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Orientierungshilfe auf "vermintem Gelände"

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Von: David Schahinian

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Wolfgang Küper, Historiker und Dietz-Weg-Anwohner, hat Fleißarbeit geleistet und über die Namensgeber von Schwalbacher Straßen recherchiert.
Wolfgang Küper, Historiker und Dietz-Weg-Anwohner, hat Fleißarbeit geleistet und über die Namensgeber von Schwalbacher Straßen recherchiert. © Maik Reuß

Er forschte und recherchierte: Wolfgang Küper trägt dazu bei, die Debatte über umstrittene Straßennamen auf ein Fundament zu stellen.

Schwalbach - "Straßennamen sind ein vermintes Gelände - jedenfalls, wenn sie nach Personen der Zeitgeschichte heißen." Mit diesen Worten zitierte das Frankfurter Stadtvermessungsamt den Journalisten Sven Felix Kellerhof. 2008 hatte Schwalbachs große Nachbarstadt eine umfangreiche Broschüre herausgegeben, um seinen Bürgern die Benennung von Straßen, Plätzen und Brücken der Stadt transparenter zu machen. Bis heute hat sich an dem Satz nichts geändert.

In Schwalbach befassen sich die Stadtverordneten seit Herbst mit einigen solcher Namen. Federführend ist ihr Ausschuss für Bildung, Kultur und Soziales, Ergebnis noch offen. Einer, der enorme Vorarbeit geleistet hat, ist Wolfgang Küper. Seine knapp 70-seitige Ausarbeitung über die 13 Personen, nach denen in der Stadt Straßen und Wege benannt sind, liegt den Stadtverordneten als Quelle und Ausgangspunkt eigener Recherchen vor. Küper ist im Ausschuss als Sachverständiger geladen.

Auslöser war, wie so oft bei solchen Projekten, eine persönliche Betroffenheit. Wolfgang Küper ist Anwohner des Rudolf-Dietz-Weges. Die Grünen regten 2019 an, die Straße umzubenennen. Dabei sollte der Magistrat gleich den im Juni 2019 ermordeten Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübcke vorschlagen. "Dieses Vorgehen fand ich undemokratisch, dagegen wollte ich mich wehren", erinnert sich Küper. Er machte sich schlau und schlauer über Dietz: "Dann übermannte mich der Forscherdrang, der immer auch auf eine Gesamtschau ausgerichtet ist."

Küper, von Hause aus Historiker und Germanist, ist es gewohnt, wissenschaftlich zu arbeiten. Das Thema ist längst größer als die Frage, ob der Rudolf-Dietz-Weg nun umbenannt werden sollte oder nicht. Auch Küper selbst legt Wert darauf: "Ich will mit den Mitteln der Vernunft und der Wissenschaft zu einer vernünftigen Klärung kommen, die möglichst alle Seiten berücksichtigt." Er kennt das eingangs erwähnte "Minenfeld": die Interpretationsspielräume bei der Beurteilung von Lebensläufen zählen dazu, die unterschiedlichen Positionen von Bürgern und Anwohnern, aber auch die Stadtverordneten. Sie haben teilweise vor noch gar nicht allzu langer Zeit für eine Straßenbenennung gestimmt - nichtsahnend von den dunklen Seiten mancher Geehrten. "Es geht letztlich um den Frieden in der Stadt und der Gesellschaft", versichert Küper.

"Aufklärung statt Tilgung"

Ausgangspunkt seiner Arbeit waren Internetquellen. Wer schon einmal recherchiert hat, weiß, dass eine gefundene Antwort meist zwei bis drei neue Fragen aufwirft. Küper versuchte erfolgreich, mit den Verfassern der Quellen Kontakt aufzunehmen, so etwa mit einer Autorin, die über den Architekten und Limesstadt-Planer Hans Bernhard Reichow (1899 bis 1974) dissertierte. In Freiburg und Hamburg hatten sich Historikerkommissionen mit den jeweiligen Straßennamen auseinandergesetzt. Auch Kommunen im Schwalbacher Umfeld hat Küper in Augenschein genommen und teils um Informationen zu ihren Straßennamen gebeten. Frankfurt hat zum Beispiel 2021 die Hans-Pfitzner-Straße in Schwanheim in Lilo-Günzler-Straße umbenannt, um die Ehrung des "erwiesenen Antisemiten und Holocaustleugners" rückgängig zu machen. Ein Kreisblatt-Bericht lieferte zuvor den Anstoß für eine Diskussion, die im Ortsbeirat 6 ihren Anfang nahm und den Römer erreichte.

Es sind alles kleine Schritte zu mehr Erkenntnis, aber die Entscheidung, wie am Ende mit den Straßennamen umgegangen werden soll, kann den Schwalbachern niemand abnehmen. Wie könnte eine Lösung aussehen? Küper erwähnt den Weg, den das saarländische Saarbrücken geht. Im Bericht der dortigen Straßennamen-Kommission heißt es, dass dieser Weg für "Aufklärung und nicht für eine Tilgung aus dem Gedächtnis beziehungsweise Unsichtbarmachung" stehe, für Versöhnen statt Spalten. Saarbrücken gruppiert Straßennamen in einem Ampel-System ein: Grün für keine Umbenennung, Gelb für Beibehaltung mit Erläuterung und Rot für Umbenennung. Küper findet Gefallen an der Idee eines Schwalbacher Weges der Erinnerungskultur. Der ausführliche politische Diskussionsprozess könnte darin münden, anhand eines Kriterienkatalogs im Einzelfall zu entscheiden, ob und wie gegebenenfalls Straßennamen umbenannt werden. Im Mittelpunkt solle aber die Aufarbeitung der Geschichte und die Aufklärung der Bevölkerung über die entsprechenden Personen stehen.

Der Ausschuss für Bildung, Kultur und Soziales hatte bereits im November 2021 zu erkennen gegeben, dass die Ergebnisse in Form einer Ausstellung präsentiert und dauerhaft auf der Internetseite der Stadt verfügbar gemacht werden sollten. Die Stadt gehe das schwierige Thema positiv an, zitiert Küper den Diplom-Designer und Journalisten Christian Hahn vom "Büro für Erinnerungskultur" im südhessischen Babenhausen. Werde der Prozess zu einem erfolgreichen Abschluss gebracht, könne er als Vorbild für andere Städte dienen.

Öffentliche Sitzung

Morgen, Donnerstag, wird der Ausschuss für Bildung, Kultur und Soziales im großen Saal des Schwalbacher Bürgerhauses (Marktplatz 1-2) über Rudolf Dietz sprechen. Dann wird sich zeigen, wie er weiter vorgeht. Wolfgang Küper referiert als Sachverständiger. Beginn der Sitzung ist um 19.30 Uhr. Es gelten die 3 G-Regel sowie Maskenpflicht. Ein vorhergehender Corona-Test wird empfohlen.

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