Volker und Karin Götte haben nach Jahrzehnten im Vorstand aufgehört. Hier schauen sie sich die alten Fotoalben und Plakate noch einmal an
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Volker und Karin Götte haben nach Jahrzehnten im Vorstand aufgehört. Hier schauen sie sich die alten Fotoalben und Plakate noch einmal an

Jazzclub

Liederbach: Ehepaar Götte gibt Vorsitz ab

  • Frank Weiner
    vonFrank Weiner
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Das Ehepaar Karin und Volker Götte prägte den Liederbacher Jazzclub. Nun geben sie den Vorsitz ab - wollen aber dem Verein als Berater erhalten bleiben. Am Ende ihrer Ära blicken die beiden auf bewegte Zeiten zurück. Einige Anekdoten sind ihnen dabei besonders in Erinnerung geblieben.

VON FRANK WEINER

Liederbach -Einmal rief Pianospieler Bernd Lhotzky bei Karin und Volker Götte an. Der Liederbacher Jazzclub sollte ein Konzert mit ihm und dem weltbekannten Jazzpianisten Dick Hyman in der Kulturscheune organisieren. Die Göttes winkten zunächst ab, so einen Star der Szene könne der Verein nicht bezahlen. Aber Lhotzky ließ nicht locker, verzichtete sogar auf seine Gage und organisierte zwei Konzertflügel aus Holland - all das nur, um beim Liederbacher Jazzclub auftreten zu können.

Die Göttes erzählen diese Geschichte gerne. Und sie haben viele weitere Anekdoten auf Lager. Kein Wunder, bei dieser ehrenamtlichen Lebensleistung: Seit 36 Jahren gibt es den Verein, so lange ist Karin Götte schon im Vorstand - davon 33 Jahre als Kassenwartin. Ihr Mann Volker war zwar kein Gründungsmitglied, half aber früh bei der Organisation, war von 1997 bis 2020 dann Vorsitzender. Nun ist die Ära Götte im Jazzclub zu Ende gegangen. Nach einer Übergangszeit haben beide ihre Ämter Ende 2020 offiziell niedergelegt.

Sie bleiben aber dabei. Der neue Vorstand um den Vorsitzenden Stephan Vogt habe "darum gebeten, dass wir beratend mitwirken". Das machen der 80-Jährige und seine ein Jahr jüngere Frau gerne. Die ganzen Kontakte zu den Musikern haben sie sich schließlich über Jahrzehnte aufgebaut. Ein solcher Wechsel "geht nicht von heute auf morgen", weiß Götte. Dank Corona konnten sie ihre Ämter in Ruhe übergeben. "Für mich ist das eine große Entlastung. Es ist schön, nur noch als Besucher zu den Konzerten zu gehen", macht Karin Götte deutlich, während ihr Mann bei Interesse noch als ratgebender Beisitzer in den Vorstand gehen würde.

Sie gaben die Jazz-Liebe an ihre Kinder

Ganz loszulassen, das geht bei diesem Engagement und diesen Erinnerungen nicht. Angefangen hat es in Reutlingen, Göttes Heimat. Mit dem Moped, der NSU Quickly, sei er zum Konzert von Louis Armstrong nach Stuttgart gefahren. Weil er in der Heimat beim Stühlestellen half, gab's bei Konzerten einen Gratis-Stehplatz über dem Notausgang. Als junge Leute ohne viel Geld schafften sich die Göttes einen Plattenspieler an - abwechselnd wurden dann Scheiben mit Jazz und Klassik, der Noch-Favorit von Karin, gekauft. Später entdeckte auch sie die Liebe zum Jazz, vor allem die Musik von Bill Haley gefiel ihr.

Die Liebe zur Musik gaben sie an die Töchter weiter. Marion hilft noch heute mit der Familie, darunter die beiden Enkel, bei Konzerten. Regina gründete gar 1985 den Jazzclub, der finanziell stets auf eigenen Füßen stand. Die Eltern hatten sie mit zum Jazz nach Höchst genommen. Als die damalige Liederbachhallen GmbH ein Konzert mit nur drei zahlenden Zuschauern - den Göttes - hatte, stand der Entschluss fest: Regina wollte es mit einem eigenen Club besser machen. Die Eltern waren schon "ein bisschen überrascht", was die Tochter da plante. Später gründete die Jugend mit den "Perdido Street Stompers" sogar eine eigene Band. Die Göttes rührten dann ordentlich die Werbetrommel für den Club - sogar auf dem Mittelmeer. Bei Jazz-Kreuzfahrten lernten die Göttes viele Künstler kennen. Einmal sei auf dem Schiff Katie Webster, "The Queen of Boogie Woogie", für niedrige 800 Mark zum Konzert in der Scheune engagiert worden. Ihren Freund Tommie Harries köderten die Göttes hingegen mit einer Gratis-Mitgliedschaft im Verein, ohne Gage.

Ein Auftritt in Liederbach schien Lohn genug zu sein. "Die Musiker schreiben uns ja an: ,Wann dürfen wir wieder kommen?'", freuen sich die Motoren des Vereins über viel Wertschätzung. Bei Europatourneen werde das kleine Liederbach meist mit eingeplant. Anfangs beherbergte das Ehepaar die Musiker im "Hotel Götte", außerdem fragten die beiden in der Nachbarschaft, ob nicht Musiker dort übernachten könnten. Später ging's dann aber für die Künstler ins richtige Hotel. Doch Pianist Martin Schmidt hatte mal den Zimmer-Schlüssel verlegt und rief im Hause Götte an: "Volker, habt ihr ein Sofa für mich?"

Musiker aus 30 Ländern

So sind in den Jahren an die 180 Konzerte mit Musikern aus fast 30 Ländern organisiert worden. Oft treten eigens für den Abend zusammengestellte Bands auf. So manche Musiker haben die Göttes untereinander "vermittelt" - etwa Pianist Dirk Raufeisen und die bekannte Sängerin Lilian Boutté, die Botschafterin der Stadt New Orleans, deren Demenzerkrankung die Göttes sehr betroffen macht.

Ihre Konzerte dienten oftmals auch dem guten Zweck. Bei einer Benefizaktion nach einem schweren Wirbelsturm in den USA sammelten sie mit der "Barrelhouse Jazzband" 40 000 Euro für mittellose Musiker. Dass die Künstler jetzt wegen Corona massive Probleme haben, findet das Ehepaar katastrophal. Milliarden würden in die Autoindustrie und Luftfahrt gepumpt, die Kultur werde hingegen "im Stich gelassen", kritisiert Götte.

Schwierige Suche nach Nachfolgern

Den Jazzclub aber sehen die Göttes nun auf einem guten Weg. Und das, obwohl 2020 das Aus fast schon besiegelt war. Erst wollte ein neues Team um Wolfgang und Katrin Foerster übernehmen. Doch die Chemie habe nicht gestimmt, sagen die Göttes. Nach dem Rücktritt der Foersters habe aber keiner "den Verein sterben lassen" wollen. Es wurde weitergesucht - mit Erfolg. Am Ende fand sich doch noch ein neuer Vorstand. Nun wünscht sich Volker Götte, "dass es so erfolgreich weitergeht". Und seine Frau Karin hofft, "dass es bald in der Scheune weitergehen kann, denn der ,Jazz in der Scheune' ist ein Begriff".

Den Ritterschlag liefert ein treuer Besucher: "Die Art, wie die Konzerte organisiert sind, zeigt die Verbundenheit des Jazzclubs mit dieser Musik. Man merkt, dass das Engagement von Herzen kommt, was eine besondere Harmonie zwischen Musikern und Publikum erzeugt, so dass alle immer wieder gerne kommen."

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