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Problematische Persönlichkeiten

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Von: David Schahinian

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Fliegen war ihre Leidenschaft: Pionierin Elly Beinhorn (1907 bis 2007).
Fliegen war ihre Leidenschaft: Pionierin Elly Beinhorn (1907 bis 2007). © Keine Angabe

Ausschuss beleuchtet umstrittene Straßennamen. Ein engagierter Bürger hilft dabei.

Schwalbach - 2010 flammte die Diskussion erstmals auf, als das Kreisblatt über den umstrittenen Nauroder Heimatdichter berichtete. Vor zweieinhalb Jahren nahm die Debatte über Straßennamen in Schwalbach Fahrt auf. Im August 2019 hatten die Grünen beantragt, den Rudolf-Dietz-Weg umzubenennen. Zur Begründung hieß es, dass der 1942 verstorbene Dietz antijüdische Ressentiments reproduzierte und bis zu seinem Tod das ideologische Gedankengut des Deutschbundes verbreitete. Doch Dietz ist nicht der einzige fragwürdige Namensgeber. Wenn schon, denn schon: Der Ausschuss für Bildung, Kultur und Soziales befasst sich derzeit mit allen 13 Personen, nach denen Straßen in Schwalbach benannt sind. Sechs wurden bereits vorab als unbelastet eingestuft, darunter Friedrich Stoltze und Heinrich Niebergall.

Auf Vorschlag von Bürgermeister Alexander Immisch (SPD) begleitet Wolfgang Küper als sachverständiger Bürger die Aufarbeitung. Küper recherchiert - als Anwohner des Rudolf-Dietz-Weges - seit längerer Zeit ausführlich zu den fraglichen Personen.

Eine Entscheidung, wie mit den einzelnen Straßennamen konkret umgegangen werden soll, will der Ausschuss erst treffen, sobald er sich mit allen Personen befasst hat. Sie wird nicht einfach, wie jüngst in der Aussprache über Elly Beinhorn, Hans Bernhard Reichow und Julius Brecht deutlich wurde. Welche Aspekte sind im Einzelfall für oder gegen die Namensgeber zu werten? Ist schon ein nicht erfolgter Widerspruch zum Nazi-Regime unverzeihlich? Wiegen große Lebensleistungen im Nachkriegsdeutschland etwaige Verfehlungen im Dritten Reich auf? Elly Beinhorn etwa: Wer sich mit ihrer fliegerischen Leistung beschäftigt, die ihr als Frau in Zeiten gelang, als Gleichberechtigung noch weit weg schien, muss den Hut vor ihr ziehen.

"Ihre" Straße liegt zu überwiegendem Teil auf Eschborner Gebiet - im Gewerbegebiet Camp-Phönix-Park - und wurde auch vonseiten der Nachbarstadt aus benannt. Dort, wo Eschborn und Schwalbach aneinander grenzen, befand sich einst ein Flugfeld. Die Nazis legten es in den 1930er-Jahren an. Später nutzten die Amerikaner das Rollfeld.

Der Stadtarchivar Saarbrückens kam in einer Ausarbeitung für die dortige Straßennamen-Kommission Mitte 2021 zu dem Schluss, dass Elly Beinhorn zwar kritisch zu sehen sei. Sie sei jedoch nicht in die NSDAP eingetreten und auch die Parteizugehörigkeit ihres ersten Ehemanns Bernd Rosemeyer könne ihr nicht angelastet werden. Zwar habe sie sich vom NS-System instrumentalisieren lassen, doch rechtfertige der Umfang keine Umbenennung.

Diese Tendenz schien auch in Schwalbach durch. Küper betonte zwar, dass sie sich nicht eindeutig vom Regime distanziert habe. Dafür hätte sie jedoch vermutlich große Opfer bringen und ihre Passion begraben müssen.

Pilotin ohne NSDAP-Parteibuch

"Dass sie nicht in die Partei eingetreten ist, finde ich bemerkenswert", sagte Claudia Ludwig (SPD). Elly Beinhorn sei wichtig für die Frauenbewegung gewesen und habe das Pech gehabt, zur falschen Zeit geboren worden zu sein. Ähnlich sah das Jan Welzenbach (CDU): "Man muss auch bedenken, dass Elly Beinhorn Mutter einer Tochter war." Das Kind stammte aus der zweiten Ehe mit Karl Wittmann und kam 1942 auf die Welt.

Der Architekt und Stadtplaner Hans Bernhard Reichow indes hat durch seinen städtebaulichen Entwurf für die Limesstadt enge Verbindungen nach Schwalbach. Der 2007 umbenannte Reichow-Weg ist nicht bewohnt und im Volksmund als "Mittelweg" erhalten geblieben. Reichow war von 1936 bis 1945 Baudirektor in Stettin und trat 1937 in die NSDAP ein. Aus diesem Posten heraus war er auch Mitglied in zahlreichen Gremien, erklärte Küper. Dazu zählte die Mitarbeit am Generalplan Ost, der auf die Kolonisierung und "Germanisierung" von Teilen Ostmittel- und Osteuropas abzielte. Küper zufolge diente Reichow sich wohl den Nazis vor allem an, um sein Konzept eines organischen und naturwüchsigen Städtebaus verwirklichen zu können. Er sei kein einfacher Mitläufer, sondern ein Gesinnungstäter gewesen. "Das ist eine ganz andere politische Dimension als bei Beinhorn", urteilte der ehemalige Europaabgeordnete und jetzige Stadtverordnete Thomas Mann (CDU). Gestützt wird das unter anderem von dem Verkehrswissenschaftler Helmut Holzapfel, der über Reichow schreibt: "Im Entnazifizierungsverfahren stellte sich offenbar zusätzlich eine Mitgliedschaft in der SA heraus. Es gelang ihm aber, mit Leumundszeugen das Verfahren zu überstehen."

Die Julius-Brecht-Straße trägt ihren Namen in Schwalbach bereits seit 1965. Der Vorschlag kam damals von der Baugesellschaft, die die Limesstadt überwiegend gebaut hat, schilderte Küper. Grund waren Brechts Verdienste in der gemeinnützigen Wohnungswirtschaft. Gleiches geschah zur selben Zeit in Freiburg. Dort wurde die Straße aber 2019 wieder umbenannt: Eine Kommission war zu dem Ergebnis gekommen, dass er die Vertreibung von Juden aus ihren Wohnungen federführend unterstützte.

Brecht trat 1937 in die Partei ein. Er sprach vom gemeinnützigen Wohnungsbau als "Dienst für Volk und Führer", berichtet das Staatsarchiv Hamburg. Mehrmals habe er Adolf Hitler gepriesen, "an den er öffentliche Ergebenheitsadressen sandte". 1940 ehrte ihn dieser als Anerkennung für seine "Aufbauleistung" im Kontext der Eroberung des "Sudetenlandes" 1938. Kurz: Er war bis 1945 hochrangiger Funktionär in Diensten des Nationalsozialismus gewesen. Dem stehen seine großen Leistungen im Wohnungswesen nach dem Krieg gegenüber. Eine Umbenennung der Straße in Schwalbach würde, anders als in den ersten beiden Fällen, rund 350 Wohneinheiten betreffen.

Limesstadt-Planer Hans-Bernhard Reichow (1899 bis 1974).
Limesstadt-Planer Hans-Bernhard Reichow (1899 bis 1974). © Reichow-Gesellschaft
Er hat sich mit Namensgebern von Straßen eingehend befasst: Wolfgang Küper.
Er hat sich mit Namensgebern von Straßen eingehend befasst: Wolfgang Küper. © Hans Nietner

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