Architektur

Siedlung mit "Bananen-Häusern"

Bewohner leben gern in Schwalbach: Eine Kulturwissenschaftlerin räumt mit dem "eher schlechten Image der Limesstadt" auf.

Schwalbach -Aus der Vogelperspektive oder auf dem Stadtplan ist es gut zu erkennen. Die Form der Limesstadt ist einem Blatt mit einem Stiel und den davon abzweigenden Blattadern nachempfunden. Der Architekt und Stadtplaner Hans Bernhard Reichow hat die Großsiedlung als lebendigen Organismus und künstlerische Einheit konzipiert. Nichts ist zufällig, alles aufeinander bezogen. Die "Organische Stadtlandschaft", die Reichow kreierte, ist ein Gesamtkonzept. Er vernetzt Wohnhäuser, Kitas, Schulen und Kirchengemeinden sowie eine durchdachte Verkehrsführung mit Natur in Form von Grünanlagen und umgebender Landschaft. Es handelt sich nicht um eine wahllose Ansammlung von Häusern und Straßen.

Für die städtebauliche Philosophie Reichows wollte die Kulturwissenschaftlerin Petra Schwerdtner vom Veranstalter "Kunstkontakt" die Wahrnehmung schärfen. Sie führte unter dem Titel "Ungeliebte Moderne? Die Limesstadt" durch den neueren Teil Schwalbachs, der ab den 1960er Jahren erbaut wurde und ein kleines Dorf in die Dimensionen einer Stadt katapultierte. Die Führung war ein Programmpunkt der Veranstaltungsreihe "Tage der Industriekultur Rhein-Main".

Viel Grün ist ins Konzept integriert

Zu betonen ist: Nur die Wohnsiedlung geht auf Reichows Entwurf zurück, der sich in einem städtebaulichen Wettbewerb 1959, den Stadt, Land und die Nassauische Heimstätte auslobten, gegen andere namhafte Konkurrenten durchsetzte. Das Einkaufszentrum und das Hochhaus "Bunter Riese" am Marktplatz und der Komplex des Rat- und Bürgerhauses tragen nicht Reichows Handschrift. Sie kamen später mit dem Bau der S-Bahnstation hinzu, wofür ein gesonderter Wettbewerb ausgeschrieben wurde. "Reichow saß allerdings auch hier mit in der Jury", berichtete Schwerdtner ihren wenigen Zuhörern.

Ein zentrales Ziel für die Limesstadt war es, "eine natürliche soziale Durchmischung zu schaffen". Reichow löste dies, "indem er unterschiedliche Wohngebäude-Typen von Einfamilienhäusern und Bungalows, über mehrgeschossige Mehrfamilienhäuser bis hin zu kleinen Hochhäusern in der Siedlung kombinierte", erläuterte Schwerdtner. "Die Hochhäuser werden aufgrund ihrer Architektur Bananen-Häuser genannt", sagte sie. Das verblüffte insbesondere die alteingesessenen Schwalbacher in der Gruppe. "Diesen Begriff habe ich noch nie gehört, und er ist in der Bevölkerung auch nicht gebräuchlich", sagte eine Teilnehmerin.

Ob "Bananen-Haus" oder nicht, die Hochhäuser, die wenig auffällig verteilt wurden, sind ein Beispiel dafür, dass Reichow "Licht, Luft und Sonne" für alle Bewohner wollte, wie die Stadtführerin betonte. Die Wohnungen sind nach Südwesten ausgerichtet und haben mit den versetzen Balkonen ein ungestörtes "Grünes Wohnzimmer", sagte sie. Wie grün die Limesstadt ist, zeigt sich entlang des Mittelwegs, der die zentrale Blatt-Rippe des Reichow-Grundrisses ist. Der Weg ist für Fußgänger und Radfahrer reserviert. Den Autoverkehr hat Reichow in den umgebenden Ost- und Westring und in die Stichstraßen für Anwohner abgeleitet - die Trennung der Verkehrsströme gehört zum Konzept.

Die bisher am Mittelweg platzierte Bronzeskulptur "Traum" der Künstlerin Wanda Pratschke wurde kürzlich in die Eichendorffanlage versetzt. "Das ist eine Nacht- und Nebelaktion", empörte sich eine Teilnehmerin. "Angeblich wurde die Skulptur am wohl meist genutzten Weg Schwalbachs nicht gewürdigt. Selbst wenn das so wäre, hätte ein neuer Standort in der Limesstadt und nicht in der Altstadt gewählt werden müssen." Die kleine Zuhörerschar war durchgängig kenntnisreicher als Schwerdtner, was die Limesstadt und Schwalbach angeht, wenngleich die Referentin ein gutes Gesamtbild der Thematik - eingebettet in ähnliche Siedlungen der Region - vermittelte. Sie nannte die Friedrich-Ebert-Schule mehrfach Ernst-Reuter-Schule, die es in Schwalbach nicht gibt. Sie entschuldigte sich damit, dass sie Führungen in vielen Städten mache. Der Unmut kann ihr jedoch nicht entgangen sein, schließlich kostete die Teilnahme zwölf Euro pro Kopf.

Mit Recht hob Schwerdtner aber eines hervor: "Das eher schlechte Außen-Image der Limesstadt steht im Gegensatz zur Einschätzung der Bewohner, die im Großen und Ganzen sehr gut und gerne hier leben." ku

Entlang des Mittelweges zeigt sich, wie grün die Limesstadt ist. Er durchzieht die Siedlung.

Rubriklistenbild: © Schöffel

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare