Thomas Schnipp

Vom Pendler zum Helden der L’Eroica

Seit knapp drei Jahren fährt Thomas Schnipp jeden Tag mit dem Rad von Lorsbach nach Frankfurt zur Arbeit. Im Nachhinein die ideale Vorbereitung: Bei der sagenumwobenen Fahrradtour L’Eroica di Gaiole kämpfte sich Stipp quer durch die italienische Toskana – über holprige Pisten, immer dem Glanz der großen Radsportgeschichte hinterher.

Thomas Schnipp gehört fraglos zu den 51-Jährigen, denen man seinen Bewegungsdrang auf den ersten Blick ansieht. Groß, schlank und offenkundig durchtrainiert öffnet der Mann, der sich beruflich als Controller einer großen Deutschen Bank durch Zahlenkolonnen ackert, die Haustüre. Nicht die kleinste Schweißperle auf der Stirn, obwohl er gerade den Weg von Frankfurt nach Lorsbach mit dem Rad absolviert hat. So wie seit drei Jahren beinahe immer.

Seit 2014 kann den zweifachen Familienvater nur Glatteis oder Dauerregen davon abhalten, den Weg ins Büro und zurück mit einem strammen Tritt in die Pedale anzugehen – mancher munkelt schon von einer speziellen Form der Midlife Crises. Im Jahr kommt er gut und gerne auf 10 000 und mehr Kilometer, die er allein zwischen dem kleinen Hofheimer Ortsteil und Frankfurt pendelt. Reich wird man dabei nicht, aber immerhin: Dank der Steuer, die auch dem Radler eine Kilometer-Pauschale zugesteht, radelt Thomas Schnipp sozusagen auf Mindestlohnbasis.

Das alles würde freilich noch nicht ausreichen, Schlagzeilen zu schreiben. Da musste dann schon – O-Ton „die beste Ehefrau von allen“ – für die passende Initialzündung sorgen.

Weder Karin Schnipp noch die beiden gemeinsamen Kinder teilen zwar die Radl-Leidenschaft, trotzdem bewies Frau Schnipp einen Blick fürs Außergewöhnliche.

Während er im Juli 2017 vor dem Fernseher den Profis bei der Tour de France auf dem Weg nach L’Alpe d’Huez zuschaute, fand sie im Internet „einen Traum in Celeste aus dem Jahr 1986“. Ein Bianchi Columbus in blassblau, das dem Fahrrad-Modell, das Schnipp bis 1993 selbst fuhr, ähnelte. Allerdings war das 31 Jahre alte Vehikel mit edlen Anbauteilen aus Vicenza sehr viel werthaltiger ausgestattet.

Das Resultat: Thomas Schnipp ließ die Tour Tour sein und das Schmuckstück wechselte alsbald für 700 Euro den Besitzer. Außerdem wurde der Beschluss gefasst: Der Banker würde einer von mehr als 7000 ebenso verrückten wie begeisterten Radsportlern sein, die sich bei der sagenumwobenen l’Eroica di Gaiole quälen.

Über Schotterpisten und über unzählige Anstiege der toskanischen Landschaft, auf Rädern, die laut Schnipp „in Frankfurt selbst ohne Schloss abgestellt, nicht einmal mehr geklaut würden“.

Schnipp lachend: „Es ist das Wochenende, an dem Helden gemacht werden. Die Idee des Rennens, auf den Pfaden der frühen Radsportgeschichte in Italien mit zeitgenössischem Material und Ausrüstung unterwegs zu sein, hat mich schon drei Jahre lang begeistert.“

Zeitgenössisches Material? „Ja. Bei Rennrädern ab den 1950ern bedeutet dies: Außen verlegte Bremszüge, Schalthebel am Unterrohr und Pedale mit Haken und Riemen“, erklärt Schnipp. „Dass der Rahmen aus Stahl gefertigt ist, versteht sich von selbst.“

Klingt gut, und nachdem sich auch ein zweites Problem, die Startberechtigung, durch den Verzicht eines langjährigen Freundes und eine zu Tränen rührende Mail an den Veranstalter, wie von selbst erledigte, stand einem außergewöhnlichen Erlebnis nichts mehr im Wege.

Und außergewöhnlich ist L’Eroica auf alle Fälle. Außergewöhnlich und eben wirklich ein bisschen heroisch. „Es geht dabei eigentlich um ein ganzes Wochenende, an dem sich eine ansonsten beschauliche toskanische Kleinstadt in eine bunte Kirmes verwandelt. Der Ort platzt aus allen Nähten, es herrscht bunte Festivalstimmung.

Über 7000 Teilnehmer aus rund 50 Ländern – mehr konnten die Veranstalter im 20. Jahr des Events nicht mehr aufnehmen – schieben sich an Ständen mit allen erdenklichen Fahrradteilen, Retro-Klamotten und Schmuck aus Radmänteln vorbei durch die Gassen.

„Viele nutzen den Flohmarkt, um sich noch mit dem passenden Outfit zu versorgen, einige stehen schon wie anno 1954 oder 1978 da“, erzählt Schnipp, mit kaum hörbar höherer Stimme. Einer der ersten Höhepunkte: Die Eroica-Präsentbox, die für jeden an der Ausgabestelle bereitliegt und dann von erwachsenen Männern – meist jenseits der 50 – mit leuchtenden Augen und verklärtem Blick durch die Straßen getragen wird.

Dieser Blick ändert sich allerdings am Sonntag in aller Herrgottsfrühe. Um 6.30 Uhr geht es für alle, die die 135 Kilometer Strecke gewählt haben, los. Sonnenaufgang ist allerdings am 1. Oktober auch in der Toscana erst um 7.10 Uhr.

Es herrscht Finsternis und „eine Stimmung des müden Zweckoptimismus alter Männer, die der Teilnehmer von Marathon-Radtouristikfahrten in der Heimat kennt“, erzählt Schnipp grinsend, den Tochter Sophie-Hélène nach Italien begleitet hatte.

Was anders ist als beim Giro Hattersheim: „Neben in der Mehrzahl Italienern trifft man Teilnehmer aus fast allen europäischen Ländern. Insbesondere Engländer, Schweizer, Holländer, Belgier und Deutsche sind stark vertreten. Selbst zwei Schweden habe ich kennengelernt“, erinnert sich Schnipp. Dann ergänzt er: „Ungewohnt ist auch die Anzahl der Zuschauer beim Start: Viele Freunde und Angehörige von Fahrern verfolgen bereits das Treiben im Morgengrauen.“

Was danach folgt? Knapp sieben Stunden auf zum Teil tiefem Geläuf, die es auch für den trainierten Radsportler in sich haben. Und das obwohl Schnipp auf die ursprünglich montierten original 19 mm Schläppchen aus den 80ern verzichte und – quasi als ästhetisch maximal hinnehmbarer Kompromiss – robuste 25 mm Bereifung aufgezogen hatte.

Am Ende schafft der Lorsbach die Strecke mit ein paar geschobenen Anstiegen und „nur“ einem Plattfuß. Dafür aber wunderbaren Verpflegungsstationen „mit hübsch anzusehenden und sehr freundlichen Signoras in ihren historischen Kostümen“ und vor allem tollen Begegnungen.

Das Fazit: „Es ist ein grandioses Gefühl eine solche Tour – vor allem sturz- und fast defektfrei – bestanden zu haben“, sagt Thomas Schnipp. „Da stört auch der Regen im Ziel nicht mehr und die Endorphine leisten ganze Arbeit.“

Übrigens: Im nächsten Jahr ist im Rheingau die erste offizielle Eroica Germania geplant. Könnte sein, dass man ein Lorsbacher Radler dort trifft.

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