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Brüder Steier machen nach 58 Jahren Schluss

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Von: Sascha Kröner

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An der „Feinschmecker-Tankstelle“ gibt es nur noch Restbestände. Wilfried und Alfons Steier (von links) ziehen sich nach fast 60 Jahren aus dem Geschäft zurück.
An der „Feinschmecker-Tankstelle“ gibt es nur noch Restbestände. Wilfried und Alfons Steier (von links) ziehen sich nach fast 60 Jahren aus dem Geschäft zurück. © Sascha Kröner

Die „Feinschmecker-Tankstelle“ ist nur noch bis Ende des Jahres geöffnet. Die Kunden bedauern das Ende.

Schwalbach -Über zwei von vier Zapfhähnen prangt ein weißer Aufkleber: „Leer“, steht dort anstelle der üblichen Markierung „Super Plus“. Auch „Super E 10“ ist an der Tanksäule der Gebrüder Steier nicht mehr zu kriegen. Die wenigen verbliebenen Spritsorten verkaufen die Tankstellen-Betreiber mittlerweile zum Festpreis. Die Kraftstoffvorräte neigen sich nämlich dem Ende zu und sollen auch nicht mehr aufgefüllt werden. Zum Jahresende schließen Alfons und Wilfried Steier ihren Familienbetrieb nach 58 Jahren im Geschäft.

An der Nachfrage mangelt es nicht. Während die Steiers vor ihrem Tankstellenladen stehen, vergehen keine zwei Minuten, bis der nächste Stammkunde stehen bleibt und das Duo mit freundlichen Grüßen überschüttet. „Unsere Kunden sind wie eine kleine Familie“, erklärt der 81 Jahre alte Alfons Steier, dem seit Bekanntgabe der Schließung viele Schwalbacher ihr Bedauern ausgedrückt habe. Ändern können die Brüder ihre Entscheidung trotzdem nicht. Die Zeit lasse sich nicht zurückdrehen, betonen sie.

Der Zeitraum, der sich nicht ungeschehen machen lässt, begann im Jahr 1964, als die Steiers die Tankstelle als Pächter des Shell-Konzerns eröffneten. Die eigene Spedition sei Auslöser für den Betrieb ihrer Tankstelle gewesen, erzählt Alfons Steier. Schon nach wenigen Jahren erlebten die Schwalbacher mit der Ölpreiskrise der 1970er Jahre einen schwierigen Einschnitt. „Die Kunden haben sich damals ums Benzin geschlagen“, erinnern sich die Brüder. Die Abgabe sei zeitweise auf zehn Liter begrenzt gewesen.

Vor 24 Jahren kam dann die größte Veränderung auf den kleinen Tankstellenbetrieb zu: Unter anderem wegen Vorschriften zur Gasrückführung aus dem Fahrzeugtank mussten die Zapfsäulen umgebaut werden. Shell sei vor diesem Hintergrund nicht bereit gewesen, die Tankstelle weiterzuführen, erklärt Alfons Steier. Die Brüder gaben jedoch nicht auf und führten ihren Betrieb seither als freie Tankstelle weiter.

Jetzt haben anstehende Investitionen das Familienunternehmen erneut eingeholt. Die defekte Anzeige auf dem Mast neben der Tankstelleneinfahrt zeigt seit Monaten nicht mehr den richtigen Preis. Die Tanksäulen seien ebenfalls reparaturbedürftig, weil die Pumpen ins Stottern geraten, berichten die Brüder. „Wir müssten das erneuern“, sagt Alfons Steier. Dafür wären jedoch bis zu 300 000 Euro fällig. Mit diesen Kosten und der Aussicht, dass der Kraftstoffverkauf in den kommenden Jahren zugunsten von alternativen Energien nachlässt, finde sich auch kein Nachfolger. Schweren Herzens haben die Steiers daher beschlossen, ihre Tanks spätestens bis zum Jahresende zu leeren, damit die Zapfanlagen zurückgebaut werden können.

Zu Steiers Tankstelle gehörte immer auch ein Service-Angebot für die Kundschaft. Wilfried Steier übernimmt den Job des Tankwarts bis heute. „Wenn eine ältere Dame kommt, und nach Hilfe fragt, wird sie bedient“, erklärt sein Bruder Alfons. Der Service werde mittlerweile aber immer weniger gewünscht. Die freie Tankstelle hob sich in den vergangenen Jahren aber auch durch ihr kulinarisches Angebot von der Konkurrenz ab.

Durch Umbrüche gezeichnet

Vor 15 Jahren kamen die Steiers durch den Kontakt zu einem Jäger auf die Idee, Wildfleisch in ihrem Laden anzubieten. Seither hat jeder Kunde beim Bezahlen der Tankrechnung auch die Möglichkeit, Rehrücken oder Wildschweinbraten mit nach Hause zu nehmen. Der Betrieb trägt die ungewöhnliche Bezeichnung „Feinschmecker-Tankstelle“.

Auch die letzten Jahre des Geschäfts waren durch Umbrüche gezeichnet. Während der aktuellen Energiekrise seien die Umsätze an den Zapfsäulen etwas zurückgegangen, berichten die Steiers. Kunden tanken zurückhaltender. Dafür sei die Nachfrage nach Zigaretten und Lebensmitteln im Laden gestiegen. Auch Corona stellte die Brüder vor Herausforderungen. Mit 76 und 81 Jahren gehören Wilfried und Alfons Steier zur Risikogruppe. Deshalb stellten sie nach Beginn der Pandemie Personal ein. „Wir haben zwei Jahre gerungen und gerechnet“, erklärt Alfons Steier. Zuletzt stand der neue Geschäftsführer Steven Walter hinter der Theke. Walter will den Standort auch künftig übernehmen. Aus der Tankstelle soll dann ein Laden mit warmen Speisen und regionalen Produkten werden. Nach einer Umbauphase ist die Eröffnung für Anfang Februar vorgesehen. Dann soll auch der Verkauf von Wild fortgesetzt werden und weiter an die „Feinschmecker-Tankstelle“ der Steiers erinnern.

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