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Schwalbachs Bürgermeisterin Christiane Augsburger

Frühere Aussage verworfen

Schwalbachs Bürgermeisterin Christiane Augsburger zieht sich überraschend zurück

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Es ist ein politisches Beben: Rathauschefin Christiane Augsburger (SPD) will auf eine dritte Amtszeit verzichten. Ihre Partei ist „traurig und bestürzt“. Für die Genossen wird es nun knifflig.

Schwalbach - Die nächste Bürgermeisterin in Schwalbach wird nicht mehr Christiane Augsburger (58) heißen. Völlig überraschend gab die amtierende Rathauschefin gestern vor der Presse bekannt, dass sie bei der Bürgermeister-Direktwahl in Schwalbach im Frühjahr 2020 nicht mehr kandidieren wird.

Für Beobachter der politischen Szene Schwalbachs und ihre politischen Gegner kommt die Entscheidung der Sozialdemokratin unerwartet – zumal Augsburger auf Nachfragen bisher immer bekräftigt hatte, sich ein drittes Mal zur Wahl zu stellen. Nichts deutete auf ihren Rückzug hin. Augsburger wirkte weder amtsmüde oder angeschlagen, noch hatte sie öffentliche „Staatsaffären“ am Hals. Sie konnte sich gute Erfolgschancen ausrechnen, wiedergewählt zu werden. Bürgermeisterin ihrer Geburtsstadt Schwalbach zu sein sei ihr „Traumjob“, nichts anderes wolle sie machen – das war stets ihre Devise.

Für Christiane Augsburger ist es "der richtige Zeitpunkt"

Ihre jetzige Amtszeit, die bis zum Juni 2020 dauert, will sie noch tatkräftig erfüllen. Anschließend wird sie sich aus der Schwalbacher Politik komplett zurückziehen. Auch ihr ehrenamtliches Mandat als Kreistagsabgeordnete werde sie zu Ende führen. Als Anlass für ihren Entschluss nennt Augsburger ausschließlich „persönliche Gründe“: „Für mich ist es der richtige Zeitpunkt, um aufzuhören. Meinen 60. Geburtstag im Juli 2020 werde ich im Ruhestand feiern. Ich gehe in der Blüte meiner Amtszeit und will vorher noch viel erledigen. Ich will niemand werden, hinter dessen Rücken man munkelt, sie sollte jetzt mal aufhören.“ 

Anlass, die nächste Direktwahl zu fürchten, hätte Augsburger nach allgemeiner Einschätzung kaum haben müssen, und das habe bei ihren Überlegungen auch keine Rolle gespielt. Im März 2008 wurde sie erstmals auf Anhieb mit 58 Prozent der Stimmen gewählt. Bei ihrer Wiederwahl im Februar 2014 konnte sie dieses Ergebnis mit 66,2 Prozent noch überholen. 28 Jahre lang hat Augsburger erst als ehrenamtliche Stadtverordnete und Ausschussvorsitzende, dann hauptberuflich als Erste Stadträtin und schließlich seit 2008 als Bürgermeisterin die Schwalbacher Geschicke mitbestimmt.

SPD will intern eine Kandidaten-Findungskommission einsetzen

Bei der Opposition aus CDU und Grünen werden heute die Sektkorken knallen, da die fest im Sattel sitzende SPD-Frau als Gegenkandidatin plötzlich wegfällt. Wer Christiane Augsburger kennt, kann es nicht für glaubwürdig halten, dass diese engagierte Politikerin ab jetzt die Hände in den Schoß legt und gar nichts mehr öffentlich macht. Auskünfte über ihre Zukunftspläne verweigerte sie gestern jedoch kategorisch.

Sie nennt nur weitere Gründe, die keinen Einfluss auf ihre Entscheidung hatten. „Ich bin nicht schwerkrank“, versichert sie. „Ich habe mich nicht mit meiner SPD zerstritten“, beteuert sie. Auch ihr Mann habe nicht gesagt: „Du bleibst ab jetzt zu Hause!“, ergänzt sie schmunzelnd. Augsburger ist mit Herbert Mai, dem ehemaligen Chef der früheren Gewerkschaft ÖTV und einstigen Fraport-Arbeitsdirektor, verheiratet. Augsburger sagt: „Ich habe kein Angebot für einen neuen Posten.“

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Doch das könnte noch kommen. Denn schon im Herbst 2019 will der hessische SPD-Chef Thorsten Schäfer-Gümbel sich aus der Politik zurückziehen. Nicht zuletzt wird die Schwalbacher SPD-Landtagsabgeordnete Nancy Faeser, eine Vertraute Augsburgers, als aussichtsreiche Nachfolgerin gehandelt. Faeser könnte versierte Leute wie Augsburger in Wiesbaden gebrauchen.

Die SPD in Schwalbach ist seit Montagabend informiert. „Meine Partei ist traurig und bestürzt. Einige wenige Eingeweihte wussten es seit Januar“, sagt Augsburger. Die SPD will nun intern eine Kandidaten-Findungskommission einsetzen. Auch kreisweit ist Augsburgers Schritt für die schwächelnde SPD ein Schock. Nach Gisela Stang in Hofheim fällt ein weiteres Zugpferd weg. Beide Rathäuser könnten für die SPD verloren gehen.

Christiane Augsburger: "Ich bin noch voll da" – will Schwalbacher Bürgermeisterin bleiben

„Mein Schritt fällt mir auch daher schwer. Mein Herz hängt an Schwalbach, wo ich geboren bin und wo meine betagten Eltern und mein Bruder und seine Familie leben“, erzählt Augsburger. „Ich bleibe Schwalbacher Bürgerin und ziehe nicht weg. Vielleicht gründe ich mal eine Bürgerinitiative, etwa für meinen Wunsch eines Schwalbacher Museums, den ich bisher nicht verwirklichen konnte.“

Aber noch schaut sie nicht zurück auf Geleistetes und Versäumtes, sondern nach vorne. Zwei Projekte sind ihr in ihrer 15-monatigen Rest-Amtszeit sehr wichtig. Augsburger: „Ich hoffe, dass ich die Sanierung und Umgestaltung des unteren Marktplatzes noch im Amt erlebe. Die Zeichen dafür stehen gut. Ein finanzielles und planerisches Mammutprojekt für Schwalbach wird die Umsiedlung der Feuerwehr von der Hauptstraße auf das dann erweiterte Bauhof-Gelände in der Berliner Straße sein. Der Feuerwehr-Neubau wird mit einer Neustrukturierung des Bauhofes verbunden. Hier möchte ich noch soviel Vorarbeit leisten wie möglich, denn das dauert noch Jahre“.

Der Presse, vor der sie am Mittwochmittag über ihre Entscheidung berichtet hat, ruft Augsburger noch zu: „Schreiben Sie keinen Nachruf und keinen Abgesang. Ich bin noch voll da.“ 

Kommentar von Andreas Schick: Die große Chance der CDU naht

Schwalbachs führende SPD-Damen produzieren dieser Tage Schlagzeilen. Kaum hatte Hessens SPD-Chef Thorsten Schäfer-Gümbel bekannt gegeben, sich im Herbst 2019 aus der Politik zurückzuziehen, tauchte der Name der Schwalbacher Sozialdemokratin Nancy Faeser in den Medien auf. Denn die 48 Jahre alte Anwältin ist eine heiße Anwärterin auf die Nachfolge von „TSG“. Der erfahrenen Innen- und Justizexpertin ist das Amt zuzutrauen, auch wenn in Nancy Faesers Laufbahn politische Erfolge rar gesät sind, weil sie auf Landesebene lediglich die Oppositionsbank drückte und sich als Kandidatin im heimischen Main-Taunus-Wahlkreis I stets einer CDU-Übermacht gegenübersah. 

Für den politischen Paukenschlag im Main-Taunus-Kreis schlechthin sorgte gestern Nancy Faesers Freundin und Parteikollegin Christiane Augsburger. Schwalbachs Bürgermeisterin erklärte völlig überraschend ihren Rückzug aus der Kommunalpolitik. Damit war nicht zu rechnen, denn Augsburger hatte in den vergangenen Jahren mehrfach beteuert, wie gerne sie Bürgermeisterin sei. Erst 2018 verkündete sie, bei der Bürgermeisterwahl 2020 erneut anzutreten. Die Genossin, die 2008 die Nachfolge des Christdemokraten Roland Seel angetreten hatte, gibt „persönliche Gründe“ für ihren Rückzug an. 

Eine neue Aufgabe, zum Beispiel in der Landespolitik, habe sie nicht im Auge. Aber spielten vielleicht noch andere Faktoren eine Rolle? Schließlich spürt Augsburger bei einigen Großprojekten heftigen Gegenwind – sowohl beim Thema „Neue Plätze für die Kinderbetreuung“ als auch bei der Suche nach einem neuen Standort für die Freiwillige Feuerwehr. Bröckelt Augsburgers Rückhalt in der Bevölkerung? Fakt ist: Bei der Wahl 2020 hat die CDU die Riesenchance, sich das Bürgermeisteramt zurückzuholen. Sie wird sich aber ebenso schwer tun, einen geeigneten Bewerber zu finden wie die SPD. Ein politisches Schwergewicht und eine Lokalpatriotin à la Augsburger ist bei beiden nicht in Sicht.

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