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Renate Wolf (SPD) gewann 2010 in Sulzbach ebenso unverhofft, wie sie 2015 gegen den Außenseiter Elmar Bociek (CDU) verlor.

Main-Taunus-Kreis

Nicht jeder Rathauschef profitiert bei Bürgermeisterwahlen von seinem Amtsbonus

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Wer als Rathauschef wiedergewählt werden will, hat es meist leichter als namenlose Herausforderer. Die Amtsinhaber sind bekannter und profitieren von den vielen Auftritten in der Öffentlichkeit. Manchmal sind die Wähler ihrer Bürgermeister aber überdrüssig und jagen sie vom Hof. Hochheims Harald Schindler war im MTK der erste Verwaltungschef, den die Bürger abservierten.

Patsch, patsch machte es. Da fegten sie ihn weg. Die Wähler in Flörsheim jagen ihren Bürgermeister aus dem Amt. Michael Antenbrink (SPD) saß in der einstigen CDU-Hochburg zwölf Jahre lang fest im Sattel. Aber seit der Bürgermeister-Direktwahl am vorigen Sonntag ist klar: Seine Tage als Rathauschef sind gezählt. Der Genosse führt die Geschäfte noch bis Ende Oktober dieses Jahres. Dann ist Schluss.

Bernd Blisch, von einem ungewöhnlichen Vierer-Bündnis getragen, leitet vom 1. November an die Flörsheimer Stadtverwaltung. CDU, FDP, Galf und „dfb“ erreichten ihr Ziel, den von ihnen ungeliebten Antenbrink zu entthronen. Blisch verdrängt einen Mann von der Rathaus-Spitze, der nicht irgendwer ist. Michael Antenbrink ist ein selbstbewusster, manche sagen ein von sich zu sehr überzeugter Kommunalpolitiker. Vor allen Dingen ist er Kreisvorsitzender der SPD Main-Taunus. Der Sozialdemokrat nimmt in der MTK-Politiklandschaft eine Schlüsselposition ein und ist einflussreich. Dieser erfahrene Akteur hat es also nicht geschafft, seinen Amtsbonus auszuspielen und seine Bekanntheit als Bürgermeister auszunutzen? Ja, so ist es. Schlappe 31,7 Prozent sind für den Amtsinhaber eine Demütigung. Der SPD-Politiker und doppelte Stichwahl-Sieger (2006, 2012) eckte in den vergangenen Jahren zu oft in Flörsheim an. Er ist längst nicht der einzige Bürgermeister, der bei der Mehrheit der Wähler in Ungnade gefallen und abgewählt worden ist. Schon einmal gab es einen fraktionsübergeifenden Pakt einem Rathauschef gegenüber. Wilhelm Speckhardt (CDU) war ebenfalls zwölf Jahre Bürgermeister – in Eschborn.

Für ihn war der Abgang noch bitterer, weil die Stadt Eschborn sich in einer finanziell exzellenten Lage befand, als er sich 2013 vier männlichen Herausforderern und einer Kandidatin gegenübersah. „Fünf gegen Willi“ war die saloppe Devise, die seine Kritiker ausgaben. Am Ende eines im MTK nie dagewesenen schmutzigen Wahlkampfs verlor Speckhardt die Stichwahl gegen Mathias Geiger (FDP). Der CDU-Politiker hatte, anders als zuletzt Michael Antenbrink in Flörsheim, sogar immer eine politische Mehrheit in der Stadtverordnetenversammlung hinter sich. Trotzdem reichte es nicht mehr für eine zweite Wiederwahl. Politische Fehler des Amtsinhabers und der CDU, etwa der Wahlbetrug um den einstigen Fraktionsvorsitzenden Christian Gerhardt 2011, mündeten in eine Anti-Speckhardt-Stimmung, die nicht mehr aufzuhalten war.

Den ersten Paukenschlag im MTK gab’s im April 2002. Damals servierten die Wähler in Hochheim den hoch favorisierten Amtsinhaber Harald Schindler (SPD) ab. Der heutige Kreistagsabgeordnete verlor den Zweikampf gegen Angelika Munck (FWG), die mit 52,8 Prozent die Nase vorne hatte und 2008 wiedergewählt wurde. Schindler, so analysierte das Kreisblatt damals in einem Kommentar, habe zu oft bewiesen, „dass er kein Gespür für die Befindlichkeiten und Stimmungen der Hochheimer besitzt“.

Werden ausschließlich Männer „abgewatscht“? Keineswegs. Noch 2010 schaffte Renate Wolf (SPD) in Sulzbach eine Überraschung. Die Gemeinde war lange Zeit eine schwarze Hochburg. Doch als Amtsinhaber Horst Schmittdiel (CDU) nicht mehr antrat, witterten die Genossen ihre Chance. Wolf, 2003 noch Wahlverliererin, setzte sich überraschend gegen den CDU-Kandidaten Ralph Basedow durch. Als sie 2015 wiedergewählt werden wollte, schlug das Pendel zurück. Ihr Amtsbonus half nicht: Elmar Bociek (CDU) gewann die Stichwahl deutlich (55,3 Prozent). Wolf hatte es sich in dem kleinen Ort mit einflussreichen und starken Gruppierungen verscherzt, beispielsweise mit der Freiwilligen Feuerwehr Sulzbach. In der Diskussion über den Erweiterungsbau gerieten die damalige Rathauschefin und die Feuerwehr in einen Streit. Wolf hatte sogar einen Ehrungsabend der Feuerwehr „total verärgert und grußlos“ verlassen, notierte unsere Zeitung über den Dezember 2014.

Antje Köster (SPD) erging es im „roten“ Hattersheim nicht besser. Sechs Jahre war sie am Ruder (bis September 2016). Gerne hätte Hochheims einstige Wirtschaftsförderin eine zweite Amtszeit als Bürgermeisterin drangehängt. Doch das konservative Lager in Hattersheim schaffte es, die unterschwellige Unzufriedenheit über Kösters Arbeit auszunutzen. In der Stichwahl mobilisierten CDU, FDP und FWG alle Kräfte, so dass es für einen hauchdünnen Vorsprung reichte: CDU-Kandidat Klaus Schindling hatte zu guter Letzt 97 Stimmen mehr (50,5 Prozent) und beendete die jahrzehntelange Dominanz mit SPD-Bürgermeistern in Hattersheim. „Zum einen fehlte Antje Köster die Unterstützung von der eigenen Partei“, urteilte unser Redakteur Niklaus Mehrfeld in seinem Kommentar. „Zum anderen fiel das seltsame Gebaren der Grünen auf, die vor dem ersten Durchgang bei der Wahlempfehlung für Köster zunächst rumgeeiert hatten. Der mangelnde Beistand des bisherigen Koalitionspartners trug zur Niederlage der SPD-Frau bei.“

siehe auch:

„Kajos Wochenschau“ Seite 10

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