Mehr als nur Sprachunterricht

Seit Mitte Dezember hat die Flüchtlingsinitiative „Teachers on the Road“ ein eigenes Büro in Höchst. In dem kleinen Büro am Schlossplatz wird jetzt der ehrenamtliche Deutschunterricht für Flüchtlinge in Frankfurt und weit darüber hinaus organisiert.

Von Wilke Bitter

Der Schlossturm ragt hoch in den Winterhimmel, die Außenplätze der Gasthäuser am Höchster Schlossplatz sind verwaist. Dass hier im Büro der ehrenamtlichen Bildungsinitiative „Teachers on the Road“ kostenloser Deutschunterricht für Flüchtlinge in Frankfurt und Umgebung koordiniert wird, ist von außen schwer zu erkennen. Und doch laufen hier seit Mitte Dezember in einem kleinen Büro die Fäden für den „Teachers“-Unterricht zusammen.

Notwendig geworden war ein eigenes Büro durch die bemerkenswerte Expansion des Projekts seit der Gründung im Mai 2013, erklärt Mitbegründer Ulrich Tomaschowski. „Neben Frankfurt haben sich nämlich auch schnell in Oberursel, Mainz, Ludwigshafen und Darmstadt Freiwillige gefunden, die „Teachers“-Gruppen gegründet haben“, sagt Tomaschowski. „Alles in allem haben wir in Hessen und Rheinland-Pfalz rund 250 ehrenamtliche Deutschlehrer.

Im Durchschnitt finden die Deutschklassen für die Flüchtlinge mittlerweile zwei- bis fünfmal in der Woche statt.“ In Frankfurt sei der Lehrkörper mit 100 Freiwilligen besonders gut aufgestellt, so Tomaschowski. Vier bis fünf Lehrer unterrichten ihre Klassen in den Räumlichkeiten der IG Metall an fünf Tagen die Woche, „und für den administrativen Aufwand für Frankfurt und alle anderen Ortsgruppen haben wir jetzt doch einen festen Standort gebraucht.“

Vier ehrenamtliche Mitarbeiter der „Teachers on the Road“ kümmern sich in Kürze im neuen Büro der „Teachers“ in Sichtweite vom Höchster Schloss um die Organisation von Klassenräumen für den Deutschunterricht und um die Kommunikation der Freiwilligen, dabei teilen sie sich die urig-rustikal eingerichteten Räumlichkeiten zeitweise mit einem deutsch-türkischen Kulturverein, einer lokalen Arbeitslosenvereinigung und den „Linken“ im Frankfurter Westen. Trotz des Büros als Anlaufstelle sollen die Ortsgruppen der „Teachers“ allerdings weitgehend autonom bleiben, erklärt Tomaschowski.Das Ziel der Initiative sei gerade kein minutiös durchgeplanter, effektiver Deutschunterricht. „Wir wollen einfach die Isolation der Flüchtlinge durchbrechen. Egal wie lange sie in Deutschland bleiben – wenn sie kein Deutsch sprechen, sind ihre sozialen Möglichkeiten und ihr gesellschaftliche Teilhabe gleich null.“

Obwohl es den Flüchtlingen in den Sammelunterkünften und Auffanglagern oft an vielem und Grundsätzlichem mangele, habe Tomaschowski den Wunsch, Deutsch zu lernen, Anfang 2013 auf einer Tour durch mehr als 50 Flüchtlingsheime in Hessen und Rheinland-Pfalz am häufigsten gehört. Als dann zum Beispiel die sogenannten „Lampedusa-Flüchtlinge“ Ende 2013 in der Gutleutkirche untergebracht wurden, veranstalteten die „Teachers“ zweimal täglich und fünfmal wöchentlich Deutschkurse für die übers Meer geflohenen Menschen.

Heute melden sich regelmäßig sowohl Schüler, Lehrer in Rente als auch Studenten aller Fachbereiche melden, um die Flüchtlinge gratis zu unterrichten. Bevor es allerdings vor die Flüchtlingsklassen geht, lernen die neuen „Teachers“ in Workshops, wie man die sehr unterschiedlichen Sprach- und Bildungsniveaus und die teils prekären individuellen Situationen der Kursteilnehmer einschätzt, erklärt Albrecht Bill, pensionierter Lehrer, von den Frankfurter „Teachers“. „Während der eine seine Kommunikationsfähigkeiten für den Job verbessern will, können andere vielleicht nicht einmal Lesen und Schreiben. In den Gruppen muss also immer ein ähnliches Niveau herrschen, sonst sind die einen frustriert und für die anderen gelangweilt. Aber auch die Lernkapazitäten sind ganz unterschiedlich: Man kann eben nicht mal schnell eine neue Sprache lernen, wenn gerade erst der Lebensgefahr entkommen ist oder man nicht weiß, wo man heute Nacht schläft.“

Das Projekt „Teachers on the Road“, das unter dem Dachverein „Netzwerk Konkrete Solidarität“ organisiert ist, kann man über die Wohltätigkeits-Spendenplattform betterplace.org oder Tomaschowskis Privatkonto in puncto Unterrichtsmaterialien und Mietkosten für das Höchster Büro unterstützen.

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