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Leandro (18, l.) Ahmed (21), Merve (18, r.) und ihre Mitschüler haben bei Hanke Sühl und Dirk Hülstrunk Worte ?abgegeben?.

Schüler denken über Sprache nach

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Der Frankfurter Wortkünstler Dirk Hülstrunk hat das „Büro für überflüssige Worte“ im Bikuz eröffnet. Hier kann man ungeliebte Begriffe entwerten lassen. Schön deutsch natürlich: Mit einem Hauch Verwaltungs-Flair und viel Raum zum Nachdenken.

Merve ist 18 Jahre alt und kann eines nicht mehr hören – „mäßig“. Das Wort fällt aus ihrer Sicht viel zu häufig. Allerdings hört sie es nicht von Lehrern, die etwa ihre eigenen Leistungen oder die ihrer Mitschüler bewerten. Nein. Das Wort werde in ihrer Altersgruppe häufig benutzt, erzählt sie. Ein Beispiel hat Ahmed, ihr Mitschüler am Friedrich-Dessauer-Gymnasium, parat: „Habt ihr heute noch was vor?“ Antwort: „Ja, mäßig.“ „Das passt nicht“, findet Merve. „Wir finden ja nicht mal eine richtige Bedeutung dafür.“

Nervige Füllwörter, Reizwörter, die hinlänglich plump Aufmerksamkeit erregen oder auch einfach beleidigen – im „Büro für überflüssige Worte“ kann man diese Frust-Vokabeln loswerden. „Es können sperrige Begriffe sein oder Wörter, die man einfach nicht mehr hören kann“, erklärt „Büroleiter“ Dirk Hülstrunk. Der Frankfurter Wortkünstler und Autor ist vielen von dem „Poetry Slams“ an der Fachhochschule bekannt und Dozent an verschiedenen Hochschulen.

In seinem aktuellen Projekt sammelt der Sound-Poet im Höchster Bikuz all die ungeliebten Sprach-Erscheinungen, notiert sie auf Karteikarten und „entwertet“ sie mit einem Strich durch die Mitte. Damit die Besucher nicht nur erleichtert weggehen, sondern auch etwas mitnehmen können, erhalten sie im Tausch ein „frisches“ und positives Wort, das ebenfalls auf einer Karteikarte notiert ist. Verstehen dürften die Vokabeln allerdings nur wenige. Denn Hülstrunk hat sich hierfür aus einer Kunstsprache bedient.

Bei den Schülern des Friedrich-Dessauer-Gymnasiums kommt das bislang gut an: „Das ist witzig und was Neues“, findet etwa Ahmed. Der 21-Jährige hat das Wort „Herzchen“ von Hülstrunk entwerten lassen. Warum? „Weil mein Tutor das immer sagt“, erklärt der Höchster. Kapiere man etwa eine Mathe-Aufgabe nicht, sage der Tutor: „Nicht aufregen. Alles gut, Herzchen. Brauchst du ein Taschentuch?“ Beim Erzählen kann sich Ahmed das Schmunzeln allerdings selbst nicht verkneifen. Auch wenn er „Herzchen“ nicht mehr hören könne, betont er, sei dies kein Angriff gegen seinen Tutor. „Ich mag ihn echt.“

„Ich bin ein bisschen überrascht, dass es relativ harmlose Worte sind“, sagt Hülstrunk nach der Eröffnung der Veranstaltung. Bislang sind nur Worte wie „Promi“, „Obsoleszenz“, „kokettieren“ und „tatsächlich“ an der Wand zu lesen. Aus seiner Sicht lässt sich aber schon erkennen, wie individuell das Sprachempfinden sei. Hülstrunk ist gespannt, was bei der Sammelaktion rauskommt. An der Aktion teilnehmen können alle: Das „Büro für überflüssige Worte“ ist im Zuge der bundesweiten Aktionswoche „Kultur öffnet Welten“ im Bikuz zu Gast. Sie wurde initiiert von der gleichnamigen Initiative, die sich dem Zweck verschrieben hat, Kultur-Institutionen und ihre Bedeutung ins Bewusstsein der Öffentlichkeit zu rücken. Zum Frankfurter Organisatorenteam des Büros gehören Roswitha Kapp und Hanke Sühl von der Stadtbücherei und Irene Säckl, die Leiterin der Schulbibliothek im Bikuz. Dabei geht es allerdings nicht um das Erstellen von irgendwelchen Maßstäben oder Reglementarien: „Wir wollen dazu anregen, sich über die Sprache und deren Gebrauch Gedanken zu machen“, erklärt Roswitha Kapp.

Wer Lust hat, sich anzuschauen, welche Worte seine Mitbürger verärgern, kann dies zu den Öffnungszeiten des „Büros für überflüssige Worte“ tun: heute ist es von 13 bis 18 Uhr, am Montag, 30. Mai von 11 bis 16 Uhr und am Dienstag, 31. Mai, von 13 bis 16 Uhr geöffnet. Am Dienstag, 31. Mai, findet zum Abschluss ein Wort-Recycling mit Hülstrunk und dem Aktionskünstler „Brandstifter“ statt. Die Besucher können sich auf eine interaktive Sprach-Performance freuen. Los geht’s um 16.30 Uhr.

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