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Katja Lindenau will die Kastanien erhalten. 

Unterer Marktplatz

Klimawandel: Sollten Bäume in Schwalbach erhalten oder gefällt werden? 

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In Schwalbach drohen Bäume wegen des Klimas zu sterben. Sachverständige raten, sie zu ersetzen. Katja Lindenau (Grüne) will sie erhalten.

Schwalbach - Die Kastanien am unteren Marktplatz sind zum Zankapfel in der Politik und in Teilen der Bürgerschaft geworden. Sollen sie im Zuge der Umgestaltung des Geländes gefällt werden, oder sollen sie erhalten bleiben? Der untere Marktplatz ist die Fläche zwischen dem "bunten Riesen" und dem Bürgerhaus, wo sich gegenüber dem Eingang ein Brunnen befindet. Vor allem geht es um die fünf Scharlach-Rosskastanien zwischen der Bierstube und dem Spielplatz. Die Entwurfsplanung für die Marktplatz-Umgestaltung sieht vor, die Kastanien zu fällen. Obwohl die Planung vom Stadtparlament schon im Mai 2019 beschlossen wurde, will Bürgermeisterin Christiane Augsburger (SPD) auch die letzten Zweifler noch überzeugen.

Insbesondere die oppositionellen Grünen und ihre Bürgermeisterkandidatin Katja Lindenau mobilisieren Bürger für den Erhalt der Kastanien ( siehe unten). Sie sammelten Unterschriften. Augsburger hat "zur Versachlichung der Diskussion", wie sie sagt, ein externes Gutachten anfertigen lassen. Im Auftrag der Stadt, die rund 3500 Euro investiert, untersuchte das Sachverständigenbüro Matthias Zorn die Bäume - den Zustand, die Standsicherheit und Lebenserwartung der rund 45 Jahre alten Kastanien.

Bei einer Ortsbesichtigung am Mittwoch wurde auch die Grünplanung für die Marktplatz-Umgestaltung dargestellt. Es ist vorgesehen, 22 neue Bäume zu setzen, die auch dem Klimawandel standhalten sollen. "Denn es werden nicht nur Bäume gefällt", sagt Augsburger und fügt an: "Viel mehr Bäume als bisher sollen nachhaltig angepflanzt werden. Das geht in der Diskussion oft unter." 

Johannes Wolf von "via verde", der die Grünplanung für den "neuen" Marktplatz macht, sagt es eindringlich: "Die Städte, die mit der Gießkanne totgeweihte Bäume über ein paar Jahre hinwegretten, verpassen die Zukunft. Jetzt ist es höchste Zeit, Grün zu pflanzen, das für den Klimawandel gewappnet ist." Wolf weiter: "Das ist keine Schwalbacher Diskussion. Das wird überall in Deutschland bewusst. In wenigen Jahrzehnten sollen nach Vorhersagen in Hessen oberitalienische Temperaturen herrschen."

Schwalbach: Amberbäume könnten gepflanzt werden

Palmen und Olivenbäume schlägt Wolf noch nicht vor, aber es gibt eine Liste geeigneter Baumarten. "Anstelle der Kastanien sollen dort acht Amberbäume in der künftigen zentralen Grün- und Spielfläche gepflanzt werden", sagen Johannes Wolf und Folkert Rüttinger von der ROB-Planergruppe. Diese Fläche werde - kombiniert mit der dortigen Gastronomie und einem entsprechenden Umbau der Höhenebenen - ausgeweitet und aufgewertet. ROB achtet darauf, barrierefrei umzugestalten. 

Die Planergruppe berücksichtigt auch Sicherheitsaspekte und ästhetische Faktoren, um Aufenthalte auf dem Platz künftig angenehmer zu machen. Wolf betont: "Die Amberbäume werden bei der Pflanzung schon eine Höhe von acht Metern haben - es geht nicht um kleine Setzlinge, die man erst in vielen Jahren sieht. Später werden sie mindestens doppelt so hoch." Außerdem sollen sich folgende Baumarten wiederfinden: Hopfenbuche, Zerreiche, japanischer Schnurbaum, Blasenesche und als Hingucker ein Seidenbaum.

"Etliche Bäume blühen nicht nur schön, sondern sie sind Bienen- und Insektenweiden", sagt Wolf. "In den ersten Jahren werden sie gepflegt wie Kinder, später kommen sie alleine durch, sonst sind sie nicht gesund", erläutert Wolf. Neue Erkenntnisse und moderne Technik ermöglichen es, die Bäume wassersparend aufzupäppeln. All das könne aber nicht entstehen, wenn die Kastanien erhalten bleiben, sagen die Experten übereinstimmend. "Die Planung ist damit kaputt und kann in ihren vielen wichtigen Aspekten nicht umgesetzt werden", hebt Folkert Rüttinger hervor. 

"Weder kann die Gastronomie-Terrasse noch der Grünplan realisiert werden." Die Bürgermeisterin ärgert sich besonders, weil vor dem Beschluss der Stadtverordneten eine Projektgruppe unter Mitwirkung der Grünen die Planung vorbereitet und für gut befunden habe. "Erst danach haben die Grünen populistisch die Kastanien entdeckt", kritisiert Christiane Augsburger.

Klimawandel: Kastanien sind am Absterben

Das für Schwalbach erstellte Kastanie-Gutachten des Sachverständigen Zorn, der jährlich mindestens 150 000 Bäume kontrolliert, besagt, dass die Kastanien leiden und am Absterben seien. Das hatte der Umweltschutzbeauftragte der Stadt, Burghard Haueisen, schon vor dem politischen Beschluss kostenlos festgestellt. 

Allerhöchstens 15 bis 20 Jahre geben die externen beauftragten Experten den Kastanien noch. "Heute ist ein Wurzelraum von 12 bis 16 Kubikmetern vorgeschrieben, darauf hat man bei der Kastanienpflanzung damals nicht geachtet. Diese Bäume haben einen Bruchteil davon. Sie haben keinen Lebensraum und sind unterentwickelt", sagt Matthias Zorn.

Zorn-Mitarbeiterin Claudia Hodel, eine öffentlich bestellte und vereidigte Sachverständige des Regierungspräsidiums Kassel, erläutert detailliert, warum die Kastanien massiv beeinträchtigt und teilweise auf Dauer nicht mal standsicher sind. Dabei wurde jeder Baum einzeln betrachtet. Hodel schildert: "Die Kastanien stützen sich schon auf die vorhandene Mauer als Widerlager, was schon nachgibt und aufwendig saniert werden müsste."

Katja Kindenau (Grüne): Kastanien können noch weiterleben

Die Schwalbacher Bürgermeisterkandidatin der Grünen, Katja Lindenau, wirft sich schützend vor die Kastanien am unteren Marktplatz. Auch sie will jedoch den Streit um die Handvoll Bäume wohl nicht nur politisch bewerten, weil die Planung zur unteren Marktplatz-Umgestaltung komplex ist. Lindenau hat als Experten den "Baumpflegeexperten" der Stadt Kelkheim, Philipp Funck, nach Schwalbach beordert.

Sie zitiert Funck damit, dass die Kastanien am unteren Marktplatz erhaltenswert seien. Sie seien laut Funck normal entwickelt und könnten noch über 60 Jahre weiterleben. Da bahnt sich vielleicht ein Expertenstreit an, weil die renommierten und von der Stadt Schwalbach beauftragten externen Fachleute genau das für Unsinn halten.

"Die Bäume sind vital und ein Stück Zeitgeschichte", ist Katja Lindenau überzeugt. Schwalbach hat ein Baumkataster. Lindenau strebt eine Baumschutzsatzung an. Am heutigen Freitag, 9. August, lädt sie ab 17.30 Uhr zur wöchentlichen Gießaktion der Kastanien am unteren Marktplatz ein. Für Freitag, 23. August, 17.30 Uhr, kündigt die Bürgermeisterkandidatin eine Infoveranstaltung an. Es gehe um "einen nachhaltigeren Umbau des unteren Marktplatzes". Eine Einladung folge. ku

Die Abbildung zeigt den unteren Marktplatz in Schwalbach mit dem Brunnen (runde, dunkelgraue Fläche). Sie zeigt, wo die Planer neue Bäume pflanzen wollen und um welche Arten es sich handelt. Dort, wo heute die Kastanien stehen, sollen Amberbäume hinkommen.

Von Kristiane Huber

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