Richard David Precht setzte sich bei Procter & Gamble lebhaft mit Zukunftsfragen auseinander.
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Richard David Precht setzte sich bei Procter & Gamble lebhaft mit Zukunftsfragen auseinander.

Vierte Industrielle Revolution

So sieht Philosoph Richard David Precht unsere Zukunft

  • VonDavid Schahinian
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Philosoph Richard David Precht war bei Procter & Gamble in Schwalbach, um über europäische Zukunftsvisionen zu sprechen. Der Denker erwartet "gigantische Veränderungen."

Sperrig, farblos, manchmal auch leidig – selbst bei seinem Haussender ZDF heiße es manchmal, dass das Thema Europa nicht zieht. Und dann auch noch die finstere Drohung, dass ein Philosoph darüber reden wird. Doch Richard David Precht brach das Eis mit dem launigen Einstieg bei den Schwalbacher Gesprächen von Procter & Gamble früh. Seit 1994 lädt das Unternehmen gesellschaftliche Meinungsführer und Bürger der Stadt zu Diskussionsrunden ein. Von wegen sperrig, farblos und leidig. Kurzweilig, inspirierend und eloquent skizzierte Precht seine Zukunftsvision Europas.

Vierte Industrielle Revolution

„Es stehen gigantische Veränderungen an, die wir massiv unterschätzen“, mahnte er. Ein Grund, warum ihm die mittlerweile gängigen „4.0“-Bezeichnungen wie Industrie 4.0 nicht gefallen. Sie suggerierten, dass die Vierte Industrielle Revolution wie die Dritte und die Zweite verlaufe. Die großen Veränderungen aber seien nur mit der Ersten Industriellen Revolution zu vergleichen. Damals kam es zu einer „gewaltigen Verschiebung der Macht“, zu einem ganz neuen Verhältnis von Bürger und Staat. Es entwickelte sich der Ethos einer Arbeits- und Leistungsgesellschaft.

Ersatz für Juristen

Nun könnte wieder eine völlig neue Gesellschaft entstehen. Der Unterschied: Dieses Mal können in großem Umfang Intelligenzleistungen ersetzt werden. Dass die Automatisierung durch Digitalisierung, wie Studien prognostizieren, vor allem Niedriglohnjobs treffen könnte, glaubt Precht nicht. Spargelstecher etwa würden nicht ersetzt, weil sich eine Digitalisierung schlicht nicht lohne. „Aber es ist interessant, Juristen zu ersetzen, weil diese gut bezahlt werden.“ Eine Zukunftsfrage sei, wie flächendeckend sozialversicherungspflichtige Jobs wegfallen werden.

Natürlich werden auch neue Jobs entstehen. Aber ob sie für Menschen entstehen, das stehe nicht fest. Zudem sei der Arbeitsmarkt keine simple Arithmetik: Ein Busfahrer könne nicht ohne Weiteres zu einem IT-Experten umgeschult werden. Denke man diese Szenarien weiter, komme man unweigerlich zu dem Schluss, dass die europäischen Sozialversicherungssysteme massiv umgebaut werden müssen. Er sei „ziemlich sicher“, dass es auf eine Form von Grundeinkommen hinauslaufen werde, so Precht.

Es gibt weitere Faktoren der Digitalisierung. Der stetig und immens steigende Energiebedarf zähle dabei zu jenen, die bisher kaum Beachtung fänden. Bereits heute verbrauche die Herstellung von Kryptowährungen mehr Strom als Dänemark.

Reformen in der Bildung

Die Datensicherheit ist ein weiterer Aspekt. Da sei die Datenschutz-Grundverordnung ein wichtiger Schritt in die richtige Richtung gewesen. „Der Datenhandel kann wirtschaftlich produktiv sein, aber das Marketing mit personenbezogenen Daten ist es nicht.“ Vielmehr sei dieses ein Anschlag auf die Marktwirtschaft, weil es in der Folge zu Monopolbildungen führe.

Mindestens ebenso interessant wie Prechts Ausführungen gestaltete sich die anschließende Fragerunde. Dabei skizzierte Pecht unter anderem, dass das deutsche Bildungssystem dringend reformbedürftig sei. Die Gesellschaft werde künftig keine der Arbeiter und Angestellten mehr sein. Daher müsse die Selbstbefähigung im Mittelpunkt einer Zukunftspädagogik stehen.

Dass das alles – wenn es denn so kommen sollte – große Herausforderungen für Europa sind, weiß auch Precht. Gabriele Hässig, Kommunikationsleitern bei Procter & Gamble, hatte den Gastredner eingangs so zitiert: „Ein Optimist, der scheitert, hat bis dahin ein besseres Leben gehabt als ein Pessimist, der sich bestätigt fühlt.“ Und den Optimismus wollte sich Precht nicht nehmen lassen. Es werde hart, durch die aktuelle industrielle Revolution zu gehen. Aber er sei zuversichtlich, „dass wir in einer Gesellschaft landen, in der unsere Enkel nicht mit uns tauschen wollen“.

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