Immer gut gelaunt, selbst morgens nach 3 Uhr: Thomas Rudolph unterwegs in Liederbach.
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Immer gut gelaunt, selbst morgens nach 3 Uhr: Thomas Rudolph unterwegs in Liederbach.

75 Jahre Frankfurter Neue Presse:

Liederbach: Höchsten Respekt vor diesem Frühaufsteher-Job

  • Frank Weiner
    vonFrank Weiner
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Wir begleiten einen treuen Zeitungsausträger.

Liederbach/Fischbach -Was habe ich mir da nur eingebrockt, denke ich in der Nacht. An Einschlafen vor 24 Uhr ist kaum zu denken. Und dann in knapp drei Stunden schon wieder raus. Aber ich will ja zur unchristlichen Zeit arbeiten - genauer gesagt, einen Zeitungsausträger begleiten und darüber berichten. Eine treue Leserin aus Kelkheim hat uns zu Recht auf diese Idee gebracht: Warum nicht zum 75. Geburtstag der Frankfurter Neuen Presse, deren Tochter das Höchster Kreisblatt ist, mal all denen Dankeschön sagen, die jeden Morgen in aller Herrgottsfrühe das gedruckte Papier in die Häuser bringen?

Eine prima Idee dachte ich zunächst. Aber als ich um 2.45 Uhr aufstehen muss, finde ich den Termin nicht mehr so lustig. Punkt 3.20 Uhr stehe ich nun wie verabredet an der Tankstelle in Liederbach. Vor mir ist ein Auto eingebogen, das kann nur das vom Träger sein. Der heißt Thomas Rudolph, kommt aus Fischbach, ist 60 Jahre alt und ein total netter Typ. Er bietet mir verschlafenen Reporter gleich das Du an und flachst mit Blick auf unsere Jobs: "Jetzt lernst Du erstmal die Kehrseite der Medaille kennen."

Doch eins kann ich vorweg nehmen: Die Zeit ist zwar heftig, die Begleitung des treuen Trägers aber ein besonderes Erlebnis. Rudolph ist ein Mitarbeiter, wie er im Buche steht. Gewissenhaft, zuverlässig (selbst Urlaub macht er selten), fast ohne Reklamationen in 22 Jahren, vor allem super freundlich. Schade für ihn, dass er zwischen 3.30 und 5.30 Uhr keinen Menschen trifft.

Ab und zu nehme ein Liederbacher die Zeitung entgegen, dann plaudere er einen Moment, erzählt der Vater von Sohn und Tochter, der in seiner Freizeit gerne am Haus und am Computer tüftelt und Eintracht-Frankfurt-Fan ist. Damit er "mal raus und ein bisschen in Bewegung kommt", sei der Austräger-Minijob das Richtige für ihn. 41 Jahre hat er bei der Post in Fischbach und Kelkheim gearbeitet, war Hauptsekretär, bekannt wie ein bunter Hund.

Zur Zeitung kam er per Zufall: Seine Schwester hatte die beiden Bezirke in Liederbach, wollte in den Urlaub fahren und hatte keinen Vertreter. Ihr Bruder sprang ein. Danach habe sie "keine Lust mehr" gehabt. Bereichsleiter Peter Fritsch bat ihn, drei, vier Wochen weiterzumachen - er werde sich melden. Das war vor 22 Jahren. "Auf den Anruf warte ich heute noch", grinst Rudolph.

Jener Peter Fritsch biegt nun um 3.25 Uhr um die Ecke, als der Fischbacher Frühaufsteher schon die bereitliegenden Zeitungspakete sortiert. "Der Thomas ist immer gut gelaunt, ein Guter", schwärmt der Bereichsleiter. Die meisten Träger seien schon sehr lange im Dienst, der Oldie ist ein 81 Jahre alter Kelkheimer, die Jüngsten sind 18/19 Jahre alt (Text rechts). Schüler nimmt die Main-Taunus Presse Vertriebsgesellschaft nicht, betont Fritsch mit Blick auf mögliche Konflikte mit dem Unterricht. Mit seiner Frau trägt er ebenfalls Zeitungen aus. Kaum sind sie im Auto verstaut, verabschieden sich die Träger mit einem "Frohes Schaffen".

Die Tour kann beginnen. Überall im Auto liegen die Stapel, knapp 200 Exemplare, verteilt. Die erste Runde ist aber zu Fuß. Rudolph hat sich eine Laufliste gemacht. Er weiß genau, wo er welches Blatt einwerfen muss. Mal ins Zeitungsrohr, mal in den Briefkasten - da hat er Routine. Immer wieder verschwindet er in dunklen Eingängen ohne Bewegungsmelder, um trotzdem zielsicher die Box anzusteuern.

Im Zweifel hilft ihm seine aufziehbare Taschenlampe, die "mein wichtigstes Werkzeug" ist. Einmal sei die Straßenbeleuchtung komplett ausgefallen. "Ich musste nur mit dem Mondlicht auskommen, das war sehr romantisch", erzählt er. Er möge es, sich den Blick nachts für Bäume, Sterne zu bewahren und "den Übergang von der Ruhe des Morgens zu genießen". Und weiß: "Man ist sein eigener Chef, stärkt sein Immunsystem." Seine letzte Erkältung mit Fieber sei Jahre her. Unglück bringe der Job nicht, obwohl viele schwarze Katzen seinen Weg kreuzen.

Bis zu sieben Kilometer ist Rudolph jeden Morgen außer sonntags unterwegs. Mit dem Auto fährt er Punkte an, dann geht's zu Fuß weiter. Neben dem Kreisblatt verteilt er Rundschau und FAZ, "Bild", aber auch den "Hessen-Bauer". An der Höchster Straße möchte ein Leser sogar die "Taunus-Zeitung", die im Hochtaunuskreis erscheint. Warum? Rudolph weiß es nicht, hat den Leser ja noch nie angetroffen. Er rät aber den Kunden, Verständnis für Vertretungen aufzubringen. Sollten sie die Zeitung nicht ins angestammte Rohr legen - dann mal im Briefkasten nachschauen.

Das frühe Aufstehen fällt ihm nicht mehr schwer. "Man ist es gewohnt." Verschlafen habe er so gut wie noch nie. In jedem Fall habe er die Zeitung immer vor 6 Uhr zugestellt - das ist die Vorgabe der Firma. Einmal war Blitzeis, doch Rudolph zog seine Gummi-Überzieher mit Spikes an und kam voran. "Als Zeitungsträger muss man für alle Wetterverhältnisse gewappnet sein", betont er und holt an der Taunusstraße den Regenschirm raus - denn die Zeitungen sollen nicht nass werden.

Zu meckern an den Kollegen der Redaktion hat er nichts. "Ich finde die Zeitung optimal so, wie sie ist." Wichtig sei die Aufteilung der Orte im Lokalteil. Als diese kurzzeitig aufgehoben wurde, seien einige Leser abgesprungen, erinnert sich Rudolph, für den die tägliche Zeitung nach dem Austragen mit einer Tasse Kaffee und einem Marmeladenbrot "ein Stück Lebensqualität" ist.

Er sieht die Entwicklung der Presse auch nicht so dramatisch. In zehn Jahren werde es noch Zeitungen geben. "Wenn ich gesund bleibe", wolle er noch mitmischen. Kleine Anerkennungen als Reaktion auf seine Weihnachtskarten seien schöne Bestätigungen. Wenn es heiße: "Danke, dass Sie uns ein Jahr die Zeitung gebracht haben."

Inzwischen ist Rudolph mit seinem Begleiter in der Gagfah-Siedlung angekommen. Da kennt er selbst engste Schleichwege. So steigt er ein letztes Mal ins Auto, bedient im Gewerbegebiet zwei Firmen und hinter Coca-Cola ein Privathaus. Dann ist nach gut zwei Stunden Schluss für seinen "angenehmen Nebenjob", wie Rudolph sagt. Mir als Reporter bescheinigt er: "Du kennst ja schon den Bezirk, dann kannst Du es ja morgen machen." Das muss ich leider absagen. Zwar arbeite ich nicht nach Redakteurs-Zeiten ab 11 Uhr - aber noch mal um kurz vor 3 Uhr aufstehen, das muss wirklich nicht sein. Hut ab vor all den treuen Geistern, die das sechs oder sogar sieben Tage in der Woche bei Wind und Wetter tun und dabei kaum Fehler machen. Mein Respekt vor der Aufgabe des Zeitungsausträgers war vorhanden. Aber jetzt ist er riesengroß.

250 Träger, 20 000 Kunden

Im Main-Taunus-Kreis gibt es zwei Zustellgesellschaften, die Main Taunus Presse und die Höchster Presse. In den beiden Agenturen sind 250 Zusteller beschäftigt, die rund 20 000 Kunden am Tag beliefern. Das teilt Peter Fritsch von der Vertriebsorganisation der Main-Taunus Presse mit und berichtet weiter: "Die Palette der Objekte ist recht groß geworden." Die größten Mengen sind das Höchster Kreisblatt, dann die Frankfurter Allgemeiner Zeitung und Frankfurter Rundschau, aber in kleineren Mengen auch alle bekannten Tageszeitungen wie "Bild", Süddeutsche, Welt, Handelsblatt. Auch wöchentliche Blätter ("Die Zeit") oder monatliche Zeitungen und Zeitschriften sind in der Zustellung, informiert Fritsch.

Bei Wind und Wetter ist Thomas Rudolph im Ort unterwegs.

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