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Hochintelligentes Problemkind

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Von: Barbara Schmidt

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Er spielt Saxophon und trat bereits mit Abiturienten gemeinsam auf. Er hat das Zeug dazu, auf ein Gymnasium zu wechseln. Doch der Junge aus Schwalbach hat sich auch schon geprügelt. Er leidet unter einer sogenannten Autismus-Spektrums-Störung. Dies ist die Geschichte eines Kindes, bei dem die Schulorgane an Grenzen stoßen. Die Mutter sieht ihren Sohn benachteiligt. Das Kreisblatt hörte alle Seiten an.

Eine Freistellung von der Schulpflicht wollen einige Eltern immer mal wieder erzwingen und landen damit zumeist vor Gericht. Im Fall eines Viertklässlers der Geschwister-Scholl-Schule hat das Staatliche Schulamt sie von sich aus angeordnet. Fast vier Wochen hat Vito (zum Schutz des Kindes wählen wir hier einen anderen Namen) die Grundschule nicht mehr besuchen dürfen. Für die Mutter ist dies ein Unding. Deshalb ist sie nicht nur gerichtlich gegen die Freistellung vorgegangen, sie hat auch das Kreisblatt eingeschaltet.

Diagnose liegt vor

„Bitte helfen Sie mir“, sagt die Schwalbacherin, die fürchtet, dass der weitere schulische Werdegang für ihren Sohn durch die aktuelle Entwicklung gefährdet wird. Vito hat die mehrstündige Aufnahmeprüfung für die Hochbegabten-Klasse an einem Gymnasium bestanden, die Mutter zeigt den entsprechenden Bescheid gern her. Sie will mit Vito extra in die Stadt ziehen, in der die künftige Schule liegt. Ein vergleichbares Angebot habe sie im Main-Taunus nicht gefunden, sagt die Schwalbacherin.

Vito hat, wie ein Test ergeben habe, einen IQ von 145, das ist weit über dem Durchschnitt. Er spielt Saxophon, trat gerade erst mit Abiturienten gemeinsam auf. Der Neunjährige hat allerdings auch eine Autismus-Spektrums-Störung, also eine Entwicklungsstörung aus dem vielfältigen Erscheinungsbild autistischer Veranlagungen. Die entsprechende Diagnose wurde im vergangenen Jahr von einer Frankfurter Fachärztin für Kinder- und Jugendpsychiatrie erstellt. Auch dieses Gutachten zeigt Vitos Mutter zum Beleg.

Er hat einen Begleiter

Eine der Maßnahmen, die die Spezialistin dringend anriet, wurde umgesetzt. Der Junge hat seitdem einen Schulbegleiter, den das Jugendamt für 30 Stunden bewilligt hat. Trotzdem kam es in den vergangenen Monaten immer wieder zu Problemen in der Grundschule. Eine größere Rolle dabei spielt nach ihren Angaben, die auch das Schulamt nicht in Abrede stellt, ein anderes Kind aus Vitos Klasse. Zwischen den beiden Jungen gab es einige körperliche Auseinandersetzungen, in deren Folge beide auch schon ins Krankenhaus mussten. Prügeleien seien in dem Alter zwischen Jungs nicht so ungewöhnlich, sagt Vitos Mutter, ihr Sohn werde von dem anderen Kind provoziert.

Vito habe gegen den Kopf des schon am Boden liegenden anderen Jungen getreten, macht Schulamtsleiterin Birgitta Hedde gegenüber dem Kreisblatt deutlich, dass hier Grenzen überschritten seien. Für die Schule ist er seither untragbar. Die Schulleiterin Anne-Marie Kansy teilte dem Schulamt mit, da der Junge „weitere Gewalt bereits in Aussicht stellt, kann ich für die Sicherheit dieses Klassenkameraden und anderer Schülerinnen und Schüler nicht mehr garantieren“.

Vor Gericht gewehrt

Ein erster Schulausschluss wurde durch das Staatliche Schulamt in Rüsselsheim für die Zeit vom 26. Februar bis zum 4. März verfügt. Dagegen wehrte sich die Mutter erfolgreich vor Gericht, vor allem, weil es einen Formfehler gab. Nur einen Tag nach Vitos Rückkehr in die Schule erhielt die Mutter einen neuen Bescheid über die Aufhebung der Schulpflicht. Auch gegen diesen ging die Mutter gerichtlich vor, eine Entscheidung wird noch in den Osterferien erwartet.

Gefährdung für andere?

Warum hat der Schulbegleiter die Auseinandersetzungen nicht verhindert? Vitos Mutter wirft der Klassenlehrerin vor, ihn zumindest in einem Fall vorzeitig nach Hause geschickt zu haben. Schriftlich hat die Schwalbacherin von der Klassenlehrerin, dass sie das I-Kind mehrfach vor die Tür geschickt hat, weil sich Vito ungebührlich verhalten habe. Der richtige Umgang mit einem Autisten?

Die Klassenlehrerin habe ihr gegenüber bezweifelt, dass Vito unter einer Autismus-Spektrums-Störung leide, und gesagt, schuld seien Erziehungsfehler, und der Junge gehöre auf eine Förderschule, sagt die Mutter. Die Elternvertreterin möchte sich gegenüber dem Kreisblatt erst nach den Osterferien zu dem Fall äußern. Das Staatliche Schulamt, das in derlei Fällen, zumal bei schwebenden Verfahren, gegenüber der Presse die Stellungnahme übernimmt, beruft sich auf die Gefährdung, die von Vito für andere Kinder ausgehe. Der genannte Junge sei nicht das einzige Kind, mit dem Vito schon Auseinandersetzungen gehabt habe. Schulamtsleiterin Birgitta Hedde macht deutlich, dass man erst einmal eine „vernünftige Diagnostik“ für Vito wolle und zudem, dass dieser eine Therapie beginne. Die hatte auch die Frankfurter Fachärztin für notwendig erachtet, Plätze in der Kinder- und Jugendtherapie sind allerdings bekanntermaßen rar und schwer zu erhalten. Vitos Mutter sagt, dass ihr Sohn seit der Diagnose dafür in Frankfurt auf der Warteliste stehe. Sie habe nun immerhin erreicht, dass er in einer Tagesklinik ankommen könne. Eine amtsärztliche Untersuchung, wie sie das Schulamt will, lehnt sie ab. Vito immer noch weiteren Ärzten vorzuführen und zudem einem Mediziner, der gar nicht aus diesem Fachbereich sei, bringe doch nichts. Außerdem kann sie ein Schreiben des Schulamtes vorweisen, in dem die Diagnose der Frankfurter Fachärztin anerkannt wird. Eine „Machtprobe“ nennt Vitos Mutter, selbst Juristin, die Anordnungen des Schulamts. Ihr Sohn leide unter seinem Schulausschluss, er vermisse seine Mitschüler.

„An einem Strang ziehen“

Die Mutter beklagt, sie habe in den vergangenen Woche von der Schule keinerlei Material bekommen, mit dem ihr Sohn den versäumten Stoff nachholen könne. Sie habe das jetzt schriftlich eingefordert. Die Sorge der Schwalbacherin, dass Vito womöglich durch den Schulausschluss der Schritt in die weiterführende Schule unmöglich gemacht wird, teilt Schulamtsleiterin Hedde nicht. Vito habe ja gute bis sehr gute Noten und sei sicher in der Lage, den versäumten Stoff schnell nachzuholen. Wann der Junge allerdings wieder zur Schule gehen kann, das kann auch Hedde nicht sagen. Zum einen müsse man die Gerichtsentscheidung abwarten. Sage das Gericht, „dass wir rechtswidrig handeln, können wir ihn nur wieder aufnehmen“. Zum anderen habe man mit dem Urteil noch immer keine Hilfe. Das Schulamt wolle aber erreichen, dass Vito vor der Rückkehr in die Schule eine Therapie beginne. „Es geht uns ums Kind“, betont Hedde. „Und deswegen wäre es so wichtig, dass man an einem Strang zieht.“

(babs)

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