Landwirt Gregor Betzel hält Huhn Else im Arm. Insgesamt 240 Hühner hat Betzel auf seinem Birkenhof. Die Eier gibt's dann im Hofladen oder rund um die Uhr im SB-Kühlschrank zu kaufen.
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Landwirt Gregor Betzel hält Huhn Else im Arm. Insgesamt 240 Hühner hat Betzel auf seinem Birkenhof. Die Eier gibt's dann im Hofladen oder rund um die Uhr im SB-Kühlschrank zu kaufen.

Landwirtschaft

Main-Taunus: "Bist Du bio oder böse?"

  • vonManfred Becht
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Die konventionellen Landwirte kämpfen gegen das schelchte Image der Branche, derweil sinkt die Zahl der bäuerlichen Betriebe im MTK weiter. Aber: Die Direktvermarktung birgt große Chancen.

Main-Taunus. -Vor zehn Jahren gab es im Main-Taunus-Kreis noch 226 landwirtschaftliche Betriebe, zurzeit sind es noch 152 Höfe. Das ist ein Rückgang um 74 Betriebe oder rund 30 Prozent. Diese Zahlen sind alarmierend - wenn die Entwicklung so weitergeht, gibt es in 20 Jahren keine Landwirtschaft mehr.

Einerseits leben im Main-Taunus-Kreis nicht mehr viele Menschen von der Landwirtschaft, für den Arbeitsmarkt ist die Entwicklung also nicht wirklich ein Thema. Aber es sind 7800 Hektar Fläche, die von der Landwirtschaft genutzt werden. Das ist etwa ein Drittel der Fläche des Kreises insgesamt. Wein- und Obstbau zwischen Kriftel und Hochheim, die Ackerflächen im Osten des Kreises, dazu das Grünland in den höheren Lagen, alles zusammen summiert sich zu dieser Größenordnung.

Die meisten Höfe haben einen Nachfolger

Es ist weithin Konsens, dass die landwirtschaftliche Nutzung erhalten werden soll. Gut erkennbar ist das vor allem, wenn über Neubaugebiete diskutiert wird. Nikolaus Bretschneider-Hermann vom Amt für den ländlichen Raum in Bad Homburg, das neben anderen Landkreisen auch für den Main-Taunus-Kreis zuständig ist, sieht durchaus Chancen dafür, dass eine ausreichende Zahl von Bauernhöfen erhalten bleibt. Aber: "Die Landwirtschaft wird nicht da stehen bleiben können, wo sie heute steht", schreibt Bretschneider-Hermann in seinem Beitrag "Gedanken zur Landwirtschaft im Main-Taunus-Kreis" zum aktuellen Main-Taunus-Jahrbuch.

Was ihn optimistisch macht: In 70 bis 80 Prozent der Höfe steht ein Nachfolger bereit. Dass Betriebe aufgegeben werden, weil sie keiner weiterführen will, das ist aus Bretschneider-Hermanns Perspektive derzeit nicht das Problem. Schwierig sei für manchen Landwirt aber das Image der Branche. Er erinnert sich an den Besuch einer Schülergruppe auf einem Hof. "Bist du bio oder böse?", habe ein Zwölfjähriger den Bauern gefragt. Nicht jeder wolle unter solchen Vorzeichen einen Hof übernehmen, sagt Bretschneider-Hermann im Gespräch mit dieser Zeitung. Die Landwirte hätten versäumt, der Öffentlichkeit zu vermitteln, dass sie sich wie alle Wirtschaftszweige modernisieren müssten. "Zurück zur Idylle, das wird nicht funktionieren", sagt er. Zu vieles wird ihm zu undifferenziert diskutiert. Bei den Bauern breite sich aber gerade das Bewusstsein dafür aus, mehr in die Öffentlichkeit gehen zu müssen.

Was die Flächen angeht, gibt es gegenläufige Tendenzen. Einerseits nehmen die verfügbaren Areale mit guten Böden ab. Andererseits gibt es immer mehr Flächen, um die sich keiner mehr kümmert. Das sind vor allem Wiesen, ungünstig geschnitten, zu klein, zu feucht, abseits gelegen. Da lässt sich noch nicht einmal zu vertretbaren Bedingungen Heu machen. Sein Amt bezahle Landwirte dafür, sich um solche Flächen zu kümmern, berichtet Bretschneider-Hermann.

Er kennt Landkreise, wo es kaum noch gelingt, solche Flächen offen zu halten. Das ist eine Entwicklung, die auch im Main-Taunus-Kreis drohe. Aus Sicht des Naturschutzes sei es keineswegs sinnvoll, diese Wiesen in Wald umzuwandeln. Denn es gibt Vögel, Insekten und andere Arten, die diese offenen Wiesen brauchen.

Subventionierte Landwirtschaft

Für Bretschneider-Hermann kann es aber keine vernünftige Strategie sein, Bauernhöfen dadurch die Existenz zu sichern, dass sie für die Pflege solcher Flächen bezahlt werden. Dass die Produktion meist nicht ausreicht, ein auskömmliches Einkommen zu erwirtschaften, weiß kaum einer besser als er - seine Behörde ist unter anderem für die Verteilung der landwirtschaftlichen Subventionen zuständig.

Ein ganz wichtiges Thema für die Landwirte könne daher auch aus wirtschaftlicher Sicht die Direktvermarktung sein. Gerade im Ballungsraum spiele der Wunsch vieler Verbraucher nach Lebensmitteln aus der Region der Direktvermarktung in die Hände. Für so manchen Direktvermarkter auch im Main-Taunus-Kreis sei der Hofladen schon zur wichtigsten Einnahmequelle geworden. Über das Internetportal "Landpartie.de" wird dies auch seitens des Landkreises gefördert. Bretschneider-Herrmann ermuntert die Landwirte, noch stärker auf die Direktvermarktung zu setzen.

Im Kreis gibt es 27 Rinderhalter

Das gilt übrigens auch für Fleisch. Immerhin 27 Rinder-Halter gibt es im Kreisgebiet, die meisten produzieren Fleisch, nur 3 haben Milchvieh-Herden. Hier sieht Bretschneider-Herrmann Chancen, weil schon beim Verkauf im Hofladen ein viel größerer Teil des Umsatzes beim Erzeuger bleibt und die Preise damit konkurrenzfähig bleiben. Und nur die Viehhaltung, so der Autor, biete die Möglichkeit einer sinnvollen Nutzung der Wiesenflächen. Die Dinge können also zusammenpassen - es sind die Landwirte, die sie zusammenfügen müssen.

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