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Größte Tankstelle Deutschlands stand auf Sulzbacher Gemarkung

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Von: Walter Mirwald

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Auto-Engel mitten auf der Kreuzung der heutigen A 66 mit der Königsteiner Straße war als größte Tankstelle Deutschlands eine Attraktion. Wilhelm Engel aus Unterliederbach hat als dynamischer Unternehmer Geschichte geschrieben.

Von 1925 bis zum Ende der 60er Jahre stand die einstmals größte Tankstelle Deutschlands, Auto-Engel, mitten auf der Kreuzung der heutigen Autobahn A 66 Frankfurt-Wiesbaden und der Königsteiner Straße, die von Höchst nach Bad Soden führt. Die Straße von Frankfurt nach Wiesbaden war damals noch zweispurig mit Gegenverkehr, so dass die Fahrzeuge die Kreuzung über einen Kreisverkehr passierten. Wenige Meter entfernt von der Tankstation herrschte reges Leben in einer Raststätte mit Gartenwirtschaft, einer Werkstatt und Aufenthaltsräumen für Fernfahrer auf Sulzbacher Gelände an der Stelle des heutigen Kaufhauses Galeria Kaufhof im Main-Taunus-Zentrum.

Dieses gigantische Unternehmen baute der 1897 im damals noch selbstständigen Unterliederbach geborene Wilhelm Engel auf, der als autobegeisterter ideenreicher Mann Maßstäbe besonderer Art setzte. Die bewegte Geschichte von Auto-Engel, die auch viel mit Sulzbach gemein hat, schilderte der Vorsitzende des Geschichtsvereins „Reichsdorf“, Joachim Siebenhaar, beim ersten Dämmerschoppen im Gewölbekeller des Bürgerzentrums Frankfurter Hof.

Kreisel auf der Autobahn

Heute ist es kaum vorstellbar, dass die vierspurige Autobahn von einem Kreisverkehr unterbrochen ist. Auch die Straße von Höchst nach Bad Soden ist auf alten Fotos nicht mehr wiederzuerkennen. Das war eine zweispurig befahrbare, beschauliche, von Bäumen eingerahmte Chaussee. Die Geschichte von Auto-Engel macht deutlich, wie schnelllebig in den vergangenen Jahrzehnten die Zeit verlief.

Wilhelm Engel, der mit seinen Eltern im Bauernhof seines Großvaters Ludwig Müller an der Hauptstraße 16 (heute Liederbacher Straße 54) lebte, war ein aufgeweckter Junge, der bereits mit zehn Jahren selbstständig ein Pferdefuhrwerk fahren konnte. Der Großvater, der keinen Sohn, sondern zwei Töchter hatte, förderte den Filius, der auf eine höhere Schule kam, den Beruf eines Kaufmanns erlernte und die Militärakademie besuchte.

Junger Taxi-Unternehmer

Nach Abschluss der Militärakademie kaufte sich der damals 23-Jährige sein erstes Auto, einen Dixi. Als Freunde und Nachbarn von ihm gefahren werden sollten, entdeckte Wilhelm Engel schnell, dass mit dem Freundschaftsdienst ein Geschäft zu machen war und gründete 1920 ein Taxiunternehmen. Als Stützpunkt diente der Hof seines Großvaters Ludwig Müller.

Der dynamische Jungunternehmer richtete bald den ersten Taxistand am Höchster Bahnhof ein, vergrößerte seinen Fuhrpark auf sechs Taxen und bekam immer mehr Probleme, die mit Treibstoff zu versorgen – in einer Zeit als es diesen meist nur in Apotheken und Drogerien gab. Um unabhängig zu sein, stellte er eine Benzinfasspumpe auf. Der Treibstoff wurde zunächst von Fässern in die Säule und von dort aus über einen Schlauch in das Taxi oder den mitgebrachten Behälter gepumpt.

Der erste Tankwart in Unterliederbach hieß Eduard Schall, genannt der Schalle-Mobbes. Da der Andrang an der Tankstelle in der Liederbacher Straße immer größer wurde, verlegte Wilhelm Engel seine Tanksäule am 15. Juli 1925 an die Sodener Chaussee. An der Stelle, an der die Abfahrt von der heutigen A 66 nach Höchst führt, besaß Ludwig Müller einige Grundstücke, so dass Wilhelm Engel seine Tankstelle problemlos verlegen konnte.

Joachim Siebenhaar berichtete, dass der Weg von Wiesbaden nach Frankfurt damals noch beschwerlich über enge Straßen über Hattersheim, Sindlingen und Höchst nach Frankfurt führte und die direkte Verbindung zwischen Wiesbaden und Frankfurt, die Elisabethenstraße, in dem Bereich Unterliederbach lediglich eine einfache Landstraße war, die besser für Pferdefuhrwerke als für den Autoverkehr geeignet war. Daher wurde sie zwischen 1929 und 1930 zu einer Umgehungsstraße ausgebaut.

Für den Ausbau der Straße wurde Land benötigt, das im Besitz von Wilhelm Engel war, weil der Großvater dem Lieblingsenkel bereits zu Lebzeiten die Grundstücke überschrieben hatte. Durch geschickte Verhandlungen konnte Engel erreichen, dass im Gegenzug zum Landverkauf gestattet wurde, seine Tanksäulen auf der Kreuzungsmitte aufzustellen. Weil es dann immer wieder zu Unfällen kam, schlug Engel vor, die Kreuzung in einen Kreisverkehr umzubauen. Die Blechhütte, die vorher etwas abseits im Feld stand, wurde in die Mitte des Kreisverkehrs versetzt, wo sie von 1932 bis 1935 stand.

Dann ging alles rasend schnell: Das Benzin zum Betanken der Autos lagerte nicht mehr in Fässern, sondern in unterirdischen Tanks mit einem Fassungsvermögen mit fast 100 000 Litern. An der Benzinstation waren zeitweise bis zu 14 Tankwarte beschäftigt. Wilhelm Engel, der 1926 Hildegard Porst, die Tochter eines Leipziger Drogisten geheiratet hatte (1927 kam Tochter Hannelore zur Welt), trug die Nummer 12.

In den 1930er Jahren war die Tankstelle Ausgangs-, Ziel- und Kontrollpunkt vieler Auto- und Motorradrennen. Nach dem Siegeszug der Nationalsozialisten hielten dort Hakenkreuzfahnen Einzug. 1935 wurde die alte Blechhalle abgerissen, und der Hofheimer Architekt Martin Simon plante ein futuristisches Gebäude in Skelettbauweise mit einem Büro, einem Aufenthaltsraum für die Tankwarte, modernen Toilettenräumen, einem Wartezimmer für Kunden, die Servicedienste wie Ölwechsel oder Autowäsche in Anspruch nahmen, und einer privaten Wohnung und einem Essraum für das Personal im Obergeschoss. Es existierten bereits ADAC und AvD, aber Auto-Engel betreute mit eigenen Fahrzeugen die Strecke Frankfurt – Wiesbaden.

Ausnahmegenehmigung

Der Krieg verhinderte den weiteren Ausbau des Unternehmens. Am 29. August 1939 wurde Wilhelm Engel zur Wehrmacht eingezogen, war in Norwegen, Frankreich, Italien und Frankreich eingesetzt, wurde im November 1944 als Major der Reserve zuckerkrank entlassen und zog zu seiner Familie, die seit 1941 in Bad Soden wohnte.

Engel fand seine Tankstelle unzerstört vor und erhielt aufgrund seiner guten Beziehungen zu den Amerikanern bereits Ende 1945 die Genehmigung zur Wiedereröffnung der Tankstelle, die er zügig ausbaute. In der Zeit von 1945 bis 1948 war den Deutschen nur mit einer Ausnahmegenehmigung erlaubt, Auto zu fahren. Dennoch nahm der Autoverkehr, vor allem durch die Militärfahrzeuge, stetig zu. Der Wunsch der privilegierten Automobilisten, insbesondere der amerikanischen Soldaten, nach Essen, Trinken und musikalischer Unterhaltung konnte auf dem Tankstellengelände nicht erfüllt werden. Der clevere Geschäftsmann Engel errichtete 1946 ein kleines Rasthaus auf der westlichen Seite in Richtung Wiesbaden, das bald um eine Gartenwirtschaft, eine Diesel-Tankstelle für Lastkraftwagen, eine Werkstatt sowie Dusch- und Waschgelegenheiten für Fernfahrer erweitert wurde.

Blumen für die Frauen

Das Wirtschaftswunder blühte. Auto-Engel erhielt vom Deutschen Industrie- und Handelstag das Prädikat „Deutschlands größte Tankstation“. Freundlichkeit und Service wurden groß geschrieben. Jede Frau bekam eine Blume, jeder Mann eine Autoschlüsseltasche, der Begriff der Rosen-Tankstelle war geboren. Die Fahrzeugkolonne des damaligen Bundeskanzlers Konrad Adenauer machte Tankstopp bei Auto-Engel, das Rasthaus wurde ausgebaut und 1950 wieder eröffnet.

Außer dem Rasthaus wurde auch ein Schlachthaus auf Sulzbacher Gelände errichtet. Der Grund: Die Frankfurter Metzger waren schlachthofpflichtig, die Sulzbacher nicht. Da das Gebäude auf Sulzbacher Gemarkung errichtet wurde, bezeichnete Wilhelm Engel das Rasthaus, das auch viele Spaziergänger anlockte, als „Sulzbachs schönste Gaststätte“.

Ein Kalbsschnitzel mit Bratkartoffeln kostete damals 3,50 D-Mark. Ein Brot mit Lachs, Roastbeef, Sardelle oder Tatar gab es für 1,60. Ein Glas Bier mit 0,25 Liter kostete 40 Pfennig.

Nach einer Aufstellung des damaligen Bürgermeisters Heinrich Kleber wurden von der Stadt Frankfurt 20 Prozent der Gewerbesteuer der Großtankstelle Engel an die Gemeinde abgetreten.

Der zuckerkranke Wilhelm Engel übergab 1954 die Geschäftsführung an seinen Schwiegersohn. Als die Autobahn Frankfurt – Wiesbaden ausgebaut werden sollte, war die Tankstelle im Weg. Wilhelm Engel war nicht zu einem Verkauf bereit. Es folgte ein langer und zermürbender Rechtsstreit, der über eine Million D-Mark an Gerichtskosten verschlang. Da keine gütliche Einigung zwischen der Stadt Frankfurt und Wilhelm Engel zu erzielen war, wurde die Tankstelle Ende 1959 zwangsenteignet, sofort abgerissen und mit dem Autobahnbau begonnen.

Wilhelm Engel zog 1960 mit seiner Frau in eine Villa nach Bad Nauheim, wo er 1966 im Alter von 69 Jahren starb.

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