Inklusion

Schulpflicht kann für Autisten aufgehoben werden

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Der Fall „Vito“ in Schwalbach ist kein Einzelfall. Manchmal gibt es aber auch Gründe, warum Kinder mit einer Autismus-Störung nicht am Unterricht teilnehmen sollten. Zumindest vorübergehend nicht.

Etwa eine Million Menschen in Deutschland sollen an einer Autismus-Spektrum-Störung (ASS) leiden. Damit wäre mehr als jeder hundertste Deutsche betroffen. Eine autistische Veranlagung bringen Menschen mit auf die Welt. Klar, dass es also auch in den Schulen Kinder mit dieser komplexen und vielgestaltigen neurologischen Entwicklungsstörung gibt. Wie berichtet, hat sich im Main-Taunus-Kreis jetzt eine Selbsthilfegruppe gegründet, die unter anderem Eltern mit von ASS betroffenen Kindern die Möglichkeit zum Austausch und gegenseitigem Beistand geben möchte.

Mitbegründerin Irina Scherbak hatte von einem Fall in Schwalbach berichtet, wo ein Grundschulkind zeitweilig von der Schulpflicht befreit worden und dann einer Förderschule zugewiesen worden war. In derselben Grundschule war ein Viertklässler mit ASS, den wir zu seinem Schutz „Vito“ genannt hatten, ebenfalls „ausgeschult“ worden, er durfte über das letzte Grundschulhalbjahr nicht mehr am Unterricht in seiner Klasse teilnehmen. Für die betroffenen Eltern keine Lösung; auch die Vertreterin der Selbsthilfegruppe ist überzeugt, dass es in Zeiten von Inklusion andere Wege geben muss.

Schulamtsleiterin Birgitta Hedde sieht das nach eigener Aussage grundsätzlich auch so. Im konkreten Einzelfall, der eben immer individuell zu beurteilen sei, gäbe es dennoch manchmal Gründe für eine (vorübergehende) Ausschulung, so Hedde auf Anfrage dieser Zeitung. Hedde räumt ein, dass es in diesem Bereich sehr viele Schwierigkeiten gibt, die mit der Komplexität von ASS, den langen Wartezeiten auf Termine in den spezialisierten Autismus-Zentren, aber auch mit dem Problem zu tun haben, Schulbegleiter und Förderschullehrer zu finden, die sich mit den speziellen Problemen von Autisten gut auskennen. Wenn dann auch noch

Sprachbarriere

n hinzukämen, (wie im neuen Schwalbacher Fall), sei es manchmal gut, das Kind für einige Wochen in eine Förderschule zu geben, einfach weil man hier eine andere Expertise habe. Das könne die Beurteilung erleichtern, welche Schule am Ende für das Kind infrage komme. Eine „insgesamt sehr hohe Anforderung“, sieht Hedde.

Richtig sei, dass Schüler mit ASS „keine Fälle sonderpädagogischen Förderbedarfs“ seien. Schulen mit einem solchen Schwerpunkt gebe es ja auch gar nicht. Möglich sei vielleicht, eine „gewisse Sensibilisierung“ zu schaffen für den Umgang mit autistischen Kindern. Dass „nicht jeder Fall ist wie der andere“, sei dabei nur eine von vielen Schwierigkeiten. Eine weitere für Hedde: dass betroffene Eltern mit den Problemen des Kindes teilweise selbst nicht zurechtkämen.

Wie viele Kinder mit ASS derzeit in den Schulen des Main-Taunus-Kreises lernen, kann die Schulamtsleiterin nicht sagen. Pro Jahrgang sei es aber sicher mehr als eines. Ausschulungen gebe es im Schulamtsbezirk (Kreise MTK und Groß Gerau) pro Jahr „weniger als eine Handvoll“ und zumeist aus anderen Gründen.

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