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Solche Bilder beruhigten die Angehörigen daheim: Entspannt wirkende Soldaten erholen sich hinter der Front. Das Foto erreichte die Verwandten in Kriftel im Kriegsjahr 1915.

Geschichte

Serie über den Ersten Weltkrieg: Die Rückkehr der Soldaten

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Vor 100 Jahren endete der Erste Weltkrieg. In einer dreiteiligen Serie blickt das Kreisblatt auf die damaligen Ereignisse zwischen Main und Taunus zurück. Heute geht es um den Waffenstillstand. Der zweite Teil befasst sich mit den politischen Umwälzungen, der dritte mit der französischen Besatzung.

Am 9. November 1918 rief Philipp Scheidemann in Berlin die deutsche Republik aus, am 11. November unterzeichneten Delegationen der kriegführenden Staaten in Compiegne ein Waffenstillstandsabkommen, das am Nachmittag in Kraft trat. Das waren Ereignisse von allergrößter historischer Tragweite. Sie sollten sich auch bald schon auf die konkreten Lebensverhältnisse der Menschen auswirken.

Am wichtigsten Alltagsproblem der Menschen aber änderte sich zunächst nichts, dem Hunger nämlich. Sämtliche Lebensmittel waren im Krieg streng rationiert und wurden immer teurer. Gut dran war, wer einen fürsorglichen Arbeitgeber hatte. Anfang November 2018 wurde aus der Okrifteler Zellulose-Fabrik berichtet, sie habe ihren Arbeitern zum Kauf von Winterkartoffeln und Brennmaterial je 100 Mark zugewiesen. Üppig war dies nicht – aus der Fischbacher Schulchronik geht hervor, dass für einen Zentner Kartoffeln bis zu 70 Mark bezahlt werden mussten.

Das änderte sich auch nach Kriegsende zunächst nicht, obwohl allerlei Anstrengungen unternommen wurden. In Flörsheim beispielsweise wurde am 14. November eine Lebensmittel-Kommission eingerichtet, die für eine gerechtere Verteilung sorgen sollte. Auf der anderen Seite aber stieg der Bedarf durch die zurückkehrenden deutschen Soldaten deutlich an. Die nämlich kamen bereits ein paar Tage nach dem Waffenstillstand von der Front nach Hause.

Über die Umstände wird unterschiedliches berichtet. Die Flörsheimer Schulchronik spricht davon, dass die Häuser mit Flaggen geschmückt wurden. „In den Straßen herrscht ein fröhliches Leben“, heißt es da. Die Lorsbacher Schulchronik liest sich anders: „Manche schlichen sich still und unbemerkt in ihr Elternhaus, andere kehrten wie Diebe mitten in der Nacht heim.“ In allen Orten mussten immer wieder durchreisende Soldaten untergebracht und verpflegt werden.

Zweifellos waren die Angehörigen froh, ihre Söhne und Ehemänner wieder zu Hause zu haben. Denn der Krieg hatte beträchtliche Opfer gefordert. Aus Hofheim kamen 123 Soldaten nicht zurück, aus Bad Soden 62, aus Eppstein 38, aus Eschborn 47. In den kleineren Orten fiel das zahlenmäßig fast noch mehr ins Gewicht: Aus Lorsbach kamen 28 Soldaten um, aus Eddersheim 34, aus Altenhain 45. Da war fast jede Familie betroffen.

Von dem, was sich an der Front abgespielt hatte, erfuhren viele erst jetzt durch Erzählungen der Rückkehrer. Kampfhandlungen hat es auf deutschem Boden nicht gegeben. Die Bombe, die am 21. Oktober 1918 in der Nähe des Hornauer Bahnhofes folgenlos auf einem Acker explodierte, sollte die große Ausnahme bleiben.

Kriegstote zu Hause gab es aber noch am 8. Dezember, und zwar in Eschborn. Soldaten einer deutschen Artilleriekolonne auf dem Rückzug warfen scharfe Granaten in Gärten und Felder, Kinder und Jugendliche aus dem Ort dachten sich nichts dabei, die Geschosse einzusammeln. Als eines davon explodierte, riss es drei Kinder zwischen sechs und elf Jahren in den Tod, ein weiterer Junge starb am nächsten Tag im Krankenhaus.

Auch aus den Zeitungen hatten die Bürger über den tatsächlichen Verlauf der Kampfhandlungen nur wenig erfahren können. Der tägliche Lagebericht des militärischen Oberkommandos reihte bis in den November hinein die Namen der Orte aneinander, an denen sich die feindlichen Truppen befanden – man musste schon eine Landkarte zur Hand nehmen, um herauszufinden, wer gerade Geländegewinne gemacht hatte. Und so wurde das Kriegsende auch nicht als militärische Niederlage wahrgenommen. „Als dann Ende Oktober an mehreren Stellen Deutschlands die Revolution ausbrach, da war der Krieg verloren“, schrieb Eddersheims späterer Pfarrer Karl-Wilhelm Bruno. Ob man in die Schulchroniken von Lorsbach schaut oder von Fischbach, es wird das Bild vermittelt, dass die inneren Unruhen und die Untreue der Verbündeten die Niederlage besiegelt hätten.

Aus Fischbach übrigens wurde berichtet, dass einige junge Frauen bei der Abreise der französischen Kriegsgefangenen diese bis zum Frankfurter Hauptbahnhof begleiteten und „auf das Zärtlichste Abschied von ihnen nahmen. Es kam hierbei zu Szenen, die ans Skandalöse grenzten.“ Was die Fischbacherinnen da noch nicht ahnen konnten, ist, dass bald darauf andere Franzosen kommen sollten. Aber davon soll später die Rede sein . . .

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