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Johanna Findling gibt mit ihren Händen die Einsätze vor, nach denen die Kinder ihr selbst gewähltes Instrument spielen dürfen. Die Studentin für Musik auf Lehramt an der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Frankfurt erarbeitet mit den Schülern eine kleine Komposition.

Ein von Studenten organisiertes Projekt in Höchst

Musikstunden im Bolongaropalast

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Auf welchen Wegen können Schüler mit klassisch-moderner Musik in Kontakt gebracht werden? Bei dem Projekt „Kunst der Stunde“ im Bolongaropalast nähern sich die Teilnehmer auf kreative Art einem Stück des Komponisten Francis Poulenc.

Ein Cajón ist eine Kistentrommel, auf die der Spieler sich setzen kann. Zwei dieser Instrumente sind in einem Raum im zweiten Stockwerk des Bolongaropalastes aufgestellt. Johannes (13) läuft zielgerichtet darauf zu und fängt an, leise auf dem Instrument zu trommeln. Der Siebtklässler des Gymnasialzweigs der Weingartenschule in Kriftel ist zusammen mit seinen Klassenkameraden aus der G 7a und der G 7b sowie der G 6c an diesem Vormittag im Bolongaropalast unterwegs – insgesamt 65 Mädchen und Jungen.

Die Schüler machen mit bei dem musikpädagogischen Projekt „Die Kunst der Stunde“, das in Zusammenarbeit zwischen Studenten der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst (HfMDK) in Frankfurt sowie des Instituts für Musik der Universität Kassel organisiert wird. Sechs Räume haben die 23 Studierenden für Musik auf Lehramt und für Musikpädagogik für die Kinder vorbereitet.

Das sind sechs Orte, an denen sich die Schüler auf unterschiedliche Art und Weise einem klassisch-modernen Musikstück annähern und damit auseinandersetzen können. Es geht um die Rezeption, das heißt die Wahrnehmung und Verarbeitung des Gehörten.

An zwei Tagen machen rund 300 Schüler aus Höchst und dem westlichen Umland mit. Außerdem eine Gruppe von Geflüchteten sowie „Joblinge“, das sind sozial benachteiligte Jugendliche, die auf ihrem Weg ins Arbeitsleben unterstützt werden. Die Schüler aus Kriftel beginnen.

„Konzert für zwei Klaviere“ heißt das Werk des französischen Komponisten Francis Poulenc (1899– 1963), das 1932 entstand und für das Projekt ausgewählt wurde. Im Mittelpunkt steht der zweite Satz, der rund fünf Minuten lang ist und den sich alle Kinder anhören. Bevor es losgeht mit der musikpädagogischen Arbeit, haben die Mädchen und Jungen die Gelegenheit, sich die vorbereiteten Räumen anzuschauen und sich im Anschluss daran für einen zu entscheiden.

Die Räume sind thematisch unterteilt und überschrieben mit „Sprachspiele“, „Bewegen“, „Musizieren“, „Malen“, „Darstellen“ und „Spurensuche“. Die Titel machen deutlich, dass es sich um einen interdisziplinären Ansatz handelt, bei dem klassisch-moderne Musik mit Hilfe von anderen kreativen Gebieten wie der Kunst oder der Pantomime entdeckt werden kann.

So können die Kinder ihren Empfindungen gegenüber dem Stück beispielsweise mit Farben Ausdruck verleihen. Zur Verfügung stehen ihnen im Raum „Malerei“ hierfür Leinwände, Pinsel und Acryl-Farben, aber auch Aquarellstifte sowie Kreide. Im Bewegungsraum, der im Kapellensaal vorbereitet ist, geht es darum, „mit dem Körper zu hören“: Große Sitzkissen liegen dort ausgebreitet, aber auch mehrere bunte Tücher. „Wir werden das Stück dreimal hören und uns zur Musik bewegen“, erklärt Katharina Küpper. Sie studiert Musik auf Lehramt an der HfMDK. „Es werden Übungen gemacht, unter anderem mit den Tüchern und mit Bällen. Hierdurch sollen die Bewegungen zur Musik immer freier werden“, formuliert sie die Idee. Im Raum „Darstellen“ wird die Musik von Poulenc durch Pantomime in Szene gesetzt. Mit dabei sind auch Manuela Becker, Klassenlehrerin der G 6c, ihre Kollegin Franziska Ohle, Klassenlehrerin der G 7b, sowie Musiklehrer Jan Szymanski. „Die tiefe, inhaltliche Auseinandersetzung mit einem Stück und die methodische Vielfalt des Projekts kann im Schulalltag so nicht umsetzt werden“, lobt Szymanski. „Ich würde auch gerne mitmachen. Wenn es losgeht, dann dürfen wir Lehrer aber nicht mehr mit dabei sein“, sagt Manuela Becker.

Johannes hat sich für den Musikraum entschieden. Dort wartet bereits Johanna Findling auf die zehn Mädchen und Jungen. Hier können die Schüler verschiedene Instrumente ausprobieren. Direkt neben den beiden Cajónes liegt eine schwarze E-Gitarre zum Spielen bereit. Es gibt ein großes Xylophon sowie zwei kleinere Varianten, außerdem zahlreiche Boomwhackers, das sind Kunststoffrohre in unterschiedlichen Farben und Größen, mit denen musiziert werden kann. Klanghölzer, Becken, eine Rassel, Gläser, die mit Wasser gefüllt sind sowie weitere Trommeln ergänzen das Angebot.

Die Idee ist, dass die Schüler durch die Auseinandersetzung mit dem Werk von Poulenc eine eigenes kleines Musikstück komponieren. 90 Minuten haben sie insgesamt Zeit. „Wir arbeiten hierfür nicht mit Noten, sondern mit grafischen Zeichen wie Punkten oder Linien, formulieren Begriffe, um die Musik zu beschreiben“, erklärt Findling. Die Schüler sollen sich mit den Instrumenten vertraut machen.

Johannes hat seines mit dem Cajón bereits ausgewählt, versucht sich aber auch an der Trommel. Alle sind mit großer Aufmerksamkeit bei der Sache und wirken neugierig. Gemeinsam spielen sie die Instrumente einmal an, Findling gibt mit ihren Händen die Einsätze vor. Langsam und vor allem spielerisch tauchen die Kinder ein in das Projekt, erarbeiten dabei außerdem unterschiedliche Möglichkeiten, die Instrumente zu spielen. Das Projekt verdeutlicht, wie es aussehen kann, wenn Kunst und Kultur nach der Sanierung in den Bolongaropalast einziehen werden.

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