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Daumen hoch fürs Fahren im Alter. Doch immer wieder wird darüber diskutiert, ob Senioren im Straßenverkehr ein größeres Problem darstellen als zum Beispiel junge Fahrer.

Ältere Menschen verursachen zunehmend mehr Unfälle

Straßenverkehr: Pflichttests für Senioren am Steuer?

Donnerstag, 17. September 2015, 8.40 Uhr: Ein Mann fährt auf der Kreisstraße 785 von Diedenbergen Richtung Gewerbegebiet Wallau. Plötzlich verliert er die Kontrolle über sein Fahrzeug, gerät in den Gegenverkehr und kracht in einen entgegenkommenden Lkw. Er stirbt noch an der Unfallstelle. Wie die Polizei später bekanntgibt, hat er offenbar während der Fahrt einen Herzinfarkt erlitten. Hinter dem Eintrag in der Verkehrsunfallstatistik der Polizeidirektion Main-Taunus aus dem Jahr 2015 verbirgt sich ein ganz persönliches Schicksal. Dahinter verbirgt sich aber auch einer dieser typischen Fälle, die für die anhaltenden Diskussionen um Pflichttests bei älteren Verkehrsteilnehmern sorgen.

Ältere Menschen zählen zu den schwächeren Verkehrsteilnehmern und verursachen immer mehr Unfälle, heißt es. Ein Vorurteil? Ja und nein. Tatsache ist, dass die Zahl der an Verkehrsunfällen beteiligten und dabei geschädigten Fahrer über 65 Jahren seit fast 20 Jahren kontinuierlich steigt. Tatsache ist aber auch, dass immer mehr ältere Menschen, die noch dazu immer mobiler werden, notgedrungen für steigende Unfallzahlen sorgen.

Natürlich auch im Main-Taunus-Kreis, wo die Gruppe der Menschen im Alter von 65 Jahren und älter im Jahr 2015 mit 23,35 Prozent am Unfallaufkommen beteiligt war. „Auf den ersten Blick nur ein leichter Anstieg, doch die Verkehrsunfallentwicklung der vergangenen Jahre im Kreis weist einen deutlichen Anstieg der durch Senioren verursachten Sachschadensunfälle auf. Seit 2010 hat sich die Zahl mehr als verdoppelt“, weiß Polizeidirektor a.D. Jürgen Moog.

Er arbeitet im Präventionsrat des Main-Taunus-Kreises mit, der die Arbeit der einzelnen Präventionsräte in den zwölf Städten und Gemeinden des Kreises koordiniert, und beschäftigt sich intensiv mit dem Thema „Senioren im Verkehr“. Das sei „eines von vier Schwerpunktthemen“, unterstreicht der ehemalige Leiter der Polizeidirektion Main-Taunus in Hofheim: „Den Senioren kommt aufgrund der demographischen Entwicklung – 2050 wird ein Drittel der Menschen in Deutschland über 65 Jahre alt sein – ein besonderes Augenmerk zu.“

Ein aktueller Fall: Jonathan Herbst (60) steht mitten im Leben. Familie, Beruf, Freizeit – alles 100 Prozent. Und doch hat er vor wenigen Tagen beim Ausparken im Parkhaus eine Säule mitgenommen. Auf der Fahrerseite. Direkt neben ihm. Und auch noch recht zügig. Seine Erklärung für den teuren Blechschaden? „Ich bin neben der Säule eingestiegen und habe sie in dem Moment vergessen. Ich war wohl irgendwo anders . . .“

Ein Indiz dafür, dass Herbst besser seinen Führerschein abgeben sollte? „Nein. Da wurden einfach die Informationen nicht miteinander verknüpft. Viele, auch Jüngere kennen das, wenn sie eine bekannte Strecke fahren und anschließend nichts mehr davon wissen – das hat mit dem Alter nichts zu tun“, weiß Petra Wagner, Chefärztin der Geriatrischen Klinik der Kliniken des Main-Taunus-Kreises.

Die 48-Jährige bricht ohnehin eine Lanze für die Älteren: „Sie verhalten sich im Verkehr nicht so schlecht, wie man immer denkt. Im Gegenteil: Die Experten sind sich einig, dass eine jährliche Überprüfung nichts bringt und es vielmehr darum gehen sollte, auf der einen Seite die Infrastruktur im Verkehrsraum zu verbessern und bei den Kraftfahrzeugen alle technischen Möglichkeiten auszuschöpfen.“

Die kategorische Einführung verpflichtender Fahrtüchtigkeitstests, wie sie in den nordischen Ländern oder in Japan seit Jahren obligatorisch sind, hält Verkehrsexperte Moog ebenfalls nicht für die Ultima Ratio, die letztmögliche Lösung. Auch, weil nur eine massive Überwachung erfolgversprechend wäre. Kontrollmaßnahmen würden – wie bei der Risikogruppe „Junge Fahrer“ – nicht greifen, da das „Senioren-Problem“ nicht das Rasen oder das Fahren unter Alkohol- oder Drogeneinfluss sei. Vielmehr müsse auf altersgemäß auftretende Defizite eingegangen werden.

Moog setzt lieber auf Eigenverantwortung und erhöhte Aufmerksamkeit im Umfeld. „Die Frage muss sein, wie wir es schaffen, ältere Menschen so lange wie möglich sicher am Verkehr teilhaben zu lassen. Wobei bei gravierenden gesundheitlichen Problemen die Behörden, die Familie, Freunde oder Nachbarn aktiv werden müssen“, spricht er Petra Wagner aus der Seele.

Die Internistin und Geriaterin weiß, dass die Teilnahme am Verkehr „ab etwa 75 bis 80“ kritisch werden kann, weil „der Abbau des Körpers zu vielen unterschiedlichen Krankheitssymptomen und parallel dazu zu einem vermehrten Medikamentengebrauch führen kann“. Wagner: „Die Prozesse laufen langsamer, man kann sich schwerer auf veränderte Situationen einstellen und ist – Beispiel Halswirbelsäule – schlichtweg nicht mehr so beweglich.

Ganz abgesehen davon, dass allein schon die Tatsache, dass weniger gefahren werde, das Unfallrisiko erhöhe, nennt sie einen weiteren Aspekt aus der Unfallforschung: „Auf der Straße begegnen sich Alt und Jung, und damit treffen zwei unterschiedliche Fahrverhalten aufeinander. Unfallursachen bei den jungen Fahrern sind Alkohol oder Drogen, überhöhte Geschwindigkeit, zu geringer Abstand und hohe Risikobereitschaft. Bei den Alten sind es Linksabbiegen, Vorfahrt-Missachtungen und immer wieder Zeitdruck.“

Und was beeinflusst das Verhalten im Verkehr mit steigendem Alter? „Mehr oder weniger sieben Punkte: Sehfähigkeit, Aufmerksamkeit und Konzentration, motorische Fähigkeiten, Auffassungsgeschwindigkeit, Belastbarkeit, Orientierung und Reaktionsgeschwindigkeit“ zählt Petra Wagner auf. Sie hat auch entsprechende Tipps parat:

Und wenn es trotzdem dem Beifahrer immer mulmiger zumute wird? „Auch wenn eine Pauschal-Verurteilung der Älteren nicht in Ordnung ist, sollten die Familie und das Umfeld schon genau hinsehen und im Zweifel aktiv werden“, rät die Medizinerin: „Der erste Schritt ist immer, sich selbst oder mit Hilfe eines Vertrauten sein Verhalten zu testen: Mache ich Bedienungsfehler? Komme ich mit unübersichtlichen Situationen zurecht? Funktionieren Abbiegen, Wenden, Rückwärtsfahren sowie Ein- und Ausfahren noch problemlos? Wenn es Zweifel gibt, ermöglichen ein kognitives Screening-Verfahren, spezielle Leistungstests und praktische Fahrtests darüber Sicherheit zu erlangen, ob man noch fit für den Verkehr ist.“

Ihr Resümee? „Autofahren ist für viele eine Notwendigkeit. Das Thema kann deshalb nur über eine Einzelfall-Betrachtung angegangen werden. Gerade vor dem Hintergrund, dass wir immer älter werden und ganz unterschiedliche Risikofaktoren – von der schlecht eingestellten Diabetes mellitus über die Folge von Schlaganfällen bis zu Demenz – auftreten, gilt es, die Risikopatienten zu finden und zu beraten.“

Eine Zahl aus dem Kreis schlägt Jürgen Moog aber auf den Magen: „Die absolute Zahl der Verkehrsunfälle mit unerlaubtem Entfernen vom Unfallort ist im Kreis mit 44 Prozent mehr als doppelt so hoch wie im Hessendurchschnitt. Und: 42 Prozent der 1670 Fälle werden von über 64-jährigen Menschen – zwei Drittel davon Männer – begangen“, wirft der er einen Blick auf die Statistik: „90 Prozent der Fahrerfluchten finden im ruhenden Verkehr statt. Parkplätze spielen die größte Rolle dabei“, hält er wenig davon, Älteren gegenüber an dieser Stelle ein Auge zuzudrücken. „Fahrerflucht ist schließlich kein Kavaliersdelikt!“

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