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Polizeibeamte gehören seit 2017 zum Stadtbild, allen voran „Schutzmann“ Christian Schneider, der in Uniform und zivil Streife läuft – hier auf dem Marktplatz.

Videoüberwachung

Limeszentrum in Schwalbach: Neue Kameras sollen sich in schlüssiges Sicherheitskonzept einfügen

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Sie sind zwar sichtbar, fallen jedoch nicht sonderlich auf. Die 17 neuen Videokameras im Schwalbacher Limeszentrum hängen an Masten und Vordächern.

Sie fügen sich ein in ein Sammelsurium von Laternenpfählen, Plakataufstellern und Ständern mit Gruß- und Postkarten. Ein Passant mustert am Blumenladen die Pflanzentöpfe. Auf die Frage des Kreisblatt-Reporters, ob ihn denn die Videokameras rund um den Marktplatz stören, antwortet der Mittsiebziger gelassen, er fühle sich „nicht überwacht, eher beschützt“. Eine Kundin, die ihren Schal halb vors Gesicht gezogen hat, schleppt zwei Tüten und wendet sich schnurstracks dem Verkaufswagen mit Zeitungen und Zeitschriften zu, ohne sich ansprechen zu lassen. Die Kameras würdigt sie am kalten Donnerstagvormittag keines Blickes.

Kaum 100 Meter weiter steht der städtische Mitarbeiter Klaus Breitenbach im ersten Stock des Rathauses und hantiert mit einer Maus herum. Er blickt auf zwei Bildschirme und führt den neugierigen Zeitungs-, Hörfunk- und Fernsehjournlisten vor, wo die Aufnahmen der 17 Marktplatz-Kameras auflaufen. Er kann mehrere Standorte gleichzeitig sichten, Bilder groß ziehen und direkt und ohne zeitliche Verzögerung sehen, was draußen passiert. Breitenbach gehört zum kleinen Kreis in der Stadtverwaltung, der Zugriff auf die Videobilder hat. Fenster, Balkone und Schaufenster sind verpixelt – Privatsphäre.

Sie fühlten sich unsicher

„Auch eine Übertragung zur Polizeistation nach Eschborn ist vorgesehen“, teilen die Polizei und die Stadt Schwalbach mit. Doch die für den Datentransfer notwendigen Glaskabel-Kapazitäten nach Eschborn werden erst „in den kommenden Monaten“ geschaffen.

Die 430 000 Euro teure „Video-Schutzanlage“ ist seit wenigen Wochen in Betrieb (wir berichteten). Ihre Kameras erfassen den Marktplatz, den Busbahnhof und den Parkplatz am Limeszentrum. Sie wurden im Kampf gegen das kriminelle Milieu installiert, das sich zeitweilig am Marktplatz breit machte und die Menschen verunsicherte. 2017 waren Straftaten im Schwalbacher Zentrum fast an der Tagesordnung. Polizeipräsident Stefan Müller spricht von einer Drogen- und Trinkerszene, die sich vor allem vorm „bunten Riesen“, dem Hochhaus-Komplex, einnistete. Einige Dutzend Unruhestifter konsumierten oder handelten mit Cannabis, legten im Keller des „bunten Riesen“ und in Gebüschen Drogendepots an. Einzelhändler klagten über Vandalismus an ihren Läden. Die Bürger und Passanten „fühlten sich zunehmend unsicher“, erinnert sich Bürgermeisterin Christiane Augsburger. Die Problemklientel legte sich mit der Polizei an: Angriffe auf Beamte und ein Anschlag mit Molotowcocktails aufs Eschborner Revier folgten. Klar war: So durfte es nicht weitergehen. Die Polizei rückte fortan oft an, um die Übeltäter zu kontrollieren. Sie setzte nach und nach ein Sieben-Punkte-Sicherheitskonzept um, das auf einer engen Absprache mit der Stadt Schwalbach beruht.

„Wesentliche Besserung“

Er sei sein „Freund der Videoüberwachung“, die „ein wesentlicher Bestandteil“ des Schwalbacher Konzeptes und „ein Mittel der Abschreckung“ sei, sagt der Polizeipräsident. Eine solche Anlage ermögliche es, sich in Gefahrensituationen via Video die Brandherde direkt anzusehen. Die Polizei könne anhand der Kameras ihre Taktik ausrichten und ihre Kräfte am Einsatzort steuern. Letztlich, so Stefan Müller, könne die Polizei die Bilder heranziehen, um Straftaten aufzuklären. Der Hessische Beauftragte für Datenschutz billigt es, die Bilder für zehn Tage zu speichern. Danach werden sie automatisch gelöscht. Müller hat den Eindruck, dass die Bevölkerung die Videoüberwachung im Kampf gegen kriminelle Strömungen „zunehmend akzeptiert“. Müller weiter: „Sie ist kein Allheilmittel. Wir müssen sie einbetten in ein Gesamtkonzept.“

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Die Bürgermeisterin pflichtet ihm bei. „Wir dürfen nicht nur repressiv handeln, sondern müssen auch präventiv vorgehen“, betont Augsburger. Deswegen wolle die Stadt noch 2019 eine neue Sozialarbeiter-Stelle besetzen. Es geht dabei um Menschen „ab Ende 20“, die bei der Jugend- und Sozialarbeit „durchs Raster fallen“. Augsburger: „Diese Leute müssen in irgendeiner Form begleitet werden.“ Die Delinquenten, die in Schwalbach auffällig wurden, sind nicht nur pubertäre Jugendliche und Heranwachsende, sondern oft gestandene Erwachsene, die abdriften. Augsburger: „Wir haben unsere Jugendarbeit deswegen komplett neu ausgerichtet und verstärkt.“ Auch die Polizei geht nicht nur mit dem Holzhammer vor. Sie schickte schon mehrfach Beamte mit Migrationshintergrund nach Schwalbach, um mit der Problemklientel ins Gespräch zu kommen. Der „Schutzmann vor Ort“, Christian Schneider, hält Kontakte zu Bürgern, zur Verwaltung und zu den „Sorgenkindern“.

Die Maßnahmen greifen, versichern Stadt und Polizei. Augsburger bilanziert, die Lage habe sich „rund um den Marktplatz wesentlich verbessert“: „Die Bürger bewegen sich wieder sicherer durch die Stadt.“ Natürlich habe sich „das eine oder andere verlagert“. Polizei und Stadt nennen die Julius-Brecht-Straße, die Wilhelm-Leuschner-Straße und den Mittelweg als Problemzonen, wo es aber längst nicht so kriminell zugehe wie zuvor im Zentrum. Auch in den neuen „Krisengebieten“ zeige die Polizei Flagge. Wenn es nötig sei, werde sie wieder häufig und zahlenmäßig stärker auftreten, sagt der Polizeipräsident. Er stelle sich darauf ein, dass der Schwalbach-Einsatz der Polizei „3 bis 5 Jahre“ dauern werde.

(ask)

Kommentar von ANDREAS SCHICK:

Im amerikanischen Kultfilm „Casablanca“ zünden die Hauptfiguren ein Feuerwerk an Dialogen. In einer Szene fragt der Zyniker Rick Blaine (Humphrey Bogart) den von den Nazis verfolgten Widerstandskämpfer Victor Laszlo (Paul Henreid): „Fragen Sie sich nicht manchmal, ob es das alles wert ist? Ich meine das, wofür Sie kämpfen?“ Laszlo antwortet: „Wenn wir aufhören zu atmen, sterben wir. Wenn wir aufhören, unsere Feinde zu bekämpfen, stirbt die Welt.“

Der Vergleich mag etwas überzogen erscheinen. Doch die kriminellen Machenschaften, die 2017 wie Blitze über Schwalbach niedergingen und in monatelange Konflikte ausarteten, erinnern an den „Casablanca“-Dialog von 1943.

Die Polizei und die Stadt Schwalbach sind seit fast zwei Jahren in einem Dauerkrisen-Modus. Zielstrebig arbeiten sie seither daran, den Ort zu befrieden. Die Ordnungshüter greifen mit Recht hart durch, wenn es nötig ist. Personenkontrollen sind unumgänglich. Mehrere Straftäter wurden rechtskräftig verurteilt. Gleichzeitig setzt die Stadt auf Vorbeugung, indem sie ihre Jugend- und Sozialarbeit stärkt und den Unruhestiftern Hilfe anbietet.

Dass sich die Lage im Ortszentrum jüngst besserte, ist kein Anlass, sich auszuruhen. Wenn die Polizei und die Stadt aufhören würden, ihr kluges Sicherheitskonzept stringent weiterzuführen, wären Rückschläge programmiert. Mag ihre Strategie auch noch so zeit-, kosten- und personalintensiv sein. Polizei und Stadt dürfen nicht nachlassen. Da geht es ihnen wie Victor Laszlo.

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