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Adriana wird beim Schulbesuch von Christiane Meyer begleitet. Die Mitarbeiterin der Praunheimer Werkstätten hilft ihr bei täglichen Verrichtungen. Sie ist ihre Integrationsassistentin, auch I-Helferin genannt.

Carl-von-Weinberg-Schule

Ein Musterbeispiel für Inklusion

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Adriana (10) ist als „Rolli-Kind“ an der Carl-von-Weinberg-Schule ausgerechnet in einer Klasse, in der nur „gesichtete“ Sportler sind. Doch sie ist glücklich an der Seite von Nicht-Behinderten.

Als Adriana (10) zur Assistentin des Sportlehrers erkoren wurde, hat sie sich gleich fünf Stoppuhren-Apps auf ihr Handy geladen und ihrem erstaunten Vater erklärt: „Papa, ich brauch’ das.“ Sie stoppt damit die Zeiten ihrer Mitschüler. Adriana ist körperbehindert, hat spinale Muskelatrophie (SMA) vom Typ 2, sie sitzt im Rollstuhl. Und Adriana geht auf die Carl-von-Weinberg-Schule, die „Eliteschule des Sports“. Adrianas Mitschüler in der Klasse 5 a sind ausschließlich gesichtete Sporttalente, Schwimmer, Leichtathleten, Fußballer, die sehr auf ihr Training und ihre sportlichen Erfolge konzentriert sind. Und daran hat Adriana Anteil: mit ihren Stoppuhr-Apps.

Die Zehnjährige hat Muskelschwund, der nur bei einem von 10 000 Kindern auftritt. Lähmungen und verminderte Muskelspannung sind die Folge. Aber Adriana ist eine Kämpferin – und zugleich ein Sonnenschein mit einem Lächeln, das Menschen für sie einnimmt. Das Kämpferische hat sie von Mama Angelica und Papa Jens Klappich. Die Eltern setzen sich seit Jahren dafür ein, dass ihre Tochter auf eine Regelschule gehen kann, und treten dafür auch schon Mal der Stadt auf die Füße – etwa als ständig die Rede davon war, dass Frankfurt eine Modellregion für Inklusion sein soll, aber die Klappichs über Jahre vergeblich darum kämpften, dass die Grundschule ihrer Tochter – die August-Gräser-Schule – einen behindertengerechten Aufzug bekommt. Der soll nun wohl Ende 2017 kommen, doch Adriana ist längst auf der weiterführenden Schule in Goldstein, einer Integrierten Gesamtschule. „Wir haben lange gekämpft“, sagt Jens Klappich, „wenn der Aufzug nun kommt, dann nicht mehr für uns.“

An der Carl-von-Weinberg-Schule gab es bereits einen Aufzug, auch wenn er noch etwas ertüchtigt und die Toilette angepasst werden musste. Doch nun ist Adriana das erste körperbehinderte Kind auf der „Eliteschule des Sports“. Jens Klappich ist begeistert: „Es ist doch auch mal schön, wenn Inklusion klappt.“ An der August-Gräser-Schule hätten Schulleitung und Kollegium mit Engagement wettgemacht, was die Ausstattung der Schule nicht hergegeben habe. So wurde Adriana etwa von Lehrern in den Musik- oder den Computerraum in höheren Stockwerken getragen.

An der Carl-von-Weinberg-Schule stimmten aber alle Voraussetzungen, sagt Klappich. Es gibt jeweils einen höhenverstellbaren Tisch in Klassen- und Fachunterrichtsräumen, einen besonderen Stuhl, einen Sitzsack für Adriana. Den besonderen Stuhl braucht sie derzeit nicht, denn es geht ihr recht gut, aber er ist da – falls er gebraucht wird. Adriana wird im Schulalltag von Christiane Meyer begleitet, ihrer Integrationsassistentin von den Praunheimer Werkstätten, die auch schon die letzten anderthalb Jahre an der August-Gräser-Schule an ihrer Seite war. Sie schiebt den Rollstuhl, hilft Adriana bei allen möglichen Dingen.

Dass Adriana in einer Sportlerklasse ist, habe schon etwas davon, „Extreme zusammenzuführen“, sagt Schulleiterin Inge Gembach-Röntgen. „Sportlerklassen sind in der Regel total wuselig. Trotzdem läuft es extrem gut.“ Was auch an Adriana, ihrer Offenheit, ihrem Lächeln und ihren Stoppuhr-Apps liegt. Und daran, dass ihre Mitschüler sie „mitnehmen“, wie Inge Gembach-Röntgen sagt: „Inklusion bedeutet doch, dass wir ein Verständnis dafür haben, dass unsere Gesellschaft sehr vielfältig ist und dass Adriana Teil dieser Gesellschaft ist.“

Jens Klappich hatte den Kontakt zu Gembach-Röntgen schon Monate vor dem Schulwechsel gesucht. Die Carl-von-Weinberg-Schule war seine erste Wahl, weil sie mit der August-Gräser- und der Minna-Specht-Schule in einem Schulverbund ist; die Schwanheimer und Goldsteiner Schulen kooperieren eng miteinander. Unterstützt wird die Carl-von-Weinberg-Schule beim Thema Inklusion auch von der Wallschule, einem Sonderpädagogischen Beratungs- und Förderzentrum zur Umsetzung der inklusiven Beschulung an allgemeinen Schulen. Von dort gibt es personelle Unterstützung – die Adriana aber nicht benötigt, denn sie wird „lernzielgleich“ unterrichtet. Das heißt: Adriana hat keine Lernbehinderung, sondern „nur“ eine körperliche. An der Carl-von-Weinberg-Schule werden aber auch zwei lernbehinderte Kinder unterrichtet, und dabei kommt es auf die Hilfe der Wallschule an: „Man hat Angst, den Kindern nichts Gutes zu tun – das Förderschul-Lehramt ist nun doch noch einmal etwas anderes“, sagt die für den Gymnasialzweig ausgebildete Schulleiterin Gembach-Röntgen.

Adriana bleibt nun an der Weinberg-Schule bis zu ihrem Abschluss. Ob sie Abitur macht, muss sie in der 9. oder 10. Klasse selbst entscheiden; noch weiß sie es nicht. „Es hängt natürlich auch ein bisschen von ihren Leistungen ab“, lächelt die Schulleiterin. Für welchen Abschluss Adriana sich entscheidet, das ist für ihre Eltern nach all dem Kampf fast schon zweitrangig: „Wichtig ist für uns, dass es ihr gut geht.“

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