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Der grüne Rucksack begleitet Heike Bielek ständig.

Tausche Karriere gegen Spiritualität

Die Schwalbacher Nomadin

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Die Schwalbacherin Heike Bielek ist seit drei Jahren auf Weltreise. Für ihren großen Traum hat sie eine vielversprechende Karriere in der Wissenschaft aufgegeben – und den mutigen Schritt keine Sekunde lang bereut.

Langsam läuft Heike Bielek mit ihrem schwer beladenen grünen Rucksack durch die ruhige Wohnsiedlung. Nach Hause kommen ist für die 34-Jährige fast wie eine Zeitreise. „Hier ist alles immer noch wie früher“, stellt sie fest und klingt verwundert. Die Eltern leben noch im gleichen Reihenhaus, viele Freunde haben mittlerweile geheiratet und Familien gegründet, viele sind im Raum Frankfurt geblieben.

Nur in ihrem eigenen Leben gibt es kaum Gewohnheit, kaum Alltagstrott. Denn die promovierte Naturwissenschaftlerin ist seit drei Jahren auf Weltreise – hauptberuflich. Zweimal im Jahr versucht sie, nach Schwalbach zu kommen, um ihre Familie zu sehen. Die kurzen Stationen daheim begreift sie als Urlaub, bevor sie sich auf den Weg ins nächste Abenteuer macht. Gerade hat sie sechs Monate im indischen Goa gelebt, als nächstes will sie nach England, im Winter erneut nach Asien. „Ich glaube, mittlerweile sind meine Eltern schon stolz auf mich“, sagt sie. „Aber am Anfang waren sie gar nicht einverstanden.“

Dass Heike Bielek einmal als Nomadin durch die Welt ziehen und sich mit Gelegenheitsjobs über Wasser halten würde, damit rechnet in ihrem Umfeld wohl niemand, als sie 2002 ihr Abi an der Albert-Einstein-Schule macht. Sie ist ambitioniert, interessiert sich für Naturwissenschaften und Kunst, tanzt leidenschaftlich gern Jazz, Modern und Salsa. Bis sie 19 ist, ist sie in der Garde der Eschborner Käwwern.

Heike studiert Biotechnologie in Darmstadt, macht 2012 ihren Doktor an der Uni Freiburg, schreibt nebenher für ein Unimagazin und organisiert Kunstpartys mit zwei Laborkollegen. „Anschließend wollte ich ins Produktmanagement, da gab es diesen tollen Job in Basel“, erinnert sie sich. Sie wird eingeladen, durchläuft ein Auswahlverfahren – doch sie bekommt den Job nicht. Stattdessen wird sie Pharmareferentin und plant langfristig den Wechsel in die Management-Ebene. Obwohl es gut läuft, spürt sie, dass sie nicht zufrieden ist. „Ich fühlte mich wie leergefegt und habe das große Ganze nicht mehr gesehen“, sagt sie heute nachdenklich.

Nach einem dreiviertel Jahr hat sie Urlaub und reist Ende 2013 mit dem Rucksack auf die Philippinen, eine dringend benötigte Auszeit. Heike macht einen Kitesurfkurs, bei dem der Surfer von einem Lenkdrachen gezogen wird, und lernt viele Aussteiger kennen. Zu diesem Zeitpunkt weiß sie bereits, dass sie daheim nicht so weitermachen möchte. „Ich habe lange darüber nachgedacht, wie ich es schaffen könnte, zu reisen und unterwegs Geld zu verdienen“, erzählt sie.

Die Schwalbacherin beschließt, eine Lizenz als Kite-Lehrerin zu machen, legt im darauffolgenden Sommer die Prüfung in der Schweiz ab. 2014 absolviert sie in Indien außerdem eine Ausbildung zur Yoga-Lehrerin und informiert sich bei einer Konferenz für digitale Nomaden in Berlin, wie sie mit einem Reiseblog nebenher etwas Geld verdienen könnte.

All dies kann sie auf ihren ersten Job unterwegs jedoch nicht vorbereiten: In Australien heuert sie als Köchin und Hilfskraft auf einem Krabbenkutter an – dabei kann sie überhaupt nicht kochen. „Aber ich habe mir ein paar Rezepte aus dem Internet ausgedruckt und losgelegt“, sagt sie. Die drei Monate auf See werden zur härtesten Erfahrung ihres Lebens. Sie ist die einzige Frau im Team, die Arbeit ist hart und der Ton rau, manchmal bekommt sie nur ein oder zwei Stunden Schlaf pro Nacht. Heike zieht sich in sich selbst zurück und entdeckt auf dem Schiff ihre Spiritualität. Sie meditiert, während sie auf den schwankenden Horizont blickt und stumpf vor sich hin arbeitet.

Nach drei Monaten Kutter hat sie genug Geld verdient, um sich einige Zeit lang über Wasser zu halten. Sie reist nach Malaysia und Indonesien, in Griechenland jobbt sie als Yoga- und Kite-Lehrerin, in Indien als Kamerafrau. Unterwegs lernt sie den Londoner Colin Power kennen. Er wird ihr Gefährte und Businesspartner: Gemeinsam beschäftigen sich die Aussteiger mit heiliger Geometrie und spiritueller Mathematik, schreiben ein Buch und zeigen Interessierten in Workshops, wie die Erkenntnisse angewendet werden können, um die Welt und das Universum zu verstehen. Für Heike eine gute Möglichkeit, ihr Interesse für Wissenschaft, Kunst und Spiritualität zu vereinen. „Viele naturwissenschaftliche Modelle widersprechen einander – doch die Geometrie wiederholt sich in allem“, erklärt sie. Beide sind mit ihren Workshops den Sommer und Herbst hindurch bei zahlreichen Festivals in England gebucht, im Winter geht es dann zurück nach Goa.

Es ist ein freies Leben, und oft auch ein hartes. „In Freiburg habe ich in einer WG gewohnt, auf 100 Quadratmetern, und hatte einen Firmenwagen“, sagt sie. „So viel Platz für mich allein.“ Ein Luxus, der ihr heute unvorstellbar erscheint. Doch zurückzugehen in eine bürgerliche Existenz kommt für die Nomadin nicht in Frage. „Ich glaube nicht daran, dass wir auf der Welt sind, um zu arbeiten, Kinder zu kriegen und zu sterben“, sagt sie. „Wir sind hier, um zu erkennen, wer wir sind, woher wir kommen und wohin wir gehen.“ Irgendwann hätte sie gerne je eine feste Basis in Indien und Indonesien – Orte, an die sie zurückkehren kann, ohne immer wieder von vorne anfangen zu müssen. Bis es soweit ist, will sie mit Colin gemeinsam weiter reisen. „Südamerika wird eins der nächsten Ziele sein.“

Weitere Infos über Heike Bielek gibt es auf und auf ihrem Reiseblog .

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