Landwirt in Hofheim an der Rhein-Main-Therme. Um den Öko-Aktionsplan zu erfüllen, den die schwarz-grüne Landesregierung in ihrem Koalitionsvertrag festgeschrieben hat, müssten bis 2025 im Main-Taunus-Kreis 32 Landwirte ihren Betrieb auf Bio umstellen. Foto: Knapp
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Landwirt in Hofheim an der Rhein-Main-Therme. Um den Öko-Aktionsplan zu erfüllen, den die schwarz-grüne Landesregierung in ihrem Koalitionsvertrag festgeschrieben hat, müssten bis 2025 im Main-Taunus-Kreis 32 Landwirte ihren Betrieb auf Bio umstellen. Foto: Knapp

Landwirtschaft

Der schwierige Weg zu mehr Bio und Regionalität

  • vonMatthias Pieren
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Ist das Projekt "Ökolandbau-Modell" von Hessens Landwirtschaftsministerin Hinz (Grüne) im Main-Taunus-Kreis überhaupt umsetzbar?

Main-Taunus -"Bis 2025 soll der Ökolandbau in Hessen einen Anteil von 25 Prozent an der heimischen Landwirtschaft haben", versprach Landwirtschaftsministerin Priska Hinz (Grüne) jüngst und zauberte sofort einen entsprechenden Aktionsplan aus der Schublade. Das hochgesteckte Ziel ist nicht neu, die Grünen hatten es im Koalitionsvertrag der schwarz-grünen Landesregierung in Wiesbaden verankern lassen. Das Vorhaben ist ambitioniert. In Hessen werden derzeit 15,5 Prozent der landwirtschaftlich genutzten Fläche ökologisch bewirtschaftet - 2013 waren es 10 Prozent.

Ein Blick auf die landwirtschaftlichen Strukturen im Main-Taunus-Kreis verdeutlicht die große Herausforderung: Derzeit gibt es im Landkreis 152 landwirtschaftliche Betriebe im Haupt- und vor allem im Nebenerwerb. "Von den Bauernhöfen im Main-Taunus-Kreis erfüllen sechs die Bio-Kennzeichnungsverordnung der EU", sagt Amtsleiter Nikolaus Bretschneider-Herrmann vom Amt für den ländlichen Raum (ALR). Das heißt, aktuell werden also lediglich vier Prozent aller Bauernhöfe im Main-Taunus-Kreis von Bio-Landwirten betrieben. Um den Öko-Aktionsplan zu erfüllen, müssten bis 2025 also weitere 32 Landwirte ihren Betrieb auf Bio umstellen. Anders ausgedrückt: Von den aktuell 7750 Hektar landwirtschaftlich genutzter Fläche müssten bis 2025 rund 1935 Hektar nach ökologischen Richtlinien bewirtschaftet werden.

Der Main-Taunus-Kreis bildet zusammen mit dem Hochtaunus, dem Landkreis und der Stadt Offenbach sowie der Stadt Frankfurt die "Ökolandbau-Modellregion Rhein-Main". Schon immer hat das Landwirtschaftsamt im Landratsamt in Bad Homburg alle Landwirte in den drei Landkreisen und den beiden Städten betreut. Es ist aber einleuchtend, dass das ALR wegen der bestehenden landwirtschaftlichen Strukturen nun aber nicht einfach den Schalter auf "Bio" umlegen kann. "Jeder Hof hat eine eigene Geschichte", sagt der 63-Jährige, der in einem familiär landwirtschaftlich geprägten Umfeld aufgewachsen ist.

Die Mitarbeiter im Amt von Bretschneider-Herrmann zeigen immer schon ratsuchenden Landwirten Alternativen in der Hofführung auf und skizzieren Vor- und Nachteile der unterschiedlichen Betriebsformen. Die grundlegenden Entscheidungen muss aber jede Landwirtsfamilie selber treffen. "Die Umstellung auf Bio ist ein langfristiger Prozess, der nicht einmal eben so ohne weiteres erfolgen kann", sagt Bretschneider-Herrmann und fügt hinzu: "Als zuständige Stelle haben wir immer schon das Bestreben, die Landwirtschaft insgesamt auf dem Weg hin zu mehr Nachhaltigkeit, Transparenz, Regionalität und Ökologie zu unterstützen."

Bei einer Bio-Umstellung müssen die Landwirte allerdings alle Produktionsstandards und Kennziffern der EU-Kennzeichnungsverordnung erfüllen. Diese müssen auch kontrollierbar sein, was ein großer Aufwand ist. Darüber hinaus können sich Bauern zusätzlich einem der großen Bio-Anbauverbände anschließen. Für deren zusätzliche Qualitätssiegel gelten nochmals andere strengere Richtlinien, die ebenfalls erfüllt werden müssen. "Alleine die Umstellungsphase dauert drei Jahre", sagt der Agrarwissenschaftler. "In den ersten zwei Jahren wird zwar schon Bio produziert. Die landwirtschaftlichen Erzeugnisse dürfen aber noch nicht mit einem Bio-Siegel versehen sein. Im dritten Jahr wird das Siegel verliehen und streng überprüft."

Die in der Öffentlichkeit weit verbreitete Grundannahme, nach der "Bio = gut, konventionelle Landwirtschaft = schlecht" ist, greife viel zu kurz und entspreche nicht der Realität. Alle heimischen Landwirte müssen, egal ob sie ihre Höfe konventionell oder biologisch-dynamisch bewirtschaften, beim Landwirtschaftsamt sämtliche Anträge für Förderungen aus EU-, Bundes- und Landesmitteln stellen.

Alle Landwirte pflegen und bewirtschaften zudem die Kulturlandschaft in der Region. Das ALR will nun im Rahmen der "Ökolandbau-Modellregion Rhein-Main" mit verschiedenen Projekten den Weg hin zu mehr Nachhaltigkeit, Transparenz, Regionalität und Ökologie in der Landwirtschaft öffnen. Matthias Pieren

Info:

Die Öko-Modellregion Rhein-Main

Alle hessischen Landkreise und Städte bilden insgesamt 18 Ökolandbau-Modellregionen. Mit verschiedenen Projekten will auch die "Ökolandbau-Modellregion Rhein-Main" die heimische Landwirtschaft stärken, das Wohl der Tiere achten, die regionale Vermarktung stärken und die Umstellung auf Bio-Landwirtschaft voranbringen. Das Beispiel der Viehzucht zeigt, welche Herausforderung damit verbunden ist. Im gesamten Rhein-Main-Gebiet schlachten nur noch ganz wenige Metzger selber. Der Großteil des in Metzgereien angebotenen Fleisches kommt von einem der vier marktbeherrschenden Schlacht- und Fleischkonzerne. Die heimischen Züchter lassen ihre Tiere in die nächsten Groß-Schlachtereien in Kassel, in Mannheim oder im Odenwald transportieren und dort schlachten. Selbst Bio-Mastvieh aus dem Hochtaunuskreis wird in Nordrhein-Westfalen geschlachtet. Das Diktat der Wirtschaftlichkeit zwingt dazu.

Im Rahmen der "Ökolandbau-Modellregion" sollen Alternativen geschaffen werden. "Wir möchten den regionalen Schlachtviehsektor und die Vermarktungsstruktur für regionales Fleisch wieder neu aufbauen", sagt Ann-Kathrin Gram vom Amt für den ländlichen Raum. "Dabei sollen längere Transportwege künftig vermieden und hofnahe Schlachtungen wieder möglich sein." Das Amt hat tierhaltende Betriebe, Metzgereien und Schlachtbetriebe angeschrieben und will mit einem Fragebogen ermitteln, wie die aktuellen Strukturen aussehen, was die Betriebe wollen und was sie für möglich halten. Ziel sei es, für die Viehzucht in der Region wieder eine regionale Verwertungs- und Wertschöpfungskette aufzubauen.

"Wir wollen alle Beteiligten dabei unterstützen, das vorhandene Potential wiederzubeleben und zu reaktivieren. Dabei richten wir uns an konventionell wirtschaftende Landwirte, genauso wie an Bio-Betriebe. Kein Betrieb soll ausgeschlossen werden", sagt Gram. Für alle Bereiche solle eine transparente, nachhaltige und regionale Wirtschafts- und Vermarktungsstruktur möglich sein. Weil alle Landwirte voneinander lernen können, will das Amt einen Erfahrungsaustausch aller Landwirte etablieren. Alternativen für den Verkauf regional erzeugter landwirtschaftlicher Produkte in Hofläden oder direkt ab Erzeuger können im Internet abgerufen werden unter www.landpartie.de. map

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