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Das Schild verdient seinen Namen an der Immobilie am Marktplatz schon lange nicht mehr: Das China-Restaurant „Shanghai“ hat dort 2015 zugemacht. Es wurde inzwischen zu Wohnraum umgebaut.

Tierschmuggler

210 000  Glasaale: Zoll hebt im Keller eines ehemaligen China-Restaurants Händler-Ring aus

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Mehr Leben am Marktplatz wird immer wieder gefordert. Der Einsatz der Beamten war aber mehr, als den Liederbachern lieb war.

Ein trister Vormittag am Marktplatz. Ab und zu verirrt sich ein Kunde in die Geschäfte. Gerade hetzt eine Frau mit ihrem Enkelkind vorbei. Dass hier am Samstag ein Großaufgebot des Zolls aufmarschiert ist – ja, das habe sie mitbekommen, sagt sie nur. Der Nachbar gegenüber hat einen Container der Feuerwehr wahrgenommen. Der Inhaber des neuen Eiscafés wollte einen der Beamten zum Kaffee einladen. Doch der habe zu viel zu tun gehabt, sagt er.

In der Tat: Am Samstag war der Zoll am sonst sehr beschaulichen Liederbacher Marktplatz stundenlang beschäftigt. Sogar die Feuerwehr der Gemeinde war eingebunden, sie lieferte den großen Container zum Abtransport. Was dort drin war? Vier große Wasser-Becken sowie weiteres Material für einen groß angelegten Schmuggel. Rund 210 000 Tiere waren in den Bassins. Winzige, wenige Zentimeter kurze Glasaale. Das Zollfahndungsamt und die Staatsanwaltschaft Frankfurt haben im Keller des ehemaligen China Restaurants „Shanghai“ einen Umschlagplatz für den internationalen Glasaal-Schmuggel auffliegen lassen (siehe auch Seite 8). Glasaale sind vom Aussterben bedroht. Weil sie in Asien als Delikatesse gelten und ihnen eine potenzsteigernde Wirkung nachgesagt wird, werden sie mit hohen Gewinnen gehandelt. In Deutschland gibt es bis zu 400 Euro für ein Kilo dieser jungen, noch durchscheinenden Fische, in Asien bis zu 5000 Euro.

„Da waren junge Männer“

Die sichergestellten Tiere wurden zeitnah im Rhein ausgesetzt. Drei mutmaßliche Täter im Alter von 27, 28 und 37 Jahren aus Malaysia und China wurden festgenommen und sitzen in Untersuchungshaft. „Da waren immer junge Männer“, hat auch eine Anwohnerin des Marktplatzes „Im Kohlruß“ beobachtet. „Ich habe gedacht, dass sie da illegal schlafen.“ Immer mal wieder habe sie die Personen mit kurzen Hosen und Schlappen auch zum Supermarkt gegenüber laufen sehen. Dass sie womöglich Schmuggler waren, erfährt die Frau vom Kreisblatt. „Wieso hat das keiner früher gemerkt?“, fragt sie sofort. Das große Aufgebot der Zollbeamten und der Liederbacher Feuerwehr habe sie am Samstag allerdings sehr wohl gesehen. „Nach dem Auflauf musste da ja irgendwas sein“, sagt sie. Fast einen halben Tag seien die Beamten dort gewesen, einige habe sie auch ins Haus gelassen, sagt die Nachbarin.

Anzeichen für einen kriminellen Glasaal-Schmuggel hat es aber zuvor nicht gegeben – auch nicht im Rathaus, wie Bürgermeisterin Eva Söllner sagt (Text rechts). In der Tat ist es rund um den Eingang des ehemaligen Restaurants ruhig – und wenig ansehnlich: Vor der Tür liegen Zeitungen, in einem Verschlag dahinter stehen Großbehälter für Eis, zudem allerlei anderer Müll. Auf der Treppe runter in den Keller liegt ein Hausschlappen, alles ist ziemlich verdreckt. Das sieht nicht nach einer regelmäßigen Nutzung der Räume aus.

Im Keller allerdings herrschte wochenlang Betriebsamkeit. Dort bereitete die Tier-Schmugglerbande ihre Geschäfte vor. Die vier Becken wurden mit Sauerstoff versorgt, die Glasaale auf Tischen zum Weitertransport in ebenfalls mit Sauerstoff versorgte Tüten gepackt. Das Ganze sei professionell aufgezogen worden, sagt Hans-Jürgen Schmidt, Sprecher des Zollfahndungsamtes, dem Kreisblatt. Mit dem großen Fahndungserfolg ende vorerst die kleine Serie. „Ich freue mich, dass wir den Kreis schließen konnten“, sagt Schmidt zu weiteren Glasaal-Funden. Ende November war die erste Entdeckung am Frankfurter Flughafen, dann wurden dort am 19. Dezember erneut 100 000 Tiere in mit Wasser gefüllten Beuteln in drei Koffern gefunden. Liederbach war der Umschlagplatz. Dort öffneten die Fahnder eine Styroporkiste mit Tausenden verendeten Aalen, fanden zudem 50 000 Euro. Aufmerksam wurden die Zollbeamten durch ein verdächtiges Mietauto, das in Liederbach stand und zu einer mutmaßlichen Täter-Gruppierung gehört. Die Staatsanwaltschaft erwirkte darauf hin einen Durchsuchungsbeschluss. Amtshilfe bekam der Zoll von der Liederbacher Feuerwehr, die letztlich das Wasser aus den Becken ließ und das Material abtransportierte – die Aale waren zuvor in Absprache mit einem Fachmann herausgefischt und im Rhein in ein neues Zuhause gebracht worden. Gestern kam die Mitteilung für die Wehr, dass das Schmuggler-Material von einer Fachfirma vernichtet werden kann.

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