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Quer durch das Wochenendgebiet Jungheinzehecken in Wildsachsen verläuft eine Stromtrasse.

Hochspannungsleitung

Strom mit Nebenwirkungen: Anwohner fürchten gesundheitliche Schäden

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Die Energiewende verlangt eine neue Hochspannungsleitung auch quer durch den Main-Taunus-Kreis – sagen die Planer. Die Bewohner der betroffenen Orte fürchten gesundheitliche Schäden.

Das Thema hat die Menschen erreicht, und das ist nicht immer so im frühen Stadium eines Projektes. Mehr als 200 Interessierte waren in die Wiesbadener Autalhalle gekommen, aus verschiedenen Orten, die entlang der geplanten Hochspannungsleitung „Ultranet“ liegen. Im Main-Taunus-Kreis sind vor allem Wildsachsen und Bremthal, aber auch Niederjosbach und Langenhain betroffen. Anlieger aus Eppstein und Niedernhausen haben sich zu einer Bürgerinitiative zusammengeschlossen. Die kündigte zum Abschluss ihrer Informationsveranstaltung in Niedernhausen an, das Projekt notfalls mit einer Klage verhindern zu wollen.

Ultranet wird gebaut, um in Norddeutschland produzierten Solarstrom in den Süden der Republik zu schaffen, so Joëlle Bouillon, Sprecherin der Firma Amprion, die die Leitung bauen und betreiben will. Kritiker sagen, transportiert werden solle wohl auch der Strom aus den niederrheinischen Braunkohlekraftwerken – das schließt sich keineswegs gegenseitig aus. Für die Gleichstromtechnik hat Amprion sich entschieden, weil der Strom so zuverlässiger und mit geringeren Verlusten transportiert werden kann.

Geht es nach Amprion, werden die neuen Leitungen über Masten durch den Taunus gezogen, die bereits existieren. Zu einer bestehenden Wechselstromleitung käme dann eine Gleichstromleitung, jeweils mit einer Spannung von 380 000 Volt. Diese Kombination gäbe es dann erstmals in Deutschland. Und die Anwohner fürchten, dass es unkalkulierbare gesundheitliche Risiken geben könnte.

Joelle Bouillon weist darauf hin, dass die bestehenden Grenzwerte weit unterschritten werden. Die Flussdichte des elektromagnetischen Feldes betrage 12 Mikrotesla, zulässig seien 500 Mikrotesla. Dabei sei dies bei Vollauslastung der Leitung berechnet, die aber kaum vorkomme. „Wir arbeiten zumeist mit 60 bis 70 Prozent“, so Bouillon.

Auf die Grenzwerte wollen sich die Gegner nicht verlassen. Oliver Leuker ist Sprecher des Aktionsbündnisses Ultranet, zu dem sich 16 Bürgerinitiativen entlang der Trasse zusammengeschlossen haben. Er erläutert einen wichtigen technischen Unterschied: Bei einer Wechselstromleitung werden elektrisch geladene Teilchen in der Umgebung der Leitung durch die wechselnde Stromrichtung wieder entladen. Bei einer Gleichstromleitung passiert dies nicht, die Teilchen können über mehrere hundert Meter verweht werden. Finden sie den Weg in die Lunge, kann das gefährlich werden.

Hauptproblem sei, dass es gesicherte Erkenntnisse zu dem Thema nicht gebe, so Leukel. Verdachtsmomente deuten auf gesteigerte Risiken dementieller oder psychischer Erkrankungen hin. Die Rede ist auch von erhöhten Leukämieraten bei Kindern. Richtig erforscht ist das aus Sicht der Kritiker nicht, und die Anwohner wollen auch kein Versuchskaninchen sein.

„Wir wollen das alles vorher geklärt haben“, so Leukel. Dass das Bundesamt für Strahlenschutz ein Paket von Untersuchungen vorbereitet, sehen die Kritiker als Beweis dafür, das es noch Forschungsbedarf gibt. Amprion begrüßt die Untersuchungen nach den Worten von Unternehmenssprecherin Bouillon auch, weil dies für zusätzliche Sicherheit sorge. Auf wenig Verständnis stieß in der Autalhalle, dass die Untersuchungen zurzeit nicht in die Wege geleitet werden, weil die notwendigen 18 Millionen Euro nicht da sind.

Zwei andere Details erregen ebenfalls den Zorn der Anwohner. So vertritt die Bundesnetzagentur den Standpunkt, eine Erdverkabelung sei nach dem Bundesbedarfsplangesetz nicht möglich. Nach Auskunft der Bürgerinitiative, die die Erdverkabelung bevorzugt, liegt ein Rechtsgutachten vor, aus dem sich das Gegenteil ergibt. Amprion erklärt, die neue Leitung solle notfalls auch für Wechselstrom genutzt werden können, dies sei bei der Erdverkabelung aber nicht der Fall.

Zweitens empfiehlt das Bundesamt für Strahlenschutz einen Mindestabstand von Wohngebäuden von 400 Metern. Die Bundesnetzagentur geht davon aus, dass diese Vorgabe nicht, gilt, weil es sich nicht um eine komplett neue Leitung handelt, sondern eine bestehende Trasse genutzt wird. Die Bürgerinitiative sieht darin eine Ungleichbehandlung gegenüber Anwohnern anderer Hochspannungsleitungen. Sie will außerdem prüfen lassen, ob es für die bestehende Leitung durchgehend eine Baugenehmigung gibt – für einen Abschnitt in Wildsachsen wurde dies wiederholt bezweifelt. Fehlt die Baugenehmigung, würde es sich um einen Neubau handeln, damit wäre der Schutzabstand notwendig. Auch dieser Aspekt könnte vor Gericht eine Rolle spielen.

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