Bestsellerautor Wladimir Kaminer verarbeitete die Corona-Pandemie literarisch- humoristisch.
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Bestsellerautor Wladimir Kaminer verarbeitete die Corona-Pandemie literarisch- humoristisch.

Literatur

Lesung mit trockener Miene und Schalk im Nacken

  • VonEsther Fuchs
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Wladimir Kaminer liest Auszüge aus seinen aktuellen Büchern, die die Corona-Zeit beschreiben.

Schwalbach -Die Stuhlreihen sind bis auf den letzten Platz gefüllt. Die Regentropfen des Nachmittags haben sich verzogen. Auf der Bühne hinter dem Haus der Vereine begrüßt Wladimir Kaminer seine Zuhörer und den Schwalbacher "Summer in the City". Im Rahmen des diesjährigen Sommerprogramms aus Konzerten, Theater, Kleinkunst und anderem ist auch der Bestsellerautor, der mit seiner Familie in Berlin lebt, bunter Programmpunkt des Sommer-Potpourris der Kulturkreis GmbH um Geschäftsführerin Anke Kracke.

Auf der Bühne steht der Autor, der seinen Durchbruch mit den Erzählbänden "Militärmusik" und "Russendisko" auch außerhalb Deutschlands schaffte. Der schwarze Anzug sitzt, die weißen Sneakers sind geschnürt. Der Abend nimmt vor gelbem Sonnenschirm und anderer sommerlicher Dekorationskulisse seinen heiteren Lauf. Wladimir Kaminer arbeitet sich literarisch-humoristisch durch die vergangenen eineinhalb Jahre Corona-Pandemie.

Keiner kennt den Unterschied zwischen deutschen und russischen Nachrichten besser als er. "Die russischen Nachrichten sind schon immer ganz anders", so der Autor mit sowjetischen Wurzeln. Seine Mama schaue noch heute in Berlin russisches Fernsehen. "Doch bei Corona waren wir uns alle einig. Es waren die Chinesen! Die waren schon immer so komisch", so der Autor über die Berichterstattung deutscher und russischer Medien. Kaminers literarischen Schwenk führt auf den Markt nach Wuhan. Er erzählt von Fledermäusen, die dort "durchgebraten oder als Carpaccio gegessen werden". Er nimmt die Folgen der Krise ernst, färbt sie aber eloquent mit russischem Akzent und pointiertem deutschen Witz. Das Publikum dankt für die gelungene Abwechslung. Das sieht man in den Gesichtern und hört man im Lachen.

Literarische Denkanstöße

Die lange kulturelle Durststrecke hat ein Ende. Die Kulturkreis GmbH hatte für Juli und August ein erfolgreiches Paket geschnürt, dessen Inhalt noch bis zum 20. August im Freien genossen wird. Gerne kommt man im Hof der Schulstraße 7 auf Abstand zusammen. Das vom Hessischen Ministerium für Wissenschaft und Kunst geförderte und mit Unterstützung von Diehl + Ritter INS FREIE! stattfindende Programm überzeugt die Gäste, trotz mancher Schlechtwetterfront.

Am Dienstagabend ist das Wetter zur Lesung des in deutscher Sprache schreibenden Schriftstellers Kaminer trocken. Das war nicht zu allen Veranstaltungen der Fall. "Regen ist nur Konfetti, das vom Himmel fällt", postete der Kulturkreis noch am 3. August in den sozialen Medien.

Die Veranstaltung mit Martin Guth und Johannes Napp "Das Beste vom Guthen" fand trotzdem planmäßig statt. Das Publikum trotzte der Nässe von oben mit festem Schuhwerk, Schirm und Regencape. Auch der Auftritt der Band "Blind Foundation" fand trotz durchwachsener Wettervorhersage statt. Die Wonderfräuleins spielten hingegen bei teils "wondervollem" Sonnenschein.

Wladimir Kaminer liest im Trockenen mit trockener Miene und Schalk im Nacken. Passagen aus seinen aktuellen Büchern, "Rotkäppchen raucht auf dem Balkon", im Coronasommer 2020, und "Der verlorene Sommer. Deutschland raucht auf dem Balkon", im April 2021 erschienen, geben Einblicke in Alltagsszenen, die jeder erlebt hat. Kleine literarische Denkanstöße aus dem Manuskript seines nächsten, neuen Buchs, das im Herbst erscheinen soll, komplettieren den Abend.

Ein Rückblick: Frühjahr 2020. Die Menschen erwachten aus dem Winterschlaf, blinzelten in die Sonne und ahnten nicht, was auf sie zukam. Im fernen China hatte angeblich ein erkältetes Gürteltier "oder war es doch ein erkälteter Frosch?" auf eine "halbtote Fledermaus geniest", so Kaminer. Ein Virus war geboren, der "Greta, der Cassandra des Klimawandels" in die Hände spielte. "Auf einmal gab es keine Flieger mehr am Himmel." Die ganze Welt stand still.

Doch nun geht es schrittweise und unter Achtung der Hygieneauflagen für Künstler, Kulturschaffende, Literaten, Literaturliebhaber und alle anderen weiter. Die Veranstaltungen der Kulturreihe "Summer in the City" sind ausgebucht.

Das sich Mitte September anschließende Herbstprogramm spricht Theater- und Musicalfreunde an. Hier gibt es noch Karten. Am Sonntag, 12. September, eröffnen Michael Quast und Rhodri Britton mit "Sex & Crime" im Bürgerhaus Schwalbach den Kulturherbst. Los geht's um 16 Uhr. Am Samstag, 30. Oktober, darf man sich im Bürgerhaus um 19.30 Uhr auf "Grimms sämtliche Werke leicht gekürzt" freuen.

"Das perfekte Geheimnis" lüften Saskia Valencia, Lara Joy Körner und Ralf Komorr dann am Sonntag, 14. November, erneut um 19.30 Uhr im Bürgerhaus. Tickets für alle Veranstaltungen sind ausschließlich in der Geschäftsstelle der Kulturkreis GmbH erhältlich. Es gibt keine Abendkasse.

Das Publikum versammelte sich auf dem Platz hinter dem Haus der Vereine. Es hatte Freude an seinem Auftritt.

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