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Die spannenden Memoiren eines Ur-Sulzbachers

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Von: Walter Mirwald

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A-Jugend-Hessenmeister 1954! Die jungen Feld-Handballer der TSG Sulzbach nach dem Finalsieg. Vorne links kniet Willi Hartkopf.
A-Jugend-Hessenmeister 1954! Die jungen Feld-Handballer der TSG Sulzbach nach dem Finalsieg. Vorne links kniet Willi Hartkopf. © nn

Willi Hartkopf (86) schreibt über die Nachkriegszeit, einen TSG-Handballtriumph und Geheimnistuerei vor der Mutter.

Sulzbach - Der 86 Jahre alte Pfarrer im Ruhestand Willi Hartkopf blickt auf ein bewegtes Leben zurück. Er wurde in der Christiansmühle in Sulzbach geboren und verbrachte in der Main-Taunus-Gemeinde eine bewegte Kindheit und Jugend. Er musste in dem von den Eltern ab 1948 geführten Gasthaus "Zum Taunus" als Jugendlicher kräftig anpacken, feierte mit der Handball-A-Jugend der TSG die Hessenmeisterschaft, obwohl das Elternhaus den Sport verboten hatte, studierte in Berlin und Göttingen Theologie und war 27 Jahre lang Pfarrer in Westerburg im Westerwald.

Am 3. Januar 2016 hat Hartkopf begonnen, seine "vier Leben" in einem Buch aufzuschreiben. In "Leben 1" schildert er die Zeit von der Geburt in der Christiansmühle und der Kindheit im Haus Hauptstraße 11. Der Teil "Leben 2" befasst sich mit der Zeit in der Hauptstraße 20, der Gaststätte "Zum Taunus", und mit der Schulzeit im Leibniz-Real-Gymnasium in Höchst. Der erste Teil mit "Leben 1" und "Leben 2" bis zur "Halbzeit" ist mit 83 Seiten, bestückt mit vielen historischen Fotos, im DIN A 4-Format mit einer Auflage von 200 Exemplaren erschienen. Die Bücher werden nicht verkauft, sondern an einstige Schulkameraden sowie Verwandte und Freunde verschenkt. In Sulzbach wurde die Lektüre von begeisterten Lesern an andere Interessenten weitergereicht. Denn in der Lebensgeschichte werden vor allen Dingen bei den älteren Sulzbachern Erinnerungen an vergangene Zeiten wach.

Mit dem Aufschreiben von "Leben 3" mit dem Schwerpunkt Studium und Beruf hat Willi Hartkopf begonnen. "Leben 4" mit der Zeit als Pensionär in Willmenrod im Westerwald" soll das Werk beschließen.

Den Bauern beim Schlachten geholfen

Willi Hartkopf wurde 1935 in der außerhalb der Ortschaft und idyllisch im Feld gelegenen Christiansmühle geboren, aus der seine Mutter, Luise Sophie, geborene Christian, stammte. Vater Jakob Hartkopf war gelernter Metzger, die Mutter arbeitete im Großverband der Familie in der Mühle mit. 1936 erwarben die Eltern das Haus Hauptstraße 11, das längst abgerissen ist und dort stand, wo jetzt der Parkplatz für das Rathaus ist. Das Rathaus trägt heute die Hausnummer 11. Willi Hartkopf lebte dort unter einfachsten Verhältnissen mit seinen Eltern und als Zweitältester mit seinen Schwestern Else, Helga und Erna.

Der junge Willi erlebte die schrecklichen Bombennächte der Kriegszeit sowie die von Hunger und Einschränkungen geprägte Nachkriegszeit. Es war ungewöhnlich, dass er als Junge aus ärmlichen Verhältnissen 1946 das Gymnasium in Höchst besuchen durfte.

Willi Hartkopf beschreibt, dass direkt neben dem elterlichen Grundstück, auf dem heute das Rathaus steht und zuvor das Dorfgemeinschaftshaus stand, damals der innerörtliche Turn- und Gymnastikplatz lag, auf dem die Dorfjugend täglich Fußball spielte. "Als ich zwischen 13 und 14 Uhr von der Schule nach Hause kam und die Volksschüler, die dort spielten, unser Hoftor beim schwungvollen Zuschlagen hörten, riefen sie ,Willi, sollen wir dich mitwählen'?" Das war ein Problem. Denn der junge Willi musste Hausaufgaben machen und dem Vater bei Schlachtungen bei den Bauern helfen, wenn der von den Farbwerken nach Hause kam. Zudem hatte der strenge Papa ausdrücklich Sport verboten, und zwar aus Angst, der "Kronprinz" könnte sich verletzen. Willi Hartkopf meisterte aber den Spagat und kickte mit.

Als seine Eltern 1948 das Gasthaus "Zum Taunus" in der Hauptstraße 22 von den Großeltern Heinrich und Margarete Heun übernahmen, änderte sich Willi Hartkopfs Leben vom einen auf den anderen Tag. Neben der Schule musste er im Gasthaus helfen. An der Theke, beim Schlachten, beim Keltern. Der Vater akzeptierte den Schulsport und gab auch klein bei, als Willi 1949 zu den Gründern der TSG-Tischtennisabteilung gehörte: "Wir sind Vereinslokal der TSG, da muss auch einer von uns dabei sein."

Noch schwieriger wurde die Situation, als Willis Vater am 5. April 1952 im Alter von 48 Jahren starb und die Belastung mit der Arbeit im Gaststättenbetrieb immer größer wurde. Dennoch meisterte er den Schulalltag, unternahm mit der Schule Reisen in den Bayerischen Wald, nach Berchtesgaden, ins Kleine Walsertal und nach Norwich in England und wurde schließlich mit der A-Jugend der TSG Sulzbach 1954 in Eschwege Handball-Hessenmeister.

Vom HK-Fotografen lernte er Englisch

Willi Hartkopf erzählt, dass zu dem Entscheidungsspiel auf Bezirksebene, das gegen Grün-Weiß Frankfurt gewonnen wurde, 700 Zuschauer aus Sulzbach nach Sossenheim gepilgert waren. Viele Schlachtenbummler, darunter Bürgermeister Heinrich Kleber und der evangelische Pfarrer Willi Stahl, waren auch in Eschwege dabei, als die von Willi Ewald trainierte Sulzbacher Mannschaft am Samstag, 24. Juli 1954, den TV Hörnsheim im Endspiel mit 15:13 besiegte.

Das Kreisblatt schrieb danach von der triumphalen Rückkehr der jungen Handballer: "Die Straßen vom Bahnhof bis zum Gasthaus ,Zum Taunus', wo der Erfolg ausgiebig gefeiert wurde, war mit Fahnen und Wimpeln in den hessischen Landesfarben geschmückt. Die begeisterte Bevölkerung empfing ihre Handballjugend schon am Bahnhof. Landrat Dr. Wagenbach war am Zug einer der ersten Gratulanten."

Der Kapitän der Mannschaft, Willi Hartkopf, erinnert sich, dass die Meister-Handballer dann vom Spielmannszug der Feuerwehr in die Gaststätte geführt wurden, die von seiner Familie betrieben wurde: "Wir hatten alle einen Riesenhunger, mussten aber erst die Reden über uns ergehen lassen, bevor es Bratwurst mit Kartoffelsalat gab."

Wie der Schwindel aufflog

Willi Hartkopf war der Älteste der Jugend-Meistermannschaft und rückte dann zu den "Großen" auf. Aber auch da gab es wieder Probleme. Weil sich Willi auch am Erwerb des Lebensunterhaltes für die Familie beteiligen musste, rieten ihm die wohlgesinnten Lehrer, auf den doch gefährlichen Handballsport zu verzichten. Das wollte auch seine Mutter.

Willi spielte weiter, brachte aber die Kreisblatt-Berichterstatter dazu, dass sein Name in keinem Bericht erwähnt wurde. Dabei half der langjährige Kreisblatt-Fotograf Fritz Christian aus Bad Soden mit, der nach Beginn des Zweiten Weltkrieges mit einer Expeditionsgruppe aus Brasilien zurückkehrte und nach Kriegsende 1946 Willi Hartkopf und weiteren jungen Sulzbachern Privatstunden in Englisch erteilte. Willi Hartkopf: "Fritz Christian war mit dem Bäcker Christian aus unserer Nachbarschaft verwandt."

Doch die Sache flog auf, als Willi bei Kreismeisterschaften in der Sporthalle der Höchster McNair-Kaserne ein Ball ins Gesicht flog, so dass rasch die Augen zugeschwollen waren. Er schmuggelte sich an seiner Mutter vorbei, die wie immer sonntagnachmittags im Verkaufsraum stand und Wurst verkaufte. Doch dann fragten Fans, die das Spiel gesehen hatten und später Wurst kauften, die Mutter: "Wie geht es denn dem Willi?"

Der Willi stieg in die evangelische Jugendarbeit ein, lernte dabei bei einem Aufenthalt in Altaussee am Dachstein seine spätere Frau Heidi kennen und bereitete sich auf Studium und Beruf vor, worüber er in "Leben 3" und "Leben 4" berichten will.

Willi Hartkopf hält eines seiner Bücher in den Händen. Der ehemalige Pfarrer hat im Januar 2016 damit begonnen, seine Lebenserinnerungen niederzuschreiben.
Willi Hartkopf hält eines seiner Bücher in den Händen. Der ehemalige Pfarrer hat im Januar 2016 damit begonnen, seine Lebenserinnerungen niederzuschreiben. © Mirwald

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