Keltern

Für den Obsthof Werner ist das Pressen ein willkommener Nebenverdienst

Die Kisten stapeln sich meterhoch, Säcke sind proppevoll – alles voller Äpfel. Auf dem Obsthof Werner am Ortsrand von Sindlingen an der Straße nach Okriftel herrscht derzeit Hochbetrieb.

Eigentlich sollte die Apfelpresse nur donnerstags laufen. Doch längst wird auch an anderen Tagen gekeltert. Sonst käme Markus Werner mit den Aufträgen nicht mehr nach. „Selbst zu keltern liegt im Trend“, sagt der Mann, der zum ersten Mal 1999 – damals noch für den Verkauf im eigenen Hofladen – die kleine Speidelpresse in Gang gesetzt hatte. Die Ausbeute damals: irgendwas zwischen 3000 und 4000 Litern.

Inzwischen kommen allerdings immer häufiger Privatpersonen auf den Hof und lassen in Lohnarbeit keltern. Oft bringen junge Familien ihre selbstgepflückten Äpfel zum Obsthof nach Sindlingen. Wer seine eigenen Früchte bringt, bekommt auch den eigenen Saft von diesen Äpfeln. Und die sind meist ungespritzt und von bester Bio-Qualität. Die Gesundheit steht besonders bei Familien mit Kindern ganz oben an.

Das Aufsammeln heruntergefallener Früchte, das Schütteln der Bäume und das Auffangen der Äpfel auf mitgebrachten Planen wird häufig zum Familien-Ereignis für Kind und Kegel. Da kommen schnell ein paar Kisten oder Säcke voll mit reifen Früchten zusammen. „100 Kilo sollten es schon sein, damit aus der Presse tatsächlich nur der Saft von den eigenen Früchten läuft“, sagt Markus Werner.

Mit 100 Kilogramm haben sich Wolfgang Scheh, Markus Krämer und Jochen Dollase nicht abgegeben. Das Trio, das 2014 unter dem Namen „Schoppen-Schmiede“ bei der Krönung des Sindlinger Apfelweinkönigs ganz oben auf dem Treppchen stand, hat exakt 4460 Kilogramm Äpfel angekarrt. Stilecht mit einem Traktor, denn 4,46 Tonnen sind ja schließlich kein Pappenstiel.

Entsprechend mussten die drei von der Keltergemeinschaft Schwerstarbeit verrichten. Wolfgang Scheh kroch eine Woche lang zumeist alleine auf den Knien unter seinen 20 Apfelbäumen im Gleisdreieck zwischen den S-Bahn-Linien nach Limburg und Wiesbaden herum; Markus Krämer zog ein komplettes Wochenende mit der ganzen Familie und Freunden in die Sindlinger Wingerten zur Apfelernte. Herausgekommen sind rund 3000 Liter Süßer, den die Keltergemeinschaft in den nächsten Wochen im Krämerschen Gewölbekeller zu Sindlinger Ebbelwoi verfeinern wird.

Wolfgang Scheh ist sich sicher, dass das Stöffche von guter bis hervorragender Qualität sein wird. Die Früchte hätten dank des Rekordsommers viel Sonne abbekommen. Zwar seien sie wegen der extremen Trockenheit in diesem Jahr deutlich kleiner als normalerweise ausgefallen, dafür entschädige aber ihre „gute Süße“. Die werde den Apfelwein des Jahrgangs 2018 einen Alkoholgehalt zwischen sechs und sieben Prozent bescheren, schätzt Wolfgang Scheh.

Weil die Äpfel wegen der hohen Temperaturen früher reif waren als sonst und die Früchte oft bereits vom Baum gefallen waren, hat Markus Werner in diesem Jahr seine Presse schon Anfang September angeworfen – wie auch die Kollegen (wir berichteten). Bis Anfang Oktober, so glaubt er, wird er für rund 40 Liebhaber von Apfelwein und Apfelsaft im Lohnverfahren gekeltert haben. Die Kundschaft kommt aus Sindlingen, Weilbach, Kriftel, Zeilsheim und dem Vordertaunus. Die meisten liefern wenige Zentner an. Die „Profis“, die dann meist auch um die Krone des Sindlinger Apfelweinkönigs kämpfen, keltern allerdings im Tonnen-Bereich.

Die „Schoppen-Schmiede“

um Dollase, Krämer und Scheh kamen wie gesagt auf 4,65 Tonnen, die „Gärfreunde“ – das sind Gernot Kölbl, Gerald Carda und Martin Bertelmann, die sich im vergangenen Jahr die Königskrone aufsetzen konnten – auf gut zwei Tonnen.

Gekeltert wird auf dem Obsthof Werner je nach Nachfrage noch rund drei bis vier Wochen. Das eigene Stöffche oder der eigene Apfelsaft – den Markus Werner auf 82 Grad erwärmt und dann in Fünf-Liter-Plastik-Bags mit luftundurchlässigen Ventilen abfüllt – haben allerdings ihren Preis. Fürs Pressen berechnet Werner pro 100 Kilogramm zehn Euro, wer sich für den Fünf-Liter-Bag entscheidet, zahlt dafür noch einmal drei Euro.

Sicherlich – Apfelwein und Apfelsaft gibt es bei Discountern wie Aldi, Lidl und den anderen Händlern wohl deutlich günstiger. Aber den eigenen Saft von den eigenen ungespritzten Äpfeln, den gibt’s nur bei Markus Werner oder seinen Kelter-Kollegen in der Region. Und vielen schmeckt das besser.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare