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Main-Taunus-Kreis: Kostenexplosion und Lieferengpässe

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Von: Matthias Pieren

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Wohnungsbauprojekte sind im Hochtaunus- und im Main-Taunus-Kreis allerorten zu beobachten. Doch Materialmangel, Lieferengpässe und deutlich steigende Materialkosten setzen (Bau-)Handwerkern ebenso wie den Bauherren kräftig zu.
Wohnungsbauprojekte sind im Hochtaunus- und im Main-Taunus-Kreis allerorten zu beobachten. Doch Materialmangel, Lieferengpässe und deutlich steigende Materialkosten setzen (Bau-)Handwerkern ebenso wie den Bauherren kräftig zu. © map

Handwerker, Baubetriebe, Hauseigentümer und Bauherren gleichermaßen betroffen

Main-Taunus -Nach wie vor geht Michael Schilling gerne auf die Knie, um seinen Beruf auszuüben. Seit nunmehr 34 Jahren geht der Fliesenlegermeister aus Kelkheim seinem Handwerk nach. Zudem engagiert sich der mittlerweile 67-Jährige bei der Baugewerks-Innung Main-Taunus als stellvertretender Obermeister. Was er derzeit in seinem Gewerk, aber auch in der gesamten Bauhandwerksbranche erlebt, ist ihm in dieser Form noch nie während seines Berufslebens vorgekommen. Die Auftragslage ist im Rhein-Main-Gebiet bestens, Handwerksbetriebe können der Nachfrage zum Teil gar nicht mehr nachkommen.

Das gilt sowohl für Kleingewerkbetriebe wie sein Einmannunternehmen als auch für die Big Player auf dem Bau und mittelständische Unternehmen, die als Subunternehmen, aber auch als Auftragnehmer große Bauvorhaben voranbringen. Alles gut? Eigentlich ja - wenn da nicht der extreme Materialmangel und die andauernden Lieferengpässe den Berufsalltag zu einem nicht planbaren Vabanque-Spiel machen.

Ein Beispiel: "Im Dezember habe ich endlich nach vier Monaten Baustoffe für ein gängiges Verfahren für einen Wandaufbau erhalten, das ich im August bestellt habe", berichtet Schilling. "Und das Material kam nicht einmal aus dem Ausland oder Fernost, sondern der Hersteller produziert im Emsland."

Ohne alle benötigten Komponenten beim Standard-Material kann er seine Aufträge nicht frist- und auftragsgerecht abwickeln. Wo kleinere Handwerksbetriebe schon viel Verhandlungsgeschick brauchen, um die schwierige Situation mit ihnen persönlich bekannten Kunden zu meistern, ist die Lage bei Unternehmen ungleich schwieriger, wo gleich mit Konventionalstrafen wegen Nicht-Erfüllung gedroht wird.

Nicht selten drohen Vertragsstrafen

"Ist das benötigte Material bei öffentlichen Aufträgen nicht verfügbar, drohen Vertragsstrafen", sagt Bauunternehmer Tobias Henrich aus Eschborn, Obermeister der Baugewerks-Innung. "Durch massive Lieferschwierigkeiten bei den Baustoffen ist die Situation von Bau- und Handwerksunternehmen fast noch dramatischer als durch die ebenfalls massiv gestiegenen Preise."

Ein anderes Beispiel aus der gemeinsamen Kreishandwerkerschaft für den Main-Taunus- und Hochtaunuskreis: Heizungen fallen grundsätzlich im Winter aus. Defekte zeigen sich ausgerechnet immer dann, wenn es draußen kälter wird und man sich eigentlich auf eine behaglich warme Wohnstube freut: mit Beginn der Heizperiode.

Diese bösen Überraschungen sind keinesfalls neu und liegen in der Natur der Sache beziehungsweise der Jahreszeit. Neu aber ist, dass es anno 2022 wie bereits im Vorjahr sehr wahrscheinlich länger dauern wird, bis die Heizung wieder anläuft. "Wurden vor der Corona-Pandemie die bestellten Ersatzteile in 24 oder 36 Stunden per Express geliefert, so ist es aktuell nicht ungewöhnlich, dass wir zwei Wochen warten müssen", sagt Christian Lotz. Der Innungs-Obermeister für Sanitär- und Heizungstechnik ist über die aktuellen Lieferengpässe gerade auch bei elektronischen Ersatzteilen alles andere als erfreut - gerade auch mit Blick auf die Not der Kunden. "Vergleichbare Lieferengpässe habe ich noch nie erlebt", sagt der 46-jährige Geschäftsführer des Sanitär-, Heizung-, Bäderstudios in Bad Homburg.

Im Notfall helfen Elektro-Radiatoren

Zum Glück könne sein Unternehmen den Ausfall zumeist mit Elektro-Radiatoren überbrücken, welche die Bude warm halten - bis das so dringend erwartete Ersatzteil eingetroffen ist. Doch nicht nur aus Gesprächen mit Innungskollegen weiß er, dass alle Fachbetriebe seiner Branche betroffen sind.

"Täglich rufen bei uns durchschnittlich fünf Neukunden in der Hoffnung an, dass wir helfen können. Viele telefonieren alle Fachbetriebe durch", sagt Heizungsbauer Lotz. "Wir Innungsbetriebe sind aber froh, wenn wir zumindest die Bestands- und Wartungskunden bedienen können. Einige Betriebe nehmen schon gar keine Neukunden mehr an."

Extra: "Materialmangel und Kostensteigerung relativieren"

Die Schwierigkeit, Angebote überhaupt noch richtig kalkulieren zu können, um sie bei Auftragserteilung dann auch noch wirtschaftlich ausführen zu können, kennt auch Zimmermeister Dieter Paul nur zu gut. Man müsse derzeit immer damit rechnen, dass die bei der Angebots-Kalkulation angesetzten Materialkosten dann bei Auftragserfüllung völlig überholt seien, meint Paul. "Im ersten Quartal 2021 war der Preis für Bauholz geradezu explodiert. Zum Glück ist Holz beim Einkauf zuletzt wieder etwas günstiger geworden", berichtet der Obermeister der Zimmerer-Innung. "Wir müssen Material gut zwei Monate vor Termin bestellen, dass es auf dem Bau verfügbar ist." Angesichts der aktuellen Entwicklung, die Handwerksbetriebe derzeit gleichermaßen wie Kunden umtreibt, versucht Dieter Paul, mit seiner langen Berufserfahrung die angespannte Lage zu relativieren. "Egal ob Ziegel, Farbe und Kunststoffe - alles ist teurer geworden, nur Holz nicht. In den vergangenen 30 Jahren ist der Einkaufspreis für Holz bis zum vergangenen Jahr unwesentlich teurer geworden", skizziert Paul. "2006 bis 2020 ist der Holzpreis sogar stabil geblieben." Gewiss seien die Preiserhöhungen im Bauhandwerk alles andere als schön. Doch gibt er zu bedenken, dass die Bauzinsen bekanntlich derzeit extrem niedrig seien - was langfristig für die Bauherren von Vorteil sei. map

Gerade Heizungsmechaniker sind vor Probleme bei der Wartung und Reparatur alter Kessel gestellt.
Gerade Heizungsmechaniker sind vor Probleme bei der Wartung und Reparatur alter Kessel gestellt. © map

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