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Hier fühlt sie sich wohl: Die Sulzbacherin Kathrin Martin in ihrer Schreinerwerkstatt in Nieder-Eschbach.

Kathrin Martin

Nach zwei Burn-Outs: Sie gab ihrem Leben neuen Feinschliff

Erst 17 Jahre Unternehmenberaterin, dann Schreinermeisterin mit eigenem Betrieb. Kathrin Martin hat ihr Leben komplett auf den Kopf gestellt und ist glücklich damit.

Es brauchte zwei Burn-Outs, dann erst wusste Kathrin Martin, dass es so nicht weitergehen kann. Vor gut fünf Jahren war das, die Sulzbacherin stand nach dem BWL-Studium und einem MBA-Abchluss in den USA noch bei der Kronberger Unternehmensberatung Accenture unter Vertrag. Sie verdiente prima, glücklich war sie jedoch ganz und gar nicht. Und der Körper machte nicht mehr mit. Doch die Lösung lag näher, als Kathrin Martin damals bewusst war: Sie hatte schon immer gerne mit Holz gearbeitet, sogar bei der Volkshochschule Schreiner-Kurse für Fortgeschrittene belegt. Die berufliche Umorientierung hatte sie allerdings erst „fürs nächste Leben“ ins Auge gefasst.

Dann stellte sie sich die entscheidende Frage: „Warum nicht schon in diesem Leben?“ Knapp über 40 war sie da schon, und dennoch ging der berufliche Wechsel doch problemlos. Nach dem Auflösungvertrag bei Accenture folgten ein Praktikum und schließlich 2014 eine Ausbildungsstelle bei der Hofheimer Schreinerei Ebenholz. Wie ernst und ehrgeizig sie ist, zeigte sich bei ihrem Gesellenstück nach 18 Monaten: Sie bekam als Prüfungsbeste in der Tischler-Innung die Note 1 und wurde – wie bereits vorher vereinbart – Teil der Geschäftsführung der Hofheimer Firma. Ihr Gesellenstück, ein Sideboard in massiver Eiche mit zwei Drehtüren und drei Schubkästen, verschönert nun das Wohnzimmer der Familie Martin.

Fast im Rekordtempo folgte im vergangenen Jahr der nächste Schritt: die Suche nach der eigenen Firma. Über eine Plattform der Handwerkskammer knüpfte die dreifache Mutter den Kontakt zu dem Nieder-Eschbacher Stephan Schulz, der seinen Betrieb altersbedingt übergeben wollte. Parallel dazu legte Kathrin Martin noch ihre Meisterprüfung ab und führt sei Juni 2017 die Möbelmanukatur „FeinSchliff“ in de Frankfurter Stadtteil – drei Mitarbeiter, eine Bürokraft, ein Azubi und ein Jahrespraktikant.

Sicher war das für ihre Angestellten erst einmal eine Umstellung. Nicht nur, weil sie eine Frau ist, auch ihr Führungsstil ist ein anderer. „Ich möchte, dass sie eigenverantwortlicher arbeiten“, sagt sie über die Angestellten, „da sind sie noch am Üben“. Auch der Umgangston ist jetzt im Betrieb weniger rau. Das war für die Handwerkskollegen auch erst einmal ungewohnt.

Doch eins hat sie unterschätzt: die Verantwortung. „Da hängen Familien dran“, sagt sie. Für die Löhne der Mitarbeiter und die Miete müsse monatlich ein Umsatz von 25 000 Euro in den Büchern stehen. „Das ist schon eine psychische Belastung“, sagt sie. Viele Aufträge kämen kurzfristig; es ist schwer planbar.

Wie schon ihr Vorgänger hat sie sich auf Kita-Einrichtungen und Möbel-Maßanfertigungen spezialisiert. Besonders gefällt ihr jedoch, Wohnungen so umzugestalten, dass ein Umzug aus Platzgründen doch vermieden werden kann. Es ginge darum, Räume clever zu nutzen. „Wir sind uns aber auch nicht zu fein, für eine Viertelstunde irgendwo vorbeizufahren“, sagt Kathrin Martin. „Wir machen auch Kleinkram.“

Was ihr an ihrer neuen Rolle nicht ganz so gut gefällt: „Im Moment habe ich mehr Administratives als mir lieb ist“, sagt die 46-Jährige. Angebote schreiben, die Homepage aktualisieren – all’ das frisst viel Zeit. Sie hat sich aber zum Ziel gesetzt, mindestens ein Tag in der Woche in der Werkstatt zu arbeiten. Doch auch wenn die Arbeitszeit immer wieder bis in die Abendstunden reicht: Sie ist der „Herr über meine eigene Zeit“. Und vor allem: Sie liebt ihren Job. Das war 17 Jahre lang nicht so.

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