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Lebensmittelverpackungen tragen vielfältige Informationen, die allerdings nicht immer nachvollziehbar sind.

Experte Gert-Wolfhard von Rymon Lipinski

Lebensmittelverpackungen : Kritischer Blick aufs Kleingedruckte

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Wohl die wenigsten Menschen studieren die Lebensmittelverpackungen im Supermarkt, bevor die Produkte im Einkaufswagen landen. Dabei enthalten sie wertvolle Informationen, die mitunter komisch bis unangenehm anmuten.

Das Oxidationsprodukt Betain trägt zu einem normalen Homocysteinstoffwechsel bei. Ist doch einleuchtend, oder? Haferkorn-Ballaststoffe tragen zur Erhöhung des Stuhlvolumens bei. Alles klar? „Reizt Sie das zum Kauf?“, fragt Professor Gert-Wolfhard von Rymon Lipinski sein Publikum im Hörsaal der Albert-Einstein-Schule in Schwalbach. Die Antwort kann sich im Grunde jeder selbst geben: Das Fachchinesisch lädt weder zum Einkaufen ein, noch es ist es verständlich.

Die beiden unverständlichen Formulierungen sind 2 von derzeit rund 250 gesundheitsbezogenen Angaben, die mit Genehmigung der Europäischen Union (EU) auf Lebensmittel-Etiketten stehen dürfen. Sie sollen Verbraucher vor Irreführung und Täuschung schützen, aber: Gut gemeint ist manchmal das Gegenteil von gut gemacht. „Das Theater verstehe ich bis heute nicht“, urteilt der Experte.

Der Arbeitskreis Wissenschaft-Technologie-Wirtschaft der Kulturkreis GmbH und die Albert-Einstein-Schule haben den Referenten an das Gymnasium gelotst, um sich in dem

Wirrwarr

von Fremdworten und Zahlen künftig besser orientieren zu können. Rymon Lipinski, ein Schwalbacher Bürger, kennt sich damit sehr gut aus: Er ist Lebensmittelchemiker, arbeitete als solcher bei der Hoechst AG und später bei einer Ausgründung. Zudem war er lange Zeit Honorarprofessor an der Frankfurter Goethe-Universität im Bereich der Biochemie.

Tatsächlich sind Lebensmittel und ihre Bezeichnungen heutzutage eine Wissenschaft für sich. 64 Seiten und 15 Anlagen umfasst beispielsweise die Lebensmittel-Informationsverordnung der EU. Sie gilt seit 2014 in allen Mitgliedsstaaten verbindlich, seither müssen zum Beispiel Nährwertinformationen einheitlich und verpflichtend angegeben sowie Allergene optisch hervorgehoben werden. Auf Lebensmitteln in Fertigverpackungen muss zudem in der Regel ein Mindesthaltbarkeitsdatum stehen. „Es ist kein Verfallsdatum“, hebt von Rymon Lipinski hervor. Auch über den Termin hinaus sind die Produkte oftmals unbedenklich zu verzehren. Er rät dazu, sie im Zweifelsfall zuvor in Augenschein zu nehmen, daran zu riechen und sie zu probieren.

Auch auf den Nährwert bezogene Angaben wie „fettarm“ oder „leicht“ sind reglementiert – und zeigen einmal mehr die „grenzenlose Weisheit des EU-Parlaments“, wie der Referent sarkastisch anmerkt. Schon im Jahr 2009 wollte die EU sogenannte Nährwertprofile mit Mindestanforderungen an die Nährwertzusammensetzung vorlegen, denen Lebensmittel entsprechen müssen, um nährwert- oder gesundheitsbezogene Angaben tragen zu dürfen. Allein, es gibt diese Profile bis heute nicht. In der Praxis bedient man sich anderer Lösungen, wie das Beispiel eines „leichten“ Käses zeigte: Im Kleingedruckten wird spezifiziert: „Leicht, weil mindestens 30 Prozent weniger Fett als Schnittkäse 45 Prozent Fett i. Tr.“.

Hinzu kommen viele weitere Angaben auf Lebensmitteln, etwa eine Fülle von Siegeln. Sie reichen vom

DLG-Siegel

der Deutschen Landwirtschafts-Gesellschaft über MSC- oder ASC-Siegel für nachhaltige Fischerei oder Fischzucht bis hin zum Emblem „Vegan“ der European Vegetarian Union. Um das habe sich ein regelrechter Hype entwickelt. Es prange auf vielen Produkten – teilweise auch auf solchen, bei denen man kaum auf die Idee kommen würde, dass sie nicht vegan sein könnten, beispielsweise auf Tüten mit „Baby-Karotten“. Die damit umworbene Zahl der Veganer in Deutschland bewege sich indes im niedrigen einstelligen Prozentbereich, erläuterte Gert-Wolfhard von Rymon Lipinski.

So oder so: Es lohnt sich, öfter einmal einen Blick auf das Kleingedruckte zu werfen. Zuhörer Klaus Beeg hatte das getan und eine Packung Salz mitgebracht, auf der als Trennmittel Natriumferrocyanid ausgewiesen war. In der EU ist der Zusatzstoff mit der Nummer E 535 für Kochsalz und Kochsalzersatz mit einer Höchstmenge von maximal 20 Milligramm pro Kilogramm zugelassen. Cyanide sind hochgiftig, doch gelten sie in der verwendeten Zusammensetzung als gesundheitlich unbedenklich. Trotzdem dürfte sich mancher Verbraucher, der das weiß, fragen, ob er sich darauf verlassen will.

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