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Christiane Ainetter (links) im Gespräch mit unserer Mitarbeiterin Stephanie Keuzer.

Ernährungsberaterin

„Obst ist nur in Maßen gesund“

Ernährungsberaterin Christiane Ainetter beschäftigt sich mit gesunden Lebensmitteln, hält Vorträge und berät Abnehmwillige. Vielen Gerüchten und Mythen rund um die Ernährung tritt die Hofheimerin energisch entgegen, denn nicht alles, was gut klingt, muss uns auch gut tun. Mit Christiane Ainetter sprach unsere Mitarbeiterin Stephanie Keuzer.

Warum ranken sich ausgerechnet um die Ernährung so viele Mythen?

CHRISTIANE AINETTER: Verbraucher bekommen aus ganz vielen Quellen unterschiedliche und teils gegensätzliche Informationen. Da weiß man einfach nicht mehr, was gut und richtig ist. Einige Sachen werden aber auch zu wenig hinterfragt. Manche lesen irgendwo: „Chili erhöht den Grundumsatz“, und essen nun alles mit Chili. Das macht aber keinen Sinn, wenn ich es überhaupt nicht mag und davon sogar Magenschmerzen kriege.

Was wussten denn unsere Großmütter schon, was immer noch gut für uns ist?

AINETTER: Omas Weisheit, „Nach Steinobst kein Wasser trinken, sonst droht Bauchweh“, ist ja inzwischen überholt. Aber das, was sie früher gekocht hat, war optimal. Zum Beispiel Linsensuppe mit Brot oder Pellkartoffeln mit Quark enthalten viel Eiweiß, und die Mischung aus viel Gemüse und wenig Fleisch war sehr ausgewogen. Außerdem wusste sie noch genau, wo die Lebensmittel herkommen, denn vieles davon wuchs im Garten. Nicht zuletzt war das gemeinsame Essen ganz wichtig. Heute können viele gar nicht mehr kochen und kennen nur noch Pizzakartons oder Tiefkühlgerichte.

Welche Mythen halten sich am hartnäckigsten?

AINETTER: „Obst ist gesund“ – und „fünf am Tag“, denn das bezieht sich nicht auf fünf Portionen Obst, sondern nur auf zwei und dazu drei Portionen Gemüse! Wenn ich zu viel Obst esse und dazu noch Fruchtsaft trinke, nehme ich zu viel Fruchtzucker zu mir, der langfristig zu einer Fettleber führt. Jeder vierte Erwachsene leidet bereits darunter. Gerade durch den Smoothie-Trend konsumieren die Leute auf einmal viel mehr Obst, als sie normalerweise essen würden.

Haben Sie einen „Lieblings-Mythos“?

AINETTER: „Keine Kohlenhydrate nach 18 Uhr.“ Das ist das Schreckgespenst von allen. Aber es kommt auf die Art der Kohlenhydrate an, so ist zum Beispiel Vollkornbrot mit Käse abends kein Problem, Gummibärchen sind es sehr wohl, gerade wenn ich danach direkt ins Bett gehe. Denn ein – zur Zuckerverarbeitung – steigender Insulinspiegel hemmt die Fettverbrennung.

Bei welchem Thema besteht der größte Aufklärungsbedarf?

AINETTER: Beim Abnehmen. Da wird vonseiten der Industrie so viel versprochen und teuer verkauft, weil die Leute möglichst schnell und viel Gewicht reduzieren wollen. Aber gesund ist eben nur, wenn man maximal ein halbes bis ein Kilo pro Woche abnimmt, um die Leber nicht zusätzlich zu stressen. Außerdem blicken viele nicht durch die Lebensmittelkennzeichnungen und Zutatenlisten durch oder empfinden es als anstrengend, sich damit auseinanderzusetzen. Aber es lohnt sich natürlich, auf den Zuckergehalt und fettarme Light-Produkte zu achten, die mitnichten gesünder sind. Nur haben viele natürlich auch ihre Gewohnheiten, und wenn man gerne den großen Fruchtjoghurt isst, schmeckt der Naturjoghurt mit frischen Erdbeeren eben nicht so gut oder zumindest anders.

Was halten Sie von Aktionen wie dem „Goldenen Windbeutel“, mit dem irreführende Produkte „ausgezeichnet“ werden?

AINETTER: Das Problem ist, dass gesunde Ernährung keine Lobby hat. Ganz im Gegensatz zur Zuckerindustrie, die beispielsweise Glucose-Fructose-Sirup nun quasi flächendeckend in Backwaren oder Säften einsetzen darf. Ich will den Zucker nicht grundsätzlich verteufeln, denn einen gewissen Teil braucht unser Organismus auch. Aber auf viele Zusammenhänge muss man die Leute erstmal deutlich hinweisen, damit sie ihr Einkaufsverhalten überdenken. Hilfreiche Hinweise geben Web-Seiten wie zum Beispiel des Bundesverbandes der Verbraucherzentralen.

Wie könnte man die Fastenzeit nutzen, um seinem Körper etwas Gutes zu tun?

AINETTER: Ich würde auf Genussmittel verzichten, also zum Beispiel Alkohol, und mache zusätzlich eine Kur mit Artischocken- und Brennnesselsaft. Am Ende der Fastenzeit schmeckt Alkohol dann wieder viel besser, weil man ihn bewusster konsumiert. Oder man reduziert andere Dinge, damit man sie danach wieder mehr wertschätzt. Auch einzelne Mahlzeiten stärker zu zelebrieren, kann hilfreich sein.

Sind spezielle „Detox“-Produkte sinnvoll, die entschlacken sollen?

AINETTER: Schlackenstoffe gibt es ja nicht. Wichtig ist aber generell, viel zu trinken, am besten Mineralwasser oder Tee. Artischocke ist gut für die Leber, und Brennnessel regt den Stoffwechsel an. Auch gegen Apfelessig ist nichts einzuwenden, aber wer das nicht herunterkriegt, sollte sich nicht dazu zwingen. Sowieso haben viele Detox-Produkte schon wieder das Dogmatische einer Diät, aber es geht ja darum, mein Ernährungsverhalten kritisch zu reflektieren und dauerhaft zu ändern. Das kann man mit normalen Produkten genauso gut machen.

Welche Botschaft liegt Ihnen am Herzen, wie lautet der ultimative Tipp?

Auf den eigenen Bauch hören – und wieder lernen, zu genießen und beim Essen Spaß zu haben! Man muss sich wohlfühlen, mit dem, was man isst! Bei vielen Lebensmitteln kommt es in erster Linie auf die Qualität und Dosis an. Eine gute Tafel Schokolade oder Pralinen in kleinen Mengen sind völlig okay. Außerdem sollte man grundsätzlich nur das essen, was einem schmeckt, und – ganz wichtig – aufhören, wenn man satt ist. Gerade beim Thema Gewichtsreduktion muss jeder seinen eigenen Weg finden und seine Gewohnheiten kritisch reflektieren. Es gibt kein Patentrezept und daher auch keine wirklich gut funktionierende Diät.

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