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Der Vorsitzende der Geschichtsfreunde, Markus Stephan, richtet die Kerbe-Puppe. Einen großen Kerbebaum brauchen die Okrifteler nicht.

Ausstellung

Als es noch Kerbeborsche gab

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Am Wochenende wurde in Okriftel traditionell Kirchweihe gefeiert. Die Besucher wurden in vergangene Zeiten entführt.

Meist müssen Kerbebesucher einen Festplatz nicht lange suchen. Der Ort des Geschehens verrät sich schon von Weitem durch laute Musik, bunte Lichter und einen Kerbebaum, der in den Himmel ragt. Nicht so jedoch in Okriftel. Im Hattersheimer Stadtteil ist die Kerb ein Geheimtipp – versteckt im Hof der ehemaligen Gaststätte „Zum Taunus“. Wer am Samstag oder Sonntag mit dem Auto durch die Neugasse fuhr, konnte das kleine Fest glatt übersehen. Im weit geöffneten Tor der Hausnummer 22 hingen mehrere große Flaggen, welche die Sicht auf das Geschehen dahinter verbargen. Wer die Fahnen mit dem Okrifteler Wappen beiseite schob und das Grundstück betrat, erlebte eine Zeitreise.

Direkt gegenüber vom Eingang thronte eine Puppe auf einem kleinen Kerbebaum, der kaum die Höhe der Hauswand hatte. Dieses Wahrzeichen war Sinnbild für die gesamte Okrifteler Kerb – die zwar klein, aber mit Liebe von ihren Ausrichtern umgesetzt war. Der Großteil des Innenhofs bestand aus Tischen und Bänken, an denen sich Gäste Gegrilltes schmecken ließen, während ein Akkordeonspieler die Szenerie musikalisch untermalte Vom Hof führte ein Durchgang in den großen Saal des ehemaligen Okrifteler Kinos. Während der Kerb diente der frühere Vorführraum als Ausstellungsfläche für historische Bilder und Fundstücke. Aufnahmen aus der ehemaligen Phrix-Papierfabrik reihten sich an Schwarzweißaufnahmen aus der Zeit, als es in Okriftel noch Kerbeborsch gab. Eines der ältesten Fotos zeigte die aktiven Männer des Jahrgangs 1871, die in Anzügen auf einer Wiese saßen. Wie die Ausstellung belegt, ist die Kerb nicht nur geselliges Beisammensein, sondern auch die Feier des Vergangenen, das die Ausrichter mit ihrem Fest im Gedächtnis halten möchten.

Ausrichter der gemütlichen Veranstaltung sind die Geschichtsfreunde – ein Zusammenschluss historisch interessierter Okrifteler, die sich für den Erhalt von Brauchtum und Erinnerungen einsetzten. Seit Juli hat sich die Gruppe, die bisher dem Hattersheimer Geschichtsverein angegliedert war, als eigenständiger Verein organisiert. Den Vorsitz übernimmt Markus Stephan. „Ein Verein bekommt eher einen Fuß in die Tür als ein loser Zusammenschluss“, erklärt der 36-Jährige im Trachtenkostüm. Er schloss sich den Geschichtsfreunden 2003 im Rahmen der Okrifteler 900-Jahr-Feier an.

Das Ziel, bei dem die Geschichtsfreunde den „Fuß in die Tür“ bekommen wollen, ist die Einrichtung einer dauerhaften Ausstellung. Markus Stephan verrät, dass der neue Verein mit dem Investor Prinz von Preußen im Gespräch sei, der weite Teile des Phrix-Geländes erworben hat. Laut Stephan verhandeln die Ehrenamtler über die Nutzung von Räumen der ehemaligen jüdischen Schule in der Kirchgrabenstraße. Dort möchten sie Bilder und Maschinen aus der ehemaligen Phrix zeigen. Und die Geschichte des jüdischen Unternehmertums solle einen Schwerpunkt bilden, ergänzt Schriftführer Karl Heinz Spengler. Die Phrix stand lange Jahre unter der Leitung des jüdischen Eigentümers Philipp Offenheimer. Wer die Trägerschaft des geplanten Okrifteler Museums übernimmt, muss noch abgesprochen werden. Denn: Obwohl sich die Geschichtsfreunde mit ihrer Vereinsgründung vom Geschichtsverein gelöst haben, solle man diese Trennung nicht so eng sehen.

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