Die Partnerstädte von Schwalbach

Das Netzwerk Europas

Vereinsarbeit, die Rolle des Internets und Populismus bei Städtepartnerschaften

In Schwalbach steht das Jahr 2019 ganz im Zeichen der Städtepartnerschaft mit der französischen Gemeinde Avrillé. Um sich darauf einzustimmen, hat die Stadt die Historikerin Tanja Herrmann eingeladen, die beim Neujahrsempfang am Sonntag, 13. Januar, einen Vortrag zum Thema Städtepartnerschaften halten wird. Kreisblatt-Redakteurin Katrin Walter hat vorab mit der Referentin darüber gesprochen, welchen Stellenwert der europäische Gedanke hat, was man unter anderem gegen zunehmenden Populismus tun und wie man den Nachwuchs für die Sache gewinne könnte.

Wo waren Sie zuletzt im Ausland und warum?

TANJA HERRMANN: Am 17., 18. Dezember war ich in Brüssel bei einer Konferenz.

Also beruflich unterwegs. Wo leben Sie denn?

HERRMANN: In Mainz.

Gibt es da auch eine Städtepartnerschaft und sind Sie da aktiv?

HERRMANN: Es gibt dort eine Partnerschaft mit Dijon, das war eine relativ frühe Gründung 1958. Über meine Arbeit an der Universität bin ich da involviert. Ich habe die deutsch-französischen Studiengänge im Zuge der Bologna-Reform umgestellt, teils gibt es den Abschluss auch trinational.

Sind Sie auch privat bei der Städtepartnerschaft in Mainz engagiert?

HERRMANN: Nein, privat eher weniger, weil ich in einem anderen Verein aktiv bin, dem Deutsch-Französischen Jugendausschuss (DFJA). Da geht es um Städtepartnerschaften allgemein.

Brauchen gerade die jüngeren Leute heute überhaupt noch Städtepartnerschaften?

HERRMANN: Meiner Meinung nach auf jeden Fall. Städtepartnerschaften sind Instrumente, die nach dem Zweiten Weltkrieg ins Leben gerufen wurden, um für die Aussöhnung zu arbeiten, und das lange vor dem Elysée-Vertrag, dem deutsch-französischen Freundschaftsvertrag von 1963. Heute hat die Aussöhnung eine andere Rolle. Ich denke dennoch, dass es sich um die einzige Begegnungsplattform handelt, die sich an alle Menschen wendet. Ich schicke hier in der Abteilung Internationales, zum Beispiel im Rahmen des EU-Stipendienprogramms Erasmus, Studierende ins Ausland. Aber bei Städtepartnerschaften kann jeder mitmachen, ob Briefmarkensammler, Klempner oder Fußballer. Und nach wie vor stellt die Chance, bei einer französischen Familie zu übernachten, eine Premiere für die meisten Menschen dar. Zwei Sachen sind da wichtig: Das Privileg, ins Ausland zu gehen, das haben nicht alle. Und das zweite ist, dass es etwas anderes ist, ob man sich etwas als Tourist ansieht oder ob man bei einer Familie wohnt.

Heute sind vor allem junge Leute international vernetzt. Ist das Internet bei Städtepartnerschaften hilfreich?

HERRMANN: Das Internet hat wie bei allem Vor- und Nachteile. Digitale Formate sollten besser eingesetzt werden, um andere, neue Begegnungsformen herbeizuführen. Vorteilhaft ist auch, dass man Kontakte über jährliche Treffen hinaus halten kann. Durch die internationale Vernetzung über das Internet fehlt hingegen vielleicht öfters die Initialzündung, an einem Austausch teilzunehmen. Das Internet bietet so viele Möglichkeiten, dass man die Vorteile eines physischen Austauschs eventuell weniger sieht.

Nur vor Ort kann man zwischenmenschliche und sinnliche Erfahrungen machen, zum Beispiel die Landschaft und das Essen genießen.

HERRMANN: Ja, das ist eine tiefergehende Begegnung, als Tourismus bieten kann. Man nimmt am Leben teil. In Schwalbach und Avrillé kann man etwas zusammen erleben, auch die französische Küche spielt da sicher eine Rolle. Ich habe während meiner Recherchen bei Familien gewohnt und meine persönliche Erfahrung ist, dass man so mehr die Kultur kennenlernt. Besonders spannend war es für mich, den Menschen zuzuhören, die den Zweiten Weltkrieg noch miterlebt haben, und deren Erfahrungen später ihr Engagement in den Städtepartnerschaften bedingten.

Auch bei Städtepartnerschaftsvereinen werden die Beteiligten immer älter. Gibt es Methoden, die schon greifen, um den Nachwuchs einzubinden?

HERRMANN: Hierbei handelt es sich nicht um ein Phänomen, das allein Partnerschaftsvereine betrifft. Jugendliche spricht das Vereinsleben häufig nicht mehr an. Das ist allerdings auch beim Sportverein, beim Musikzug oder bei den Anglern so. Um zum Beispiel gemeinsam draußen Sport zu machen, braucht man keinen Verein mehr.

Muss man jungen Leuten etwas anderes anbieten?

HERRMANN: Viele Jugendliche ziehen weg aus ländlichen Regionen. Gerade in Rheinland-Pfalz gibt es Dörfer, in denen kaum noch junge Menschen wohnen. Ich finde, dass man von der Erwartung wegkommen muss, dass sie sich in dieser traditionellen Form engagieren. Man muss ihnen projektbezogene, digitale Angebote machen, so wie wir das beim Deutsch-Französischen Jugendausschuss versuchen. Wir organisieren einmal im Jahr ein Intergenerationelles Forum: Jugendliche und ältere Hasen mit Vereinserfahrung treffen sich und entwickeln gemeinsam Ideen. Was fehlt, ist eine Online-Plattform, wo man sich informieren und Projektideen finden kann, so dass sich der organisatorische Aufwand für Ehrenamtliche verringert.

Und was könnte da helfen?

HERRMANN: Wir entwickeln hierzu gerade eine Broschüre, die nächstes Jahr veröffentlicht werden soll. Heutzutage werden Städtepartnerschaften häufig belächelt. Aber eine Studie der Bertelsmann-Stiftung und des Deutsch-Französischen Instituts von 2018 belegt, dass Städtepartnerschaften gut funktionieren. Natürlich gibt es Städtepartnerschaften, die eingeschlafen sind, aber es ist nach wie vor ein großes Netzwerk. Es gibt in meinen Augen kein anderes Format, das zwischen Deutschland und Frankreich einen so vielfältigen Austausch bietet. Manche gibt es zwar nur noch auf dem Papier, aber der Großteil ist laut der Studie aktiv.

Liegt es vielleicht daran, dass die Lebenswelten zwischen Stadt und Land unterschiedlich sind?

HERRMANN: Das kann man so nicht sagen, aber bei kleineren Gemeinden ist meiner Meinung nach der Austausch tiefgehender als bei großen Städten wie Hamburg und Marseille. Bei kleineren Orten mit zum Beispiel 1000 Einwohnern, das hat eine stärkere Wirkung. Fast jede Familie hat einen Gast und es wird zusammen gefeiert. In größeren Städten wird die Familienunterbringung meistens eher nicht praktiziert. In kleineren Orten aber schon und deshalb kriegt das auch jeder im Ort mit.

Rechte und Nationalisten gewinnen immer mehr Auftrieb in Europa. Was heißt das für Städtepartnerschaften?

HERRMANN: Ich habe meine Abschlussarbeit während des Studiums über die Partnerschaft zwischen Wolfsburg und Marignane geschrieben, wo es ab 1995 mal einen Bürgermeister der rechtsnationalen Front National gab. Das ist ein heikles Thema. Damals ist die Städtepartnerschaft auf offizieller Ebene von deutscher Seite aus auf Eis gelegt worden, um den Rechten keine internationale Plattform zu bieten. Die Bürger sollten weiterhin untereinander Kontakt halten. Es ist allerdings schwierig, den Bürgermeister auszuschließen und sich weiterhin mit seinen Wählern austauschen zu wollen. Der Aufschwung von extremen Parteien könnte ein Indiz dafür sein, dass man Formate wie Städtepartnerschaften vernachlässigt hat. Wenn es nur um Wirtschaft und Politik geht, ist es verständlich, wenn die Europabegeisterung nachlässt. Die Städtepartnerschaften sind eines der Instrumente, mit denen man dem entgegenwirken kann. Alle sollen am Austausch teilnehmen können. Das war ja auch die Intention nach dem Zweiten Weltkrieg.

Wen meinen sie, wenn sie sagen, es wurde vernachlässigt? Die Kommunen?

HERRMANN: Das ist schwierig zu generalisieren, aber ja, es gibt Kommunen, die ihre Städtepartnerschaft vernachlässigen. Aber auch die Europäische Union hat die Finanzen für diesen Austausch gekürzt und fördert eher das Erasmus-Programm.

Und das ist schlecht, weil Erasmus eher elitär ist? Es ist ja oft ein Vorwurf der Rechten, dass nicht jeder einen Zugang dazu hat.

HERRMANN: Erasmus richtet sich nicht ausschließlich an die Elite und an Universitäten. Es gibt zum Beispiel auch Förderprogramme für Berufsschulen. In diesem Fall geht es aber eher um eine Förderung über Institutionen. Städtepartnerschaften finden hingegen in der Zivilgesellschaft statt, in der viel durch die Vereine getragen wird.

Das heißt also, es fehlt an Geld?

HERRMANN: Unter anderem. Das ist aber vielleicht nicht der wichtigste Punkt. Wichtiger ist, dass man den Engagierten die Arbeit erleichtert und Materialien zur Verfügung stellt. Das könnte und sollte politisch unterstützt werden. Es gibt in Europa ungefähr 20 000 Städtepartnerschaften. Das größte Netzwerk Europas, dessen Potenzial in meinen Augen viel zu wenig genutzt wird.

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