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Nutrias wurden vor rund 100 Jahren in Europa eingeführt und verbreiten sich mancherorts nun rasend schnell

Nutrias

Die Biberratten gehören zu den invasiven Arten und sind in der EU unerwünscht – in Okriftel erfreuen sie Spaziergänger trotzdem

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Wer regelmäßig im Sumpfgebiet rund um die Bonnemühle unterwegs ist, wird die Nutrias kennen. Doch ganz harmlos sind die possierlichen Biberratten nicht und sie zu füttern führt noch zu ganz anderen Problemen.

Was haben kleine pelzige Nutrias mit dem nordamerikanischen Ochsenfrosch und der chinesischen Wollhandkrabbe gemeinsam? Ganz einfach: Alle drei sind in der Europäische Union nicht willkommen. Sie stehen auf der Liste der invasiven Arten – einer Sammlung von Tieren, deren Verbreitung in freier Wildbahn unerwünscht ist, weil sie das bestehende Ökosystem bedrohen. Die Nutrias, die am Rande des Hattersheimer Stadtgebietes heimisch geworden sind, schert dies recht wenig. Trotz Einreiseverbot, kann man die Biberratten mit etwas Glück in der Nähe des Okrifteler Wäldchens antreffen. Sie leben seit mehr als zehn Jahren im Sumpfgebiet rund um die Bonnemühle. Auf der EU-Liste der schädlichen Arten stehen sie erst seit dem Jahr 2016.

In Okriftel freuen sich viele Spaziergänger über die Anwesenheit der exotischen Pelztiere. In einer Kurve des Radweges, der Richtung Sindlingen führt, kann man die Nager häufig in einem Wassergraben aus nächster Nähe erleben. Der Autor dieses Artikels hatte bei seinem Besuch in dieser Woche allerdings kein Glück. Nur Enten tummelten sich im Graben. Eine Spaziergängerin, die mit ihrem Hund unterwegs war, bestätigte jedoch, dass die Nutrias noch immer in Okriftel leben. „Die kann man auch im Winter sehen“, erzählte die Frau. Vor wenigen Wochen habe sie sogar eines der Tiere auf dem Eis beobachtet.

Von der Gegenwart der Biberratten zeugt auch ein Hinweisschild, das die Stadt aufgestellt hat: „Bitte nicht füttern“, steht dort zu lesen. Der Magistrat weist darauf hin, dass Nutrias in der Natur genug Futter für sich finden. Zusätzliche Nahrung mäste die Tiere und ziehe Ratten an.

Störung des Ökosystems

Fachmann Michael Orf von der Unteren Naturschutzbehörde des Main-Taunus-Kreises weiß weitere Gründe, warum Spaziergänger die Tiere nicht füttern sollten. Durch die Nahrung würden Nährstoffe in das stehende Gewässer gelangen, die dort nicht hingehörten. Das störe das Ökosystem des Schwarzbachs. Die Folge: Eine starke Ausbreitung von Algen. Somit wäre die Einwirkung des Menschen auf das Ökosystem sogar bedrohlicher als der Einfluss der Nutrias.

Die Tierpopulation in Okriftel stellt aus Sicht der Unteren Naturschutzbehörde jedenfalls keine Plage oder Bedrohung dar. Michael Orf ist sich allerdings der Gefahren bewusst, die Nutrias für andere Bereiche bedeuten: Weil die Tiere unterirdische Höhlen bauen, sei es möglich, dass sie Dämme im Uferbereich beschädigen. Dies verursache vor allem wirtschaftliche Schäden. Zu Schäden für das Ökosystem komme es, weil die Biberratten seltene Wasserpflanzen wie die Seerose fressen.

Doch wie sind die ursprünglich aus Südamerika stammenden Nutrias überhaupt bis nach Okriftel gekommen? Michael Orf geht davon aus, dass die Anfänge der Hattersheimer Population auf Zuchtbetriebe zurückgeht. Die Tiere wurden vor über 100 Jahren nach Europa eingeführt und in Pelzfarmen gehalten. In den Achtziger und Neunziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts habe sich die Nachfrage nach Nutria-Pelzen gelegt, erläutert Orf. Viele Tiere seien daraufhin freigelassen worden und breiteten sich entlang von Flüssen aus.

Mäßige Ausbreitung

Im Main-Taunus-Kreis gebe es eine relativ konstante Ausbreitung der Nutrias in Flussniederungen, sagt der Sprecher der Unteren Naturschutzbehörde. Michael Orf weiß von Sichtungen in Kelkheim entlang des Liederbachs. Auch in Schwalbach seien die pelzigen Nager bereits aufgetaucht. Insgesamt verlaufe die Verbreitung im Kreis aber zögerlich. „Vielleicht sind ihnen die Winter im Mittelgebirge zu kalt“, vermutet der Naturschützer. Ganz anders sehe es beispielsweise in den Niederlanden aus: Dort habe sich die Zahl der Nutrias in den vergangenen Jahren mehr als verdoppelt.

Dass sich Nutrias künftig noch besser in Deutschland zurecht finden, könnte eine Folge der globalen Erwärmung sein. Mildere Winter würden es den Tieren erleichtern, sich zu vermehren. Dies gelte für viele Tierarten, betont Michael Orf. Tiere, die ein gemäßigtes Klima bevorzugen, breiten sich aus, während Arten, die auf Kälte angewiesen sind, aussterben.

von SASCHA KRÖNER

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