Der Rudolf-Dietz-Weg in Schwalbach ist die einzige Straße, die im MTK nach dem Heimatdichter benannt ist. Sie befindet sich am Bauhof.
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Der Rudolf-Dietz-Weg in Schwalbach ist die einzige Straße, die im MTK nach dem Heimatdichter benannt ist. Sie befindet sich am Bauhof.

Rudolf-Dietz-Weg

Nazi-Andenken? Diskussion über umstrittenen Straßennamen

  • vonDavid Schahinian
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In Schwalbach ist eine Straße nach Rudolf Dietz benannt. Der Historiker Professor Dr. Peter Steinbach regt an, Dietz zu durchleuchten, statt den Namen einfach „zu entsorgen“.

  • Ein umstrittender Straßenname in Schwalbach sorgt für Diskussionen: Der Rudolf-Dietz-Weg.
  • Rudolf Dietz lebte während der Nazi-Zeit in Deutschland, über seine Vergangenheit wird diskutiert.
  • Experte Professor Peter Steinbach bezieht in einem Interview Stellung.

2004 entstand ein Gutachten über die mögliche Nazi-Vergangenheit von Rudolf Dietz, nach dem in Schwalbach eine Straße benannt ist. Die Untersuchung erfolgte mit Blick auf die Rudolf-Dietz-Grundschule in Wiesbaden. Verfasser war Professor Dr. Peter Steinbach (72), heute wissenschaftlicher Leiter der Gedenkstätte Deutscher Widerstand in Berlin. David Schahinian befragte den Historiker und Politikwissenschaftler.

Schwalbach: Wer war Rudolf Dietz?

In Ihrem Gutachten kamen Sie, verkürzt zusammengefasst, zu dem Schluss, dass Rudolf Dietz in der NS-Zeit lediglich ein „Mitläufer“ gewesen sei. Können Sie die wichtigsten Aspekte nennen, an denen Sie diese Einschätzung festmachen?

Ich habe die vergangene Diskussion und auch meine Empfehlung in guter Erinnerung. Mir kam es auf drei Aspekte an: Zum einen sollten Eltern, Schule und Ortsteilgemeinde selbst entscheiden, wie sie in der Frage der Umbenennung verfahren. Misslich ist immer der Versuch, durch Namensänderungen den Eindruck zu erwecken, man „säubere“ die Vergangenheit, indem man die Nach-Geschichte verdrängt. Dietz war ein typischer Vertreter seiner Zeit, sowohl im Kaiserreich, als es gegenüber der „Zentrumspartei“ reserviert war, als auch in der Weimarer Republik - weil er republikdistanziert war - und in der NS-Zeit, als Dietz den herrschenden Vorstellungen folgte. Er war ein Angepasster und deshalb auch ein Mitläufer - immer angepasst an Zeitströmungen.

Sie sprachen sich gegen eine Umbenennung aus. Welchen Weg schlugen Sie vor?

In der kritischen Reflexion über diese Anpassung sah ich die Chance der Debatte. Denn wie anders lässt sich illustrieren, wohin die Konzessionen an verbreitete Vorstellungen, an den Geist der Zeiten, folgt? Deshalb habe ich empfohlen, sich mit dem Leben und Wirken von Rudolf Dietz auseinanderzusetzen. Das wäre mit der Entsorgung seines Namens abgeschnitten gewesen.

Politikwissenschaftler und Historiker: Peter Steinbach

Und der dritte Aspekt?

Ich habe überdies empfohlen zu reflektieren, weshalb man sich viele Jahre nichts dabei dachte, eine Schule nach diesem Heimatlyriker zu benennen. Das führt dann in die 50er und 60er Jahre. Ich fand die damalige Debatte unter dem Gesichtspunkt der Aufklärung und der Selbstaufklärung verfehlt und erstaunlich autoritär, geradezu konventionell. Diese Konventionalität hat sich immer weiter verstärkt.

Rudolf-Dietz-Weg in Schwalbach: Wie umgehen mit der Vergangenheit?

Wie könnte denn die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit Ihrer Meinung nach erfolgreicher gelingen?

Wir müssen über die Nachwirkungen von Kolonialismus, Antisemitismus, Rassismus, Fremdenfeindlichkeit und sozialer Arroganz diskutieren. Wir müssen uns klarmachen, inwieweit wir selbst geprägt sind durch derartige Denkmuster. Stattdessen glaubten die damaligen Schul- und Bildungspolitiker, sich über die Bedenken der Lehrer und der Direktorin und der Elternschaft hinwegsetzen und verfügen zu können. Das fand ich aus diskursiven Gründen völlig verfehlt.

Diese Entwicklung scheint sich bis heute fortzusetzen.

Die damaligen Tendenzen haben sich verstärkt. Breite Bewegungen, die Umbenennungen durchsetzen wollen, tilgen Belastungen unserer Geschichte und unserer Gesellschaft mit den Namen von Straßen und Gebäuden aus dem Blick - und langfristig aus dem Bewusstsein. Sollte man das wirklich geschichtsbewusst nennen? Sehen wir darin einen verantwortlichen Umgang mit einer Vergangenheit, die belastet, die wir nicht aus der Welt schaffen können und an der wir uns abarbeiten müssen, auch durch ihre Anstößigkeit?

Es geht in solchen Diskussionen ja nicht nur um Dietz, sondern auch um Bismarck, Hindenburg und viele andere mehr.

Ich bin für eine strikte Historisierung, hätte kein Lenin-Denkmal abgeräumt, keine Pieck-Straße umbenannt, keinen Thälmann-Namen getilgt. Stattdessen hätte ich versucht, die Umstände zu erforschen, die diese Namen und Schicksale und Benennungen erklären. Das schließt den Kampf um Deutungshoheit aus, denn Geschichte können Sie nur diskursiv klären, nicht aber geschichtspolitisch durchsetzen.

Haben Sie die weiteren Entwicklungen in Wiesbaden-Naurod nach Ihrem Gutachten verfolgt?

Natürlich. Der Streit um die Dietz-Schule gehört einer Vergangenheit an, die inzwischen bestens am Beispiel von Wiesbaden aufgeklärt worden ist, und zwar durch eine wunderbare Dissertation eines mit den örtlichen Verhältnissen vertrauten Geschichtslehrers. Ich selbst bin dankbar für die Erfahrungen, die ich in der Dietz-Debatte machen konnte, und habe umso mehr Fritz Bauer und Adorno schätzen gelernt, die sich nicht beirren ließen und an die Selbstaufklärung der Gesellschaft glaubten. Dazu gehört Diskurswillen und Diskursfähigkeit. Es war vor allem die Direktorin der Schule, die mir zeigte: Dies ist möglich, dies ist gewollt. Man muss die Menschen immer mitnehmen, sie aber nicht von oben herab belehren oder stigmatisieren.

Heimatdichter Rudolf Dietz lebte von 1863 bis 1942. Die in Wiesbaden-Naurod nach ihm benannte Schule soll nun doch umbenannt werden.

Wie beurteilen Sie die Diskussion in Wiesbaden rückblickend?

Der Streit damals war irgendwie deprimierend und erfolglos. Aber es war nicht die schärfste Kontroverse, die man als Historiker zu führen hatte. Kontroversen um den Widerstand waren viel heftiger. Wenn ich meine Erfahrungen als Leiter der Gedenkstätte Deutscher Widerstand mit den Wiesbadener Auseinandersetzungen vergleiche, dann kann ich nur sagen: Durch Historisierung des Widerstands sind wir damals weitergekommen.

Umstrittener Straßenname in Schwalbach: Auseinandersetzung ist wichtig

Die Frage nach einer möglichen Umbenennung des Rudolf-Dietz-Weges in Schwalbach ist also nicht einfach mit „Ja“ oder „Nein“ zu beantworten?

Heute könnte und würde und sollte man keine Schule und keinen Weg nach Dietz nennen. Das Problem ist: Man hat es einmal gemacht, und was war, ist eben. Insofern verstehe ich jeden Widerwillen, jeden Protest. Aber ob es zu empfehlen ist, zu oktroyieren und einfach umzubenennen? Ganz abgesehen davon, dass es eine Chance bleibt, Anstößigkeit nutzen zu wollen für eine Auseinandersetzung mit der deutschen Geschichte, gerade in ihren zivilisatorischen Tiefen. Blind festzuhalten an einem Namen ist ebenso problematisch, wie ihn schlicht zu verleugnen durch Abschaffung im Straßenbild. Wichtig bleibt die Auseinandersetzung, die Infragestellung, der Widerspruch - als Herausforderung.

Hinweis

Der Kreisblatt-Reporter David Schahinian und Professor Peter Steinbach tauschten sich per Mail aus.

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