeninitiative legte der ehemalige Chemie-Kaufmann als Schrauber an den Tag. Vor 47 Jahren bot ihm sein Chef einen Ro 80 an, er winkte ab. Dann habe der ihm eine Offerte von rund 3000 Mark für das erst drei Jahre alte Auto gemacht, die der Mitarbeiter nicht ablehnen konnte. Denn neu kostete der Ro 80 damals über 14 000 Mark. "Ich kaufe das Auto nur, wenn ich alles selbst machen kann", sagte er und habe anfangs "viel Lehrgeld bezahlt". Doch über die Kontakte ab November 1980 zum Stammtisch, später zum offiziellen Club kam Werner gut voran.

Verein sammelte 385 000 Euro für Kinder

So hat die Gruppe vor drei Jahren einen Ro 80 zusammengebaut und zugunsten der Kinderkrebshilfe vergeben. Mit zwei weiteren Autos und 50 Sachpreisen seien 385 000 Euro zusammengekommen, blickt Werner stolz zurück. Jeden Monat sind - wenn nicht Corona bremst - Stammtische, mal an der Viehweide Hofheim, mal in Pfungstadt. Die 67 Mitglieder sind im ganzen Rhein-Main-Gebiet verteilt. Zudem gibt es zwei Ausfahrten im Jahr, einen Technik-Tag in der kleinen Werkstatt von Ronald Werner in Ockstadt, wo sein zweiter Ro 80 und viele Ersatzteile sind. Die Teilnahmen an Oldtimer-Treffen wie den Hattersheimer Klassiker-Tagen sind Pflicht. Ein Grillfest und ab und zu Boßeln runden das Angebot ab. Werner hat sogar ein Lied komponiert. "Ro 80-Fahren ist ganz toll, wir sind des Lobes voll. Der Wankelmotor dreht ganz leis', der Kolben zieht ein Kreis."

Vor allem aber fachsimpeln die Fans der einzigen deutschen Limousine mit dem Wankelmotor. Gleich zu Beginn haben sie 1981 Autopionier Felix Wankel in Lindau besucht. Auch an Fernsehauftritte zum eher ungewöhnlichen Hobby denkt Werner gerne. Anekdoten hat er einige erlebt. So habe ein Kind mal lautstark die Oldtimer gesucht, als es vor einem Ro 80 stand. Der Wagen sei von der Form damals "noch viel zu modern" gewesen, weiß Werner. Ein Clubmitglied sei aus New York zum Stammtisch eingeflogen - passend, dass er Pilot war. Pannen hat Werner nur wenige erlebt, einmal sei ihm auf der Autobahn der Motor geplatzt. Den neuen Wagen kann er nichts abgewinnen, deshalb fährt er privat noch einen fast 20 Jahre alten Audi, der 540 000 Kilometer auf dem Tacho hat. Auch ein altes Fahrrad mit Hilfsmotor, die "Sachsonette", sowie eine NSU-Quickly, das erste Mofa von 1958, zählen zum historischen Fuhrpark.

Zum 40. Club-Geburtstag sollte es für alle Mitglieder eine besondere Plakette geben. Den 50. vielleicht noch als Chef erleben - Werner ist nicht abgeneigt. Zumal er sich nicht nur mit Schrauben fit hält. Zusammen mit seiner Frau, die über seine Autoleidenschaft nie gemeckert habe, wandert er fleißig. 33 000 Kilometer haben sie seit 1988 geschafft.

Doch mindestens ebenso gerne sitzt Werner am Steuer. "Ro 80 fahren ist eine ganz entspannte Sache", betont er. "Nur Stadtverkehr mag er nicht so, ich auch nicht." Seinen aktuellen Partner, Baujahr 1975, habe er als Torso ohne Motor, Kotflügel, Armaturen gekauft und fünf Jahre restauriert. Dass der Motor wenige Teile hat, schätzt er. Ebenso sei das Herzstück "klein und vibrationsarm". Da der Wankelmotor als anfällig galt, der Verbrauch in der Zeit der Ölkrise und auch die Kosten im Vergleich zu einem E-Klasse-Mercedes hoch gewesen waren, konnte sich der Ro 80 letztlich nicht durchsetzen. Nur gut 37 000 Autos wurden gebaut, das letzte lief 1977 vom Band. Dabei seien die Motorprobleme später "Märchen" gewesen, so Werner. NSU habe 1972 allein 275 Mitarbeiter für die Entwicklung der Wankel-Technik beschäftigt. So hat der Vorsitzende schon sieben Ro 80 gefahren und zwölf, viele als Ersatzteillager, besessen. Die er viel ausfährt: "Es müssen keine Standzeuge sein."

Kontakt und Infos

Infos zum Verein gibt es unter: www.nsu-ro80-club.de

Am Fahrersitz: Schlüssel mit NSU-Logo, Lederlenkrad, klassisches Armaturenbrett.

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