Antje Nixdorf ist furchtlos und hält ihre Hand ans Nest der Feldwespe am Wassertank.
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Antje Nixdorf ist furchtlos und hält ihre Hand ans Nest der Feldwespe am Wassertank.

Naturschutz:

Liederbach: "Man muss die Wespen nicht als böse ansehen"

  • Frank Weiner
    vonFrank Weiner
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Sachverständige Antje Nixdorf rät erst zur Nest-Umsiedlung und gibt Tipps gegen Störenfriede.

Liederbach. Ohne Zögern spaziert Antje Nixdorf auf den Wassertank zu. Dabei tummeln sich an der Metallverkleidung viele Wespen. Die Liederbacherin hält ihre Hand dennoch ohne Zögern in die An- und Abflugschneise. Diese Feldwespen seien sehr friedlich, ruft sie dem Reporter fröhlich zu - und wird prompt von einer in die Lippe gestochen.

"So ein bisschen die Ordnungspolizei"

Doch das steckt die Imkerin spielend weg. Nixdorf kennt das Gefühl. Seit gut drei Jahren ist die Imkerin eine von wenigen Wespen-Sachverständigen im Main-Taunus-Kreis. Von April bis Oktober, wenn die schwarz-gelben Tiere fliegen, hat sie gut zu tun. Knapp 40 Nester hat sie seitdem umgesiedelt. Nixdorf wäre mehr Arbeit in ihrem erweiterten Ehrenamt fast lieber. Denn sie betont: "In den meisten Fällen kann man umsiedeln." Die Menschen müssten "umdenken, man muss die Wespen nicht als böse ansehen. Sie sind so ein bisschen die ,Ordnungspolizei'", keine Plagegeister, sondern sehr nützlich. Sie fressen Mücken, Schmeißfliegen, verhindern Raupen-Bildung auf dem Obst und verspeisen Fallobst. Nixdorf sieht noch einen speziellen Vorteil: Wespen tummeln sich gerne auf den Kästen ihrer Bienenvölker. Das tote Aas dort fressen sie "und räumen für mich auf - auch gut", sagt sie. Deshalb ist ihr Kleingarten in der "Grünen Mitte" in Liederbach längst neben dem Bienen- ein Wespen-Paradies geworden. Nicht weniger als sieben Nester hat sie 2020 hierhin umgesiedelt, auf zwei weiteren Grundstücken hat sie noch einmal acht dieser filigranen Behausungen. Die Wespen bauen sie sich aus geraspeltem Holz und Spucke in Ebenen auf, bewundert auch Nixdorf diese Baumeister.

Das macht die Umsiedlung schwer. Bei ganz kleinen Nestern hat sie den Tipp: Wenn anfangs nur die Königin ein- und ausfliege, könne das leere Körbchen weg geschnippt und die Stelle mit Essig oder einem ätherischen Öl eingesprüht werden. So suche sich die Königin einen anderen Platz. Einfach ist es auch, wenn Nixdorf ein noch sehr kleines Nest für den Umzug verschließen und es abtransportieren kann.

10 000 Tiere werden in die Kiste gesaugt

Ist ein "Haus" aber aus mehreren Ebenen aufgebaut und etwa in einem Rollladen-Kasten mit bis zu 10 000 Tieren bevölkert, wird es kniffliger. Nixdorf und ihr Mann rücken an, mit Imker-Schutzausrüstung und Staubsauger. Über einen Schlauch ziehen sie die Wespen in eine Kiste - alles Marke Eigenbau, weil es solche Spezialprodukte nicht im Handel gibt. Das Nest wird von der Hülle befreit, die Ebenen am neuen Standort aufgeschichtet. Über ein Säckchen lässt Nixdorf die nun wütenden Tiere rein krabbeln. Auch gebe es die Variante, die Wespen in einer Kühlbox in eine kurze Kältestarre zu versetzen und so mühelos umzusiedeln.

Naturschutzbehörde, nicht die Feuerwehr

Vor drei Jahren hatte Nixdorf ihr Aha-Erlebnis. Sie hatte mal eine nicht erlaubte, aber im Handel zu bekommende Wespen-Falle eingesetzt. Als darin Falter und Hummeln starben, dachte sie um. "Ich wollte mich mehr damit beschäftigen, mehr begreifen." Ein Hesse bot über die Aktion Wespenschutz Seminare an, längst bildet sich die Liederbacherin, die als Personalmanagerin bei einer Bank arbeitet, weiter fort. Beim Kreis ließ sie sich als Sachverständige registrieren. Deshalb sollten Bürger bei Nestern nicht die Feuerwehr anrufen, sondern über die Untere Naturschutzbehörde gehen. Bis zu einer Stunde dauert es, bis fast alle Wespen mit ihrer maximalen Flugzeit von 40 Minuten eingesaugt sind. Je nach Nestgröße und Aufwand kostet das von 20 bis 150 Euro. Sie rät davon ab, gleich den Kammerjäger und dessen Gifteinsatz zu rufen. Ein Spray erreiche womöglich nicht die Königin. Außerdem stehen einige Arten unter Naturschutz. Umsiedeln sollte die erste Alternative sein. Nixdorfs Garten beweist, dass ein Zusammenleben zwischen Tausenden Bienen und Wespen, zwei Hunden und zwei Menschen meist problemlos möglich ist. "Ich töte gar nicht, das bringe ich nicht übers Herz", betont sie und wünscht sich: "Es wäre schön, wenn die Menschen bei Wespen kulanter wären." Immerhin: "Viele sagen, sie wollen sie nicht töten." Und gegen den Ärger abends beim Grillen gibt es Tricks, die Nixdorf gerne verrät (Text rechts). Ihre Liebe gelte aber weiterhin den Bienen, rund 40 Völker hat sie in Liederbach, Unterliederbach, Kelkheim und auf dem Gelände des Imkervereins Bad Soden.

Der Garten von Antje Nixdorf lädt zur Party ein. Im Schwenkgrill liegt das Holz. Dass drumherum sieben Wespennester sind - für die Liederbacherin kein Problem. Zum einen tummele sich hier nicht die größte Nervensäge, die gemeine oder deutsche Wespe, die meist in den Rollladenkästen hause. Zum anderen wendet Nixdorf einen Trick an: An anderer Stelle im Garten bietet sie den Wespen extra Wurst an. "Das merken sie sich. Und warum sollten sie sich dann etwas Neues suchen? So kann man sie gut vom Grillteller fernhalten." Sollten doch welche kommen, seien ruckartige Bewegungen zu vermeiden. "Wespen sehen sehr viel besser, wenn sie was Schnelles sehen." Der Trick, zusammengeknülltes Papier auszulegen, das ein Nest vortäuschen soll, ziehe indes nicht. "Wespen haben einen guten Geruchssinn. Die riechen dann keine Konkurrenz." Bei einem kleinen Nest, das zum Beispiel in Nixdorfs Gartenpavillon hängt, reiche schon ein Tuch zu einer Seite, damit die Wespen eine andere Ausflugbahn nehmen.

Zur Gattung zählen auch die Hornissen. Ein solches Volk hat Nixdorf jetzt von einem Rollladenkasten in Hornau in eine Kiste in ihrem Garten umgesiedelt. Gefährlicher als Wespen seien diese Brummer auch nicht, betont sie. "Umzüge" seien hier aber nur nach Antrag mit Begründung erlaubt.

So hat Nixdorf bei ihrem Wespen-Hobby einiges erlebt. In einem Kleingarten flog ein Fußball ins Nest der mittleren Wespe, das sie danach in ihren Garten transferierte. In einem Blumentopf hatten sich Erdwespen eingenistet. Eine Tüte drüber, dachte sich Nixdorf, vergaß aber das Loch im Boden und steckte Stiche ein. Zuletzt fragte eine Kita in Hattersheim an: Auf einer Weide nebenan wurden Wespen angelockt. Nixdorf schlug eine Feuerwehrübung vor, die dann tatsächlich offiziell anrückte. wein

Kontakt zu Experten

Der Imkerverein Bad Soden nennt Antje Nixdorf, 01 77 /7 64 24 09 und Michael Best, 01 71 / 7 56 91 72, als Experten. Auch die Untere Naturschutzbehörde des Kreises ist dazu ansprechbar.

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